Winterthur

Im Schatten der Grossen

Für natürliches Gebären ohne medizinische Intervention, dafür stehen die Geburtshäuser. Noch gibt es zwei im Kanton. Ein Projekt in Winterthur ist gescheitert.

Alles bereit für eine Wassergeburt: Im Geburtshaus Zürcher Oberland entscheiden sich viele Schwangere für dieses Art des Gebärens.

Alles bereit für eine Wassergeburt: Im Geburtshaus Zürcher Oberland entscheiden sich viele Schwangere für dieses Art des Gebärens. Bild: Moritz Hager

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Rund 450 Kinder werden bis Ende Jahr in den zwei Geburtshäuser von Bäretswil und Zürich zur Welt gekommen sein, den beiden einzigen im Kanton. Gemessen an den rund 1742 Geburten allein am KSW (2014), ein Klacks? «Halt, halt.» Die Hebamme Beatrix Angehrn vom Geburtshaus Zürcher Oberland in Bäretswil interveniert. Natürliche Spontangeburten ohne jegliche äusseren Eingriffe seien das weitaus mehr als beispielsweise am Kantonsspital Winterthur. «Darin sind wir die wahren Fachexpertinnen.» Wichtig sei die 1:1-Betreuung rund um die Uhr, vor und nach der Geburt, die lediglich die Geburtshäuser leisten würden, das ganze in betont nicht-klinischem Umfeld. «Familien-Nest» heisst die chaletartige Wochenbett-Attikawohnung, in der die frischgebackenen Eltern noch ein paar Tage bleiben.

Seit 2009 sind diese ebenfalls auf der Spitalliste, damit in der Grundversicherung und ebenfalls in der Pflicht, die kantonalen Vorgaben zu erfüllen. 2013 schloss das Andelfinger Geburtshaus Weinland. Angeblich war der administrative Aufwand zu gross geworden.

Kaiserschnitt, Einleitung, Wehenbeschleunigung. Für Angehrn und ihre Kolleginnen sind das Eingriffe, die in grossen Zentrumsspitälern und Privatkliniken leichtfertig, aber gezielt vorgenommen würden. Um Zeit und Geld zu sparen, nehme man Abstriche bei der Qualität und dem Wohl von Mutter und Kind in Kauf. «Dabei sollten beide gestärkt aus der Geburt hervorgehen, nicht geschwächt.» 90 Prozent der schwangeren Frauen seien kerngesund, bereit für eine natürliche Geburt. Und doch erfolge jede dritte Geburt per Kaiserschnitt und lediglich noch etwa fünf Prozent natürlich.

Lokales Projekt gescheitert

Etwa 30 Paare pro Jahr nehmen die 35 Autominuten von Winterthur nach Bäretswil für eine «stressfreie Geburt» in Kauf. «Die Nachfrage für ein städtisches Geburtshaus wäre da», sagt Yvonne Haldemann von der Hebammenpraxis Alchemilla. Zusammen andern Hebammen hatte sie geplante, in einer Villa am Fusse des Brüelbergs ein Geburtshaus eröffnen. Vor rund einem halben Jahr sei der Hausbesitzer und Verwalter dann aber nach langem Abwägen doch abgesprungen. Das privatfinanzierte Projekt ist damit vom Tisch.

«Schade», findet auch Beatrix Angehrn vom Geburtshaus Oberland. «Es wäre Werbung für die marginalisierte, aber sichere natürliche Geburt gewesen.» In Skandinavien oder Neuseeland sei die Trendwende längst erfolgt. Auch Mona Schwager, die Leiterin des Bachelor-Studiengangs Hebamme an der ZHAW (siehe Kasten), hätte ein lokales Geburtshaus unterstützt: «Werdende Mütter hätten dann eine echte Wahlfreiheit.» Die Geburtshilfe beim KSW sei ab nächstem Jahr die einzige in der Nähe gelegene Option.

Geburtshaus neben KSW?

Die beiden Zürcher Geburtshäuser stehen derzeit mit der kantonalen Gesundheitsdirektion im Rechtsstreit. Diese hat verfügt, dass die Grundversicherung per 2015 Folgegeburten von Frauen mit Kaiserschnitt in Geburtshäusern aus Risikogründen nicht mehr deckt. Es gehe ihr nicht um die zwölf Fälle mit Sectio pro Jahr, die sie verliere, sagt Angehrn. «Einmal mehr wird suggeriert, dass Gebären im Geburtshaus weniger sicher ist. Das Gegenteil ist wahr.» Unbestritten sei, dass Steissgeburten, bei Mehlingen oder einer Plazenta, die vor dem Muttermund liegt, des Geburtskanals durch die Plazenta komme, in einem Spital mit der nötigen Infrastruktur und Spezialisten stattfänden.

Eine Lösung, die sowohl dem gewachsenen Sicherheitsbedürfnis der Mütter und dem Ansatz der natürlichen Spontangeburt gerecht würde, sähe die ZHAW-Studiengangleiterin Schwager in Geburtshäusern auf dem Grundstück von Spitälern, in unmittelbarer Nachbarschaft. «Die Idee hört sich gut an. Eine entsprechende Anfrage würden wir sicher prüfen», sagt Elke Prentl, die Chefärztin der KSW-Klinik für Geburtshilfe, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass man im KSW erstens bereits hebammenzentriert entbinde und dies zweitens auch «ohne jegliche medizinische Intervention» möglich sei.

Geburtshaus Zürcher Oberland, Bäretswil, geburtshaus-zho.ch. Geburtshaus Delphys, Zürich, delphys.ch.

Erstellt: 23.12.2015, 11:48 Uhr

Hebammen-Bachelor

66 Studentinnen haben im Herbst an der ZHAW den Studiengang Hebamme begonnen. Der Andrang scheint gross. Nur rund die Hälfte der Interessentinnen werden laut Studienleiterin Mona Schwager zugelassen. Hausgeburten gibt es in Winterthur aber nur noch vereinzelt. Um auf eine Mindestanzahl betreuter Geburten und Wöchnerinnen zu kommen, absolvieren die Studentinnen ihre Praktika vor allem im Spital, aber auch bei frei praktizierenden Hebammen.

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