Winterthur

Die Crux mit den Verkehrsschildern

Gelten Verbotstafeln eigentlich nur für Männer? Die aktuellen Identitäts- und Geschlechterdiskussionen sind in der Welt der Signaletik auf jeden Fall noch nicht angekommen.

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Mindestens zweimal pro Woche halte ich mich nicht an Verbote. Nämlich dann, wenn ich die Rampe zum Theaterparkhaus zu Fuss hinauf- und hintergehe. Was gemäss Verbotstafel nicht erlaubt ist.

Wirklich? – Meine Frau fühlt sich von diesem Verbot überhaupt nicht angesprochen. Das hat mit der bildlichen Referenz auf dem weissen Kreis mit rotem Ring zu tun. Ein Mann mit markantem Profil schreitet dynamisch aus und schwingt die Arme wie beim Defilieren. Er trägt Hut mit Krempe wie Humphry Bogart und ist konservativ gekleidet.

Eigentlich könnte er aus einem grafischen Roman stammen, dort den cleveren Detektiv Philip Marlowe aus einem Krimi von Raymond Chandler verkörpern. Erstaunlich die geradezu erzählerische Fantasie, die sich die Verkehrsschilderentwerfer in irgendeiner eidgenössischen Amtsstube erlaubten. So viel Ironie und Retro-Groove auf einer Verbotstafel hätte man bei allem Respekt nicht erwartet.

Erstaunlich die geradezu erzählerische Fantasie, die sich die Verkehrsschilderentwerfer in irgendeiner eidgenössischen Amtsstube erlaubten.

Freilich hat, wie angesprochen, die realistische Wiedergabe des Mannes mehr als einen Haken. Die Zeichner leben offensichtlich in einer Welt, in der aktuelle Identitäts- und Geschlechterdiskussionen ignoriert werden und auf politische Korrektheit verzichtet wird.

Die penetrant männliche Verbotsreferenz adressiert doch Männer, für Frauen hat sie keine Geltung, sagt meine Frau und schreitet locker auf dem kürzesten Weg zur Kasse die Rampe hinunter. Warum eigentlich wurde nicht die Silhouette einer Frau oder eines Paares mit Kindern verwendet, kommt man ins Philosophieren und stellt dabei fest, wie nach wie vor die männliche Perspektive dominiert.

Der Verdacht der Männer lastigen Ideologie bei den Verantwortlichen für Signaletik verstärkt sich beim Anblick der zweiten Verbotstafel. Sie zeigt einen rasenden Töfffahrer auf seiner Zweiradmaschine aus dem Verkehrsmuseum. Sie könnte als Vehikel in einem schwarzweiss Spionagethriller gedient haben. Selbstredend beginnt man auch hier zu sinnieren und fragt sich, weshalb nicht statt des Tempobolzers eine Frau auf einer Harley Davidson oder einer eleganten Vespa gezeigt wird.

Liegt hier nicht ein krasser Fall von weiblicher Diskriminierung im Bilderrepertoire für Verbotstafeln vor? Aber nicht nur die einschränkende Einseitigkeit gibt zu denken. Wer nur ein bisschen mit den Kunstbewegungen der Moderne vertraut ist, wird nämlich im Töfffahrer einen Verwandten aus dem Motivschatz der italienischen Futuristen erkennen.

Inspiriert von Nietzsches neuem Menschen heroisierten die Künstler männliche Kraft und Dynamik und marschierten so im Gleichschritt mit den italienischen Faschisten. Oh weh! Was zunächst als witziger Bildeinfall erscheint, entpuppt sich bei zweiter Betrachtung als eidgenössisch sanktionierte Diskriminierung der Frauen. Und beim Geschwindigkeitsrausch des Motorradfahrers tun sich überdies politische Abgründe auf.

Nun, vielleicht waren die Zeichner einfach ein bisschen zu naiv, als sie ihre Imagination auf dem sonst eher neutralen und abstrakten Feld der Polizeischilderei auslebten. Unbedarftheit ist zwar eine Erklärung, aber noch lange nicht eine Entschuldigung. Aber vielleicht verhält es sich gerade umgekehrt und handelt es sich um eine raffinierte subversive Entlarvung von Diskriminierung und männlicher Protzerei durch Entwerferinnen von Verbotsschildern. Alles scheint möglich. (Der Landbote)

Erstellt: 14.08.2018, 16:30 Uhr

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