Fussball

Eine Bilanz des Grauens

Der FCW überwintert als Neunter der Challenge League, ein Pünktchen vor dem FC Wil. Zwölf Punkte sind mit Abstand die schwächste Vorrundenbilanz seit Einführung der Zehnerliga 2012. Der FCW ist also in akuter Abstiegsgefahr, zumal auch an der Vereinsspitze weiterhin vieles unklar ist.

Eine glatte Enttäuschung war das erste Kalenderjahr von Umberto Romano als Cheftrainer in der Challenge League.

Eine glatte Enttäuschung war das erste Kalenderjahr von Umberto Romano als Cheftrainer in der Challenge League. Bild: Heinz Diener

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Die 35 Punkte aus 36 Ligaspielen 2017, davon 34 unter Trainer Umberto Romano, dazu im Herbst das Aus im Cup schon in der 2. Runde gegen den Erstligisten SR Delémont verdichten sich zu einer Bilanz des Grauens eines Vereins, der zurzeit auf allen Ebenen grosse Probleme hat.

Zweieinhalb Jahre nach dem Rücktritt des langjährigen Vorsitzenden Hannes W. Keller, ein halbes Jahr nach Ablauf von dessen Defizitgarantien hat der FCW noch immer keinen Präsidenten, keine neuen Investoren; die Aktienliegen weiterhin zu 100 Prozent bei der Keller AG. Und negativ ist in dieser Zeit auch die sportliche Entwicklung – von Platz 4 2015 über Platz 6 2016 und 2017 zu Platz 9 jetzt.

Wohin man zurzeit auch schaut, man kann überhaupt nicht zufrieden sein

Wohin man zurzeit auch schaut, man kann überhaupt nicht zufrieden sein. So siehts auf den drei Ebenen desVereins aus:

Vereinsführung – nichts Neues. Vizepräsident Mike Keller formulierte den Bericht zur Lage im «Landboten» im November so: «Wir sind in intensiven Verhandlungen mit einem ausländischen Klub, der eine ähnliche Philosophie und Kultur lebt wie wir. Diese Zusammenarbeit wäre einmalig für beide Klubs und ginge über eine normale Kooperation hinaus.»

Dass es sich dabei um den SC Freiburg handeln könnte, ist weiterhin nicht bestätigt. Nicht bestätigt ist auch, dass seither noch ein anderer möglicher Partner hinzugekommen ist. Heute sagt Keller, der Stand sei noch immer derselbe wie Mitte November.

Je länger es dabei bleibt, desto drängender wird die Problematik. Am2. März 2018 ist der Lizenzantrag für die kommende Saison einzureichen. Aber bei der aktuellen Tabellenlage noch wichtiger ist: Schon in den nächsten Wochen, ja Tagen muss klar sein, wie viel Geld – und ob überhaupt – die sportliche Führung in die Hand nehmen kann, um die Mannschaft für denAbstiegskampf zu verstärken. Ganzallgemein gilt: Je länger der Eindruck von allgemeiner Führungslosigkeit herrscht, desto schwieriger wirds.

Sportliche Führung: «Ernüchterung.» Die liegt mittlerweile allein bei Leiter Sport Oliver Kaiser, zumal sich der langjährige «sportliche Berater des Vorstands», Wolfgang Vöge, offensichtlich diskret zurückgezogen hat. Kaiser formuliert zur Lage unumwunden: «Wir haben nicht im Ansatz erreicht, was wir uns vorgenommen haben, nämlich uns im ruhigen Mittelfeld zu positionieren. Jetzt herrscht Ernüchterung. Und das Ziel kann nur sein: den Super-GAU verhindern.» Das wäre, natürlich, der Abstieg. Auch Oliver Kaiser ist klar: «Wir sind in Gefahr, wir dürfen es nicht locker nehmen.»

«Wir sind in Gefahr, wir dürfen es nicht locker nehmen.»

Also wird es darum gehen, in Absprache mit dem Trainer nach Verstärkungen zu fahnden. «Für mich hat das zen­trale Mittelfeld Priorität», sagt Kaiser. Jene Zone war zuletzt stark ausgedünnt. Kreso Ljubicic ist dort grundsätzlich der Leader, aber wann er wieder spielen kann und in welcher Verfassung, ist nach seiner Kreuzbandverletzung offen. Die nächsten Transfers müssen sitzen, besser als die im Sommer.

Denn die Bilanz der Neuen ist eindeutig unbefriedigend – von Jordi Lopez (trotz guten Ansätzen) bis zu Kofi Schulz. Dass er dafür zumindest mitverantwortlich ist, weiss Kaiser. Was er aber – zu Recht – verlangt: «Dass ich weiss, was ich zur Verfügung habe.» Für den Moment, aber auch für Vertragsverlängerungen mit Blick auf die neue Saison.

Trainer: «Trage Verantwortung.» Das erste Kalenderjahr Umberto Romanos als Cheftrainer in der Challenge League ist, man kann es nicht anders sagen, zumal gemäss Resultaten eine glatte Enttäuschung. Ziemlich genau ein Pünktchen pro Spiel im ganzen Jahr, gar nur noch 0,66 Punkte im Herbst – das ist bedenklich, das ist der Schnitt eines Absteigers.

Es ist zu sagen, Romano habe von jenem Schwung verloren, der ihn noch im Frühjahr auszeichnete – in den Wochen des Cup-Coups in Bern und mit vier Siegen in Folge in der Liga. Irgendwie dünkt einen auch, er habe mit der Umstellung von «seiner» Dreier- auf eine Viererabwehr etwas von seiner Identität verloren.

Unmissverständlich ist, dass die Entwicklung der Mannschaft unerfreulich ist – auch wenn ihre Zusammenstellung gewiss nicht in erster Linie in seine Verantwortung fällt. Aber Lopez beispielsweise ist «sein» Mann. «Ich bin der Trainer, ich trage die Verantwortung», sagt Romano pflichtschuldig. «Mehr Breite mit Qualität» sähe er nun gerne, «denn wir haben keinen Konkurrenzkampf.» Auch er sieht die Defizite vor allem «in der Achse».

«Ich bin der Trainer, ich trage die Verantwortung»Umberto Romano

Er ist weiterhin der Meinung, die Mannschaft sei noch nie klar geschlagen worden, hätte sehr oft mehr erreichen können – ein Unentschieden statt einer Niederlage, einen Sieg statt eines Punkts. Aber wem das so oft widerfährt wie dem FCW, wer immer wieder verliert wegen individueller Fehler, wie sie zuletzt Lopez (gegen Schaffhausen) und Denis Markaj (in Neuenburg) unterliefen, der hat ernsthafte Defizite. Am guten Willen, am Kampfgeist fehlt es diesem FCW nicht, aber Siegermentalität ist doch etwasanderes. Die «Charakterköpfe», wie sie Romano im Sommer noch forderte, sind weiterhin nicht zu sehen.

Wichtig ist aber auch, dass Kaiser und Romano vertrauensvoll zusammenarbeiten. Für eine Art Neuanfang nach einem Jahr, dessen Resultate manchenorts zu einer allein dadurch zu begründenden Trainerentlassung führen würden. Das weiss auch Romano. Aber das (schwache) Gesamtbild, das der FCW zurzeit von oben herab abgibt, muss nicht immer dazu führen, dass der Trainer zu büssen hat. Wie vor einem Jahr Sven Christ, vor zwei Jahren Jürgen Seeberger.

Besser geworden ist ja nichts. Gut, ja erstaunlich gut geblieben ist nur der Zuschauerschnitt. Einzig der designierte Aufsteiger Neuchâtel Xamax hat 200 pro Spiel mehr als der FCW mit seinen 3000.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.12.2017, 11:17 Uhr

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