Nachruf

Ein Glücksmensch als Architekt und Künstler

Am Montag ist der Architekt und Künstler Werner Hurter im Alter von 85 Jahren verstorben. Ein persönlicher Rückblick auf sein vielseitiges und beeindruckendes Schaffen.

Werner Hurter im August 2016 in seinem Atelier.

Werner Hurter im August 2016 in seinem Atelier. Bild: Johanna Bossart

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Eigentlich wollte Werner Hurter bis zum Schluss malen, obwohl der Körper bereits an der Schwelle zum Tod stand. Ich fragte ihn, was für ein Bild er denn malen wolle. «Ein wildes», sagte er mit lebendigen Augen und begleitet von einer kräftigen Geste mit dem Arm.

Ich bot ihm meine Hilfe an. Der Gedanke gefiel ihm, der Kritiker als Handlanger des Meisters. Vielleicht dachte er an Werke des Amerikaners Cy Twombly, den er verehrte.

Hurter hat dann den Pinsel nicht mehr in die Hand genommen, aber die Fettkreide. Mit kräftigen Strichen entwarf er ein abstraktes Erinnerungsbild: den Blick von einer Alp auf den Silsersee. Daraus wurde eine Serie.

Die Blätter hängen in seiner Kammer, wo er am Montagabend nach längerer, mit wachem Geist und viel Optimismus ertragener Leidenszeit im Kreise seiner Angehörigen in seinem Haus in Thaa eingeschlafen ist.

Alles, was ihm lieb war, umgab ihn: Familienfotos, Bilder, Zeichnungen und Skulpturen seiner Künstlerfreunde.

Alles, was ihm lieb war, umgab ihn: Familienfotos, Bilder, Zeichnungen und Skulpturen seiner Künstlerfreunde. Auf dem Tischchen lag auch ein kleiner Katalog des renommierten englischen Bildhauers Anthony Caro. Den hatte ihm Dieter Schwarz, ehemaliger Direktor des Kunstmuseums Winterthur, bei seinem letzten Besuch geschenkt.

Hurter war ja nicht ausschliesslich Maler, sondern arbeitete auch als Bildhauer, vorwiegende mit Eisen. Darum bedeutete ihm der Eisenplastiker Caro etwas. Was dieser nicht konnte, hatte Hurter geschafft: Eisenbalken in die Höhe werfen. Davon zeugt das von ihm entworfene rotfarbene «Gewölk» bei der Berufsfachschule an der Tösstalstrasse.

Hurter war in allem Autodidakt, ausser als Flachmaler. Er beendete die Lehre, die er hasste, nur seinem Vater, dem Seener Malermeister, zuliebe. Architektur brachte er sich selbst bei, indem er zuerst bei verschiedenen Architekten «stiftete». Dann gründete er sein eigenes Büro mit einem Kompagnon.

Hurter hat Wohnbauten hinterlassen, auf die er bis zuletzt stolz war. Visionär war sein erster Entwurf des Zentrums Seen mit einem Hochhaus. Doch der kommerzielle Druck machte ihn beinahe kaputt. Eine Legende in seiner Vita ist die Szene, als er seiner Frau Traute, die vor etwas mehr als einem Jahr verstarb, in der Badewanne verkündete, er werde fortan Kunst machen. Immerhin musste er eine Familie mit drei Kindern ernähren.

In der hiesigen Kunstszene hinterlässt Hurter eine grosse Lücke

In unglaublich kurzer Zeit etablierte er sich unter den besten der progressiven Winterthurer Künstler, die sich im Kreise um die legendäre Galerie ge formiert hatten, deren Fortbestehen er später sichern half. Tatkräftig unterstützte er die Gründung der Widder-Genossenschaft und war auch bei der Lancierung des Kunstraums an der Konradstrasse beteiligt. Die Kulturstiftung holte ihn als Berater in Kunstsachen. In dieser Funktion hat er die Umwandlung der Remise Büelrain in Ateliers betreut. Und im Vorstand des Kunstvereins trug er den Erweiterungsbau des Kunstmuseums, einen Pionierbau von Gigon Guyer, voller Enthusiasmus mit. 2010 wurde sein vielseitiges Wirken mit dem Kulturpreis der Stadt Winterthur gewürdigt.

Erst im letzten Frühherbst war Hurter zu einer Retrospektive im Oxyd auch innerlich bereit. Vorher stürmte er von einer Phase zur nächsten und blickte nie zurück, auch nicht, als er 2007 von Dieter Schwarz für eine Einzelausstellung ins Kunstmuseum eingeladen wurde. Im Oxyd realisierte er erstmals, was für ein vielseitiges und beeindruckendes Oeuvre er geschaffen hatte.

Angefangen bei den grandiosen Elbstücken, über die intensiven Monochrome, die Bilder zur Industriearchitektur, die Serie der Tische bis hin zu den gestischen Expressionen.

Sein letztes Kunst-am-Bau-Projekt realisierte er in Kooperation mit seinem Sohn Theo Hurter im «Sunnezirkel», einem eben fertiggestellten Neubau mit Seniorenwohnungen in Sulz-Rickenbach. Die Fotos, die ihm der Architekt Walter Hollenstein, einer seiner freundschaftlichen Förderer, ans Bett brachte, liessen seine Augen noch einmal strahlen.

Werner Hurter zählt zur besonderen Gattung der Glücksmenschen mit Urvertrauen. Er hat die Chancen seiner reichen Begabungen und Talente mit viel Engagement und Tatendrang genutzt und dabei sich und viele andere beglückt. In der hiesigen Kunstszene hinterlässt er eine grosse Lücke, deren Ausmass erst allmählich spürbar wird.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.11.2017, 14:59 Uhr

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