Frauen in der Chefetage

«Ich schlafe am Wochenende wie ein Kamel»

Jill Lee ist Finanzchefin bei Sulzer. Eine Karriere war nie ihr Ziel. Ihr Mann hat seine für die Familie aufgegeben.

Die Singapurerin Jill Lee ist seit April 2018 Finanzchefin von Sulzer. Bild: Nathalie Guinand

Die Singapurerin Jill Lee ist seit April 2018 Finanzchefin von Sulzer. Bild: Nathalie Guinand

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Jill Lee ist in Singapur aufgewachsen. Sie war das Jüngste von drei Mädchen und lebte zusammen mit ihren Eltern, Onkel und Tante, in einem grossen Haushalt mit fünf Kindern. Ihre Eltern waren aus China eingewandert.

«Wir lebten bescheiden, aber es fehlte uns an nichts», erinnert sich Lee. Sie sitzt in einem grosszügigen Büro im 14. Stock des Sulzer Hochhauses. Ihren Bürotisch hat sie als Stehpult eingerichtet, mit Blick über die Hügel von Winterthur.

Lee trinkt einen Tee und erzählt von ihren Eltern: Der Mutter, die nie eine Schule besucht hatte und ihr Leben lang Hausfrau blieb. Dem Vater, der in der britischen Armee gedient hatte, und dann eine Renovationsfirma gründete.

«Das alles, bevor Du denkst: Was könnte da für mich herausschauen?»Jill Lee,
Finanzchefin Sulzer

«Meiner Mutter war es immer wichtig, dass wir unsere Chance nutzten und uns so gut ausbilden, wie möglich.» Ihr Vater habe einfach gesagt, die Töchter sollten viel lernen, um später einen «White-Collar- Job» machen zu können, keinen «Blue-Collar-Job» wie er.

Jill Lee war unter den fünf Kindern, die zusammen aufwuchsen, die beste Schülerin. Sie habe es immer gemocht, zu lernen, erzählt sie. Also studierte Lee, und zwar Buchhaltung. Es war eine pragmatische Wahl. «Ich wollte einen Beruf ergreifen, der meine Familie finanziell nicht belastet.»

Als Lee 1985 den Abschluss in Business Administration machte, herrschte in Singapur Wirtschaftsflaute. Entsprechend schwierig war es, einen Job zu finden. Lee schrieb Spontanbewerbungen, eine davon an Siemens. «Ich hatte viel Respekt vor deutschen Produkten, ich assoziierte sie mit guter Qualität.»

Im Vorstellungsgespräch machte Lee dann einen so guten Eindruck, dass sie einen Job bekam. «Er war schlecht bezahlt und der Lohn während zwei Jahren eingefroren - aber ich war happy», sagt Lee und lacht. Sie habe jede Möglichkeit genutzt, um zu lernen. Sobald sie mit der Arbeit fertig war, habe Sie ihre Chefs immer gefragt: Was kann ich sonst noch tun, um zu helfen?

«Sie schätzten Ehrlichkeit»

Ihren Arbeitsethos verdanke sie ihrem Hintergrund, sagt Lee. «Ich habe nichts für selbstverständlich genommen, weil ich wusste, dass meine Familie immer hart gearbeitet hatte.» Zudem war die Familie sehr stolz auf sie, weil sie als einzige eine Universität besuchte. «Ich schätzte mich glücklich, diesen Job bei Siemens gefunden zu haben in dieser Zeit», sagt Lee. Ihre direkte Vorgesetzte war eine Frau, die sie stark förderte.

Doch nach zwei Jahren hatte sie das Gefühl, über ihre Rolle in einem Produktionsbetrieb hinaus zusätzliche Erfahrungen machen und andere Unternehmenskulturen kennenlernen zu müssen. Lee war ihrem deutschen CFO gegenüber ehrlich und sagte, dass sie einen neuen Job suche. Er ermunterte sie, trotzdem mit der betriebsinternen Weiterbildung in Deutschland weiterzufahren.

Als sie danach nach Singapur zurückgekehrt war, wechselte sie zur amerikanischen Firma AT&T. Ein Jahr später bot ihr Siemens eine interessante Position an und sie wechselte wieder zurück. «Ich profitierte davon, dass ich Vorgesetzte hatte, die meine Ehrlichkeit schätzten und zu denen ich eine vertrauensvolle Beziehung hatte.»

«Das alles, bevor Du denkst: Was könnte dabei für mich herausschauen?»

Sie habe ihrer Karriere nie geplant, sagt Lee. «Ich habe mich immer darauf konzentriert, nützlich zu sein und von den Managern und Kollegen um mich herum zu lernen.» Sie habe das Glück gehabt, dass ihre Vorgesetzten und Kollegen ihre Arbeitseinstellung schätzten.

Auch sexuelle Diskriminierung habe sie nie erfahren. Nie hatte sie das Gefühl, als Frau weniger Chancen zu haben. Vielleicht sei Singapur ein Vorteil gewesen, sagt Lee. «Wir waren ein Land mit 3.5 Millionen Menschen, da braucht es jeden Einzelnen, damit die Gesellschaft funktioniert.» Viele politische Strategien seien deshalb vom Gedanken gesteuert gewesen, duale Einkommen zu unterstützen. Der Regierung habe Bildung als «Game Changer» verstanden und eingesetzt.

Zurück bei Siemens wurde Lee Mutter. Das war 1991 und Lee 27 Jahre alt. Bis zum Geburtstermin habe sie gearbeitet, erzählt sie. Nach acht Wochen kehrte sie zur Arbeit zurück. Das hätten alle so gemacht. Ihre Mutter habe sie sehr unterstützt und sich um das Kind gekümmert. Bei der Mutter hätten sie und ihr Mann auch zu Abend gegessen und dann das Kind zum Schlafen mit nach Hause genommen. «Am Wochenende hatten wir Zeit für die Familie.»

1995 entschied sich Lee einen MBA zu machen. «Ich wollte meinen Blick für neue Perspektiven öffnen.» Sie arbeitete Vollzeit, lernte abends und schloss nach zweieinhalb Jahren ab. Ihr Mann habe sie sehr unterstützt, er habe immer gesagt, sie solle die Dinge tun, die ihr liegen.

Ihr Erfolgsgeheimnis? Wichtig für die Karriere sei es, authentisch zu sein, sagt Lee. «Tut man etwas nur aus Kalkül, kann man keine vertrauensvolle Beziehung aufbauen und seinen Job auch nicht geniessen.» Man müsse Interesse an anderen Menschen zeigen und an den Zielen der Firma. «Und das alles, bevor Du denkst: Was könnte da für mich herausschauen?» Wenn man den Leuten helfe, erfolgreich zu sein, dann «mögen sie einen», sagt Lee und lacht. «Ich helfe anderen, weil es mich glücklich macht, nicht, weil ich einen Plan im Kopf habe.»

Ihre Karriere denke sie sich nie abgekoppelt von sich selbst, sagt Lee. «Ich möchte nicht, dass sich die Leute an mich als Visitenkarte erinnern, sondern als Person.» Spezifische Tipps für Frauen, die Karriere machen wollen, hat sie nicht. Generell rät sie am Anfang der Karriere einen offenen Horizont zu haben, immer hart zu arbeiten und den anderen die Möglichkeit zu geben zu erkennen, wer man ist. «Und dann ist da immer das Element Glück.» Wenn Lee von ihrem Werdegang erzählt, kommt das Wort Glück ganz oft vor.

«Er kocht gern»

Heute ist Lee 55 und Finanzchefin von Sulzer, mit 15600 Mitarbeitern weltweit und einem Jahresumsatz von 3.4 Milliarden (Stand 2018). An einem gewöhnlichen Arbeitstag steht sie um 6 Uhr auf, fährt mit dem Zug von Zug nach Winterthur. Um 19 Uhr verlässt sie das Büro wieder. Zuhause isst sie mit ihrem Mann, chattet mit Familienangehörigen, schaut fern und geht nach Mitternacht ins Bett.

«Meine Erlebnisse machen mich optimistisch, dass es ohne Quote geht»

Unter der Woche, sagt sie, brauche sie wenig Schlaf. «Dafür schlafe ich am Wochenende - wie ein Kamel.»Die Stunde Anfahrt von Zug störe sie nicht, sagt Lee. Sie lebe dort, weil es ein schöner Ort sei. Zug sei nicht so gross wie Zürich, wo sie zuvor gewohnt hatte. Und alles sei gut zu Fuss erreichbar.

Zu ihrer Worklife-Balance befragt, sagt Lee: «Mein Mann hat es für mich einfach gemacht. Er war damit einverstanden, zurück zu stehen.» Seit sie 2004 für Siemens nach China wechselte, ist er Hausmann. Er hat Lee in den letzten 15 Jahren ihrer internationalen Karriere von China nach Deutschland und in die Schweiz begleitet. «Er mag es sehr, weil er meine Karriere voll unterstützt, und er sehr gerne kocht.»

Und was denkt die Sulzer-Finanzchefin über eine Frauenquote? «Meine Erlebnisse machen mich optimistisch, dass es ohne Quote geht.» Jedoch müsse man Frauen mehr Möglichkeiten bieten. Denn es gebe gute Gründe, warum es für Firmen von Vorteil sei, Schlüsselpositionen mit Frauen zu besetzen. Ein Problem sieht sie darin, dass gewisse Berufe in der Schweiz zu wenig Frauen anziehen, zum Beispiel der Maschinenbau.

«Wir müssen Frauen ermutigen, diese Berufe zu erlernen.» In China studierten viel mehr Frauen Ingenieurwesen und andere vermeintliche Männer-Disziplinen, sagt Lee. «Das beeindruckt mich.» Gleichzeitig werde in China normalerweise erwartet, dass der Mann mehr verdient und die Frauen den Haushalt führten, wie in Europa.

Sie werde oft von Frauen gefragt, ob es leicht gewesen sei, zusammen mit Mann und Kind ins Ausland zu gehen. Dann antworte sie: «Ihr müsst es für den Partner so einfach wie möglich machen.» Wie immer die Rollen verteilt seien, es sei wichtig, sich gegenseitig Anerkennung zu zeigen, auch für die kleinen Dinge, die einen Haushalt ausmachten. Lees Sohn ist heute erwachsen, er arbeitet und lebt in Kalifornien. Ihr Mann ist nicht mehr in seinen Beruf zurückgekehrt. Er macht immer noch den Haushalt für das Paar.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.06.2019, 16:42 Uhr

Landbote Serie

In einer Serie stellt der «Landbote» in den nächsten Wochen Frauen in Spitzenpositionen vor. Sie lesen heute die zweite Folge.

Fünf Fragen an Jill Lee

Das macht mich glücklich:
Ein romantisches Nachtessen mit meinem Mann

Der häufigste Grund, dass ich mich ärgere:
Wenn Menschen nicht das tun, was sie versprechen zu tun.

Das leiste ich mir, weil ich es kann:
Einmal pro Jahr Ferien mit der Familie.

Damit fahre ich am Abend runter:
Mit einem lustigen Film.

Diesen Wunsch, möchte ich mir noch erfüllen:
Gleitschirmfliegen in den Schweizer Alpen.

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