Mein Geheimnis

«Ich lebe hier seit neun Jahren illegal»

Sie leben in unserer Mitte, doch die Behörden dürfen nichts davon wissen. So geht es auch Maria Fernandez* aus Südamerika. Die Mittdreissigerin erzählt, wie sie in Winterthur ohne Aufenthaltsbewilligung lebt.

Ein Kindermädchen ohne Aufenthaltsbewilligung: Viele Sans-Papiers arbeiten in Privathaushalten.

Ein Kindermädchen ohne Aufenthaltsbewilligung: Viele Sans-Papiers arbeiten in Privathaushalten. Bild: Shotshop (Symbolbild)

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«Ausser meinen besten fünf Freundinnen habe ich niemandem von meinem Geheimnis erzählt. Ich bin vor neun Jahren aus Südamerika ausgewandert und lebe seitdem illegal in der Schweiz. Ich bin zwar regulär eingereist und habe einen gültigen Pass, den ich ständig auf mir trage. Aber eigentlich hätte ich nicht länger als 90 Tage bleiben dürfen. Meine besten Freundinnen wollte ich nicht anlügen. Ich kenne sie schon lange, habe Vertrauen zu ihnen. Ich weiss, dass sie es nicht missbrauchen würden.

Anderen Personen kann ich nichts sagen. Sie könnten mich verraten und dann müsste ich vielleicht das Land verlassen. Ich will aber nicht gehen, denn mein Lebensmittelpunkt ist in der Schweiz. Und auch der meiner Tochter: Ich habe sie hier zur Welt gebracht, sie ist hier aufgewachsen und geht hier in den Kindergarten. Sie kennt nichts anderes – das Herkunftsland ihrer Mutter schon gar nicht. Der Vater meiner Tochter stammt nicht aus Europa, also hat auch meine Tochter keinen legalen Status. Sie weiss es aber noch nicht.

Ich war sehr glücklich, als ich schwanger wurde. Gedanken habe ich mir nicht viele gemacht. Dass ich eine Krankenversicherung für die Geburt im Spital brauchen würde zum Beispiel. Eine Freundin hat mich an eine unabhängige Beratungsstelle verwiesen. Die haben mir geholfen, eine Versicherung abzuschliessen. Auf dem Zivilstandsamt gab es keine Probleme, die haben die Geburt registriert und keine Meldung gemacht.

Anfangs hatte ich viel Angst vor der Polizei. Mit den Jahren verschwand auch die Angst. Die können schliesslich nicht an meinem Äusseren ablesen, dass ich keine Aufenthaltsbewilligung habe. Eine Freundin fragte mich einmal, als wir an einer Polizeistreife vorbeigingen, ob ich keine Angst habe. ‹Nein›, sagte ich. ‹Ich habe ja nichts Schlechtes gemacht.› Am sichersten fühle ich mich, wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin. Wir gehen in Winterthur oft zusammen in die Badi oder in Parks. Wir sehen aus wie eine normale Mutter mit ihrem Kind. Ich denke nicht, dass jemand Verdacht schöpfen könnte. Die Kindergärtnerin meiner Tochter erfuhr bei der Einschulung, dass wir illegal hier leben. Sie hat mir gesagt, dass ich mit niemandem darüber reden dürfe.

In Südamerika habe ich drei weitere Kinder. Die Älteste hat die Mittelschule gerade abgeschlossen. Eigentlich wollte sie nun studieren, doch finanziell ist das kaum machbar. Selbst an den staatlichen Unis muss man Gebühren für die Examen bezahlen und das Schulmaterial kostet viel Geld. Während der Schule ist meine älteste Tochter jeweils abends arbeiten gegangen. Verdient hat sie aber praktisch nichts. Nun will sie Polizistin werden, doch die teure Uniform müsste sie selber bezahlen.

Ich bin in die Schweiz gekommen, weil ich in Südamerika keine Perspektive hatte und nicht für den Unterhalt meiner Kinder hätte aufkommen können. Hier konnte ich arbeiten und meinen Kindern bisher eine gute Ausbildung finanzieren. Ob ich meiner Ältesten auf ihrem weiteren Weg helfen kann, weiss ich allerdings nicht. Mit meinem bescheidenen Einkommen von 1600 Franken ist das schwierig. Ich arbeite seit meiner Ankunft als Kinderbetreuerin in einem Privathaushalt. Den Job hat mir eine Freundin vermittelt, bevor ich in die Schweiz gekommen bin. Nach neun Jahren braucht das Kind keine Betreuerin mehr – und ich stehe vielleicht bald ohne Job da. Da es in der Schweiz ohnehin schon Arbeitslose gibt, ist es für Illegale noch viel schwieriger, etwas zu finden. Und ohne Arbeit kann ich hier nicht leben. Manchmal, wenn es schwierig ist, sage ich mir: ‹Jetzt gehe ich.›

Sorgen macht mir auch die Frage, wo ich in Zukunft wohnen kann. Die letzten Jahre habe ich bei meinem Partner gelebt. Obwohl er nicht der Vater meiner Tochter ist, hat sie ihm Papa gesagt. Meinen Ex-Partner wollte ich nie zu einer Heirat drängen, auch wenn ich so zu einer Aufenthaltsbewilligung gekommen wäre. Vor einigen Monaten haben wir uns getrennt.

Solange meine Tochter noch in den Kindergarten ging, konnten wir bei ihm bleiben. Vor kurzem zogen wir zu einer Freundin. Ich dürfe es nur ja niemandem erzählen, sagt sie. Und niemals meine Adresse bekannt geben. Sie fürchtet sich vor einer Busse. Ich würde so gerne normal hier leben und arbeiten. Aber ich weiss, dass es dazu keine Möglichkeit gibt.»

Haben Sieauch ein Geheimnis, das Sie teilen möchten? ­ Schreiben Sie uns an ­redaktion@landbote.ch

Erstellt: 28.07.2016, 17:15 Uhr

Mein Geheimnis

*Maria Fernandez

Das Gespräch mit Maria Fernandez (Name von der Redaktion geändert) fand im Büro des Vereins Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich statt. Dieser Text ist der Auftakt der neuen Serie «Mein Geheimnis». Haben Sie auch ein Geheimnis? Schreiben Sie uns an redaktion@landbote.ch.

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