Altstadt

«Im Herzen bin ich noch immer Italienerin»

Maria Teresa Ippolito (62) verkauft im an den Coiffeursalon Bruno angrenzenden Laden italienische Lebensmittel.

Die Coiffeuse Maria Teresa Ippolito mit einer Kiste frischer Feigen. Durch die Fensterscheibe erkennt man im Hintergrund ihren Chef Bruno. Foto: Marc Dahinden

Die Coiffeuse Maria Teresa Ippolito mit einer Kiste frischer Feigen. Durch die Fensterscheibe erkennt man im Hintergrund ihren Chef Bruno. Foto: Marc Dahinden

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«Nächstes Jahr lebe ich seit 50 Jahren in der Schweiz. Zuerst bin ich eigentlich nur in den Ferien mit meiner Mutter hierhergekommen, um meine Schwester zu besuchen. Sie und Ernesto Bruno, mit dem ich heute den Laden und den angrenzenden Coiffeur Salon führe, waren schon damals ein Paar. Irgendwie sind meine Ferien dann doch etwas länger geworden und so lebe ich noch heute hier.

Weil zu dieser Zeit gerade mein Neffe zur Welt kam, habe ich ihn gehütet, wenn meine Schwester zur Arbeit ging. Später habe ich dann selbst die Ausbildung zur Coiffeuse gemacht. Erst nur für Damenfrisuren, dann auch für Herren und noch später habe ich mich zur Kosmetikerin weitergebildet. Heute habe ich viele Stammkunden, die meisten sind Schweizer, die sich nur von mir die Haare schneiden lassen. Besonders geniesse ich dabei die Gespräche mit ihnen, deshalb stehe ich auch sehr gerne hier im Laden. Man hat einfach Zeit, sich noch ein wenig mit den Leuten zu unterhalten.

«Italienische Politik ist viel «Blabla» und am Ende machen sie doch, was sie wollen.»Source

Es gibt Tage, an denen spreche ich selten Italienisch, weil auch ein Teil unserer Angestellten nur Deutsch spricht. Wenn ich aber zuhause fernsehe, dann meistens auf Italienisch. Ich liebe Krimiserien und Talentshows. Übers Fernsehen bleibe ich auch über die Politik Italiens auf dem Laufenden. Es ist viel «Blabla» und am Ende machen sie doch, was sie wollen.

Maria Teresa Ippolito will in Zukunft noch öfters am Ladentisch stehen. Bild: mad

Da ist es in der Schweiz schon etwas anders. Überhaupt ist die Bürokratie hier angenehmer. Das habe ich gemerkt, als ich Ende der 80er Jahre für zwei Jahre zurück nach Kalabrien ging, wo ich herkomme. Mir wurde bewusst: Italien ist schön, um dort Ferien zu machen. Diese Erfahrung tat mir gut. Im Herzen bin ich natürlich noch Italienerin, aber in meinem Handeln sagen mir viele, dass ich Schweizerin bin. Obwohl ich zwischen beidem gar nicht so einen grossen Unterschied sehe. Ich sage immer: Die Schweiz hat mich adoptiert.

«Bruno ist der Chef.»

Seit ich hier bin, habe ich fast nur in Wülflingen gewohnt. Einmal bin ich für eine kurze Zeit nach Pfungen und dann wieder zurück. Winterthur gefällt mir sehr, nur der See fehlt. Deshalb gehe ich ab und zu gerne nach Rapperswil oder Stein am Rhein. Mag sein, dass ein See im Winter aber etwas traurig wäre. Das Meer finde ich dann nämlich auch immer bedrückend. Dafür kann man im Winter Skifahren. Mit 19 Jahren habe ich es gelernt und seither gehe ich jedes Jahr. Ich bin Mitglied im Skiclub Winterthur. Jedes Jahr ist der Club für drei Wochen in den Dolomiten, während einer Woche gehe ich jeweils mit. Auch in Stoss, Elm, Davos und an anderen Orten bin ich dabei. Ich fühle mich fit, an die Pensionierung mag ich noch nicht denken.

Es wäre nicht einfach für mich, von einem Tag auf den anderen zuhause zu bleiben. Die Arbeit im Coiffeur Salon werde ich aber vermutlich reduzieren und nur noch meine Stammkundschaft betreuen. So kann ich mehr im Laden stehen und die italienischen Spezialitäten verkaufen.

Wenn ich daran denke, wie sich hier alles verändert hat. Angefangen hat Bruno mit dem Verkauf seines selbstgepressten Olivenöls, das er auch heute noch verkauft. Dann kam die Tomatensauce dazu, ebenfalls aus Eigenproduktion. Für eine Zeit hatte ich meine eigene Ecke als Kosmetikerin direkt im Laden. Irgendwann haben wir dann zusätzlich den Raum fürs Haareschneiden gemietet. Alles gehört uns beiden, aber ich sage immer: Bruno ist der Chef.»

Erstellt: 14.10.2019, 17:41 Uhr

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