Spiel um Geld

Im Strudel der Börsenkurse

Das «Trade Center» an der Technikumsstrasse will Börsenhandel als Feierabendvergnügen unters Volk bringen. Ist das seriös? Unser Reporter macht einen einwöchigen Selbstversuch, als «Day Trader» zum schnellen Geld zu kommen.

Will Taxifahrer und Coiffeuse an die Börse bringen: Firmenchef Sehattin Kavsuk bei der Eröffnung Ende Juni.

Will Taxifahrer und Coiffeuse an die Börse bringen: Firmenchef Sehattin Kavsuk bei der Eröffnung Ende Juni. Bild: Archivbild / Madeleine Schoder

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Grosser Apéro im Erdgeschoss des Hotels Plaza, es ist der Donnerstag vor dem Albanifest. Gefeiert wird die Eröffnung des «Trade Center», das sich auf seiner Website als «Weltneuheit» anpreist. Die Männer tragen glänzende Polyester-Anzüge und viel Gel im Haar. Die Inneneinrichtung soll einem Börsenraum nachempfunden sein, erinnert aber an eine Mischung aus Raumschiff und Spielsalon. An drei kreisrunden Sitzinseln sind je acht Touchscreens angebracht, über den Köpfen schweben jeweils drei weitere Bildschirme. Hier soll bald mit Währungen und Rohstoffen gehandelt werden.

Der Chef sagt nie «spielen»

Der Geschäftsführer, Sehattin Kavsuk, 46 Jahre alt, silberne Schläfen, elegante Erscheinung, achtet eisern darauf, nie das Wort «spielen» in den Mund zu nehmen. Das Trade Center sei ein Treffpunkt für Börseninteressierte. Im Vordergrund stehe der soziale Austausch. «Wir haben das in Testläufen ausprobiert und es war herrlich zu sehen, wie schnell unsere Gäste Wissen aufgebaut haben und Investment-Tipps ausgetauscht haben.» Getestet wurde unter anderem im Keller der Take-24-Tankstelle an der Zürcherstrasse.

Kavsut betont: «Wir benutzen die gleiche Handelsplattform, welche viele Schweizer Banken ihren Kunden auch anbieten.» Die Geschäfte wickelt der Kunde beim Dienstleister IronFX mit Sitz in Zypern ab, die Trade Center AG vermittelt die Kunden und verdient an den Kommissionen. Das Trade Center richtet sich nicht an Börsenkenner, sondern an den kleinen Mann, den Taxifahrer oder die Coiffeuse. «Die meisten unserer Kunden setzen 50 bis 150 Franken ein», sagt Kavsut.

Selbstversuch braucht Geduld

Seriöser Kleinanlegertreff oder Börsencasino? Ein Selbstversuch soll Klarheit bringen. Ausgerüstet mit Identitätskarte und einer Telefonrechnung zwecks Wohnsitznachweis suche ich am Mittwoch nach dem Albanifest das Trade Center auf. Zwei Rentner rauchen im Fumoir, ansonsten ist das alles leer, die Bildschirme sind schwarz. «Es ist noch nicht alles bereit», entschuldigt sich die Kellnerin. Ich könne zwar bereits handeln, aber vorerst nur per Handy-App. Ich willige ein und sie nimmt meine Daten auf.

In einer Viertelstunde soll es losgehen. Tatsächlich werde ich noch zweimal ins Center gehen, bis alles funktioniert: Die Bank schickte die Kontobestätigung erst nach einem halben Tag, weil sie ein Formular in deutsch statt englisch erhalten hat. Nachdem ich eine zweiseitige Haftungserklärung unterzeichnet und ein Trade-Center-Konto eröffnet habe, lade ich die Handelsapp «Meta Trader 4» herunter, lasse meine Kreditkartendaten erfassen und zahle 50 Franken auf mein Konto ein. Ich habe eingewilligt, dass mein Pseudonym in der internen Rangliste erscheinen darf, die auf allen Bildschirmen im Trade-Center eingeblendet wird und zeigt, wer gerade wie viel Rendite erzielt.

Wetten gegen das Pfund

Jetzt könnte es losgehen. Ich möchte Schweizer Aktien kaufen, doch die Handelsplattform bietet nur angelsächsische Papiere an. Also kaufe ich 0.02 Unzen Gold für etwas über 20 Franken und hoffe auf einen steigenden Kurs. Aber auch auf fallende Kurse kann man spekulieren. Also setze ich mit rund 10 Franken gegen das Pfund. «Order closed», sagt mein Handy. Die Wette gilt!

Trotz des geringen Einsatzes schwankt mein Portfolio im Frankenbereich.

Und so werde ich, der in seinem Leben nie eine Aktie geschweige denn Rohstoffe besessen hat, zum Day-Trader. Sekundengenau zeigt mir mein Handy den Stand meines Portfolios. Und das schwankt trotz des geringen Einsatzes im Frankenbereich. Wie ist das möglich? Durch einen Multiplikator, den «Hebel».

1 Prozent bringt 100 Franken!

Alle Geschäfte, die ich getätigt habe, sind sogenannte Contracts for Difference (CFD). CFDs sind komplexe Finanzinstrumente, die aber leicht zu benutzen sind. Durch ihre Volatilität sind sie umstritten (siehe Kasten). Betrachten wir mein Konto: Ich habe für rund 20 Franken Gold gekauft. Steigt der Goldpreis um ein Prozent, wäre ich ohne Hebel um 20 Rappen reicher. Mit einem Hebel von 10 sind es zwei Franken. Meine Kundenberaterin hat mir bei der Kontoeröffnung einen Hebelfaktor von 500 empfohlen. Steigt der Goldpreis um ein Prozent, hätte ich meinen Einsatz versechsfacht und wäre 100 Franken reicher.

Das gleiche Prinzip gilt natürlich auch in die umgekehrte Richtung. Sinkt der Goldkurs um 0,2 Prozent, ist mein gesamter Einsatz bereits aufgebraucht. Verschulden kann ich mich nicht, denn mein Konto funktioniert wie ein Prepaid-Handy: Abgebucht wird nur was ich eingezahlt habe. Bevor das Guthaben unter Null sinkt, verkauft die Handelsplattform automatisch meine Positionen. Das kann ein kurzes Gastspiel als Händler werden!

Durch den extremen Hebel werden minime tägliche Kursschwankungen zu Bergen und Tälern. Innerhalb eines Tages ist meine Gold-Position 20 Franken ins Minus gerutscht, das Pfund liegt einige Franken im Plus. Mit dem restlichen freien Geld kaufe ich auf Anraten meines Chefs Schwedische Kronen, denn die seien unterbewertet. In jeder Pause starre ich auf mein Handy und gucke, wie sich meine Anlagen entwickeln.

Verspekuliert: Mein Portfolio hängt im Minus fest. (bkr)

Bilanz nach einer Woche: Aus 50 Franken sind 26.50 Franken geworden. Statt im Handumdrehen mein Geld zu vermehren, habe ich es innert Wochenfrist halbiert. Das Gold brachte mir ein leichtes Plus, das erstarkte Pfund und die schwächelnden Kronen kosteten mich 16 beziehungsweise 11 Franken. Hätte ich mit mehr Börsenwissen besser abgeschnitten? Wohl kaum – das tägliche Auf und Ab ist zu unberechenbar.

Bin ich spielsüchtig?

«Sind Sie spielsüchtig» hatte mich der Kundenberater zu Beginn gefragt. «Nein», sagte ich damals. Stimmt das? Nach einer Woche ständigem Aufs-Handy-Schauen bin ich nicht mehr ganz sicher, ob ich das so überzeugt verneinen würde. Steigende Kurse machen Spass und Verluste triggern den Ehrgeiz.

Das Pfund steigt, die Krone sinkt. Innert einer Woche hat sich mein Geld halbiert.

Das Prepaid-System verhindert zwar, dass mein Konto ins Minus rutscht, aber nicht, dass ich bei nächster Gelegenheit frisches Geld einzahle. Kavsuk betont, seine Mitarbeiter seien auf Suchtprävention geschult. Gleichzeitig ist das Center so aufgebaut, dass durch die ständig präsenten «High-Scores» das Wettbewerbsdenken gefördert wird und ein sozialer Druck entstehen soll. Wenn meine Bekannten gewinnen und ich verliere – könnte ich das kühl wegstecken? Und wenn ich gewinne, könnte ich aufhören?

Die Tische bleiben leer

Bei meinem letzten Besuch im Trade Center funktionieren die Bildschirme. Sie zeigen die Champions der Woche an, jene, die am meisten Gewinn machten. Mein Name ist nicht auf der Liste. Obwohl sie kurz ist. Kundschaft ist auch diesmal, wie bei jedem früheren Besuch, keine zu sehen.

Erstellt: 25.07.2017, 18:19 Uhr

Hochriskante Finanzprodukte

Neun von zehn Kleinanlegern «hebeln» sich ins Abseits

Die im Trade Center gehandelten CFDs sind hochriskant. Eine grosse Studie der französischen Finanzmarkt-aufsicht zeigt: Wer ahnungslos investiert, verliert.

Im Winterthurer «Trade Center» handeln Kunden mit sogenannten CFDs (Contracts for Difference). Das sind Produkte mit Hebelwirkung. Kleine Schwankungen im Kurs werden dabei multipliziert, beim Trade Center mit einem Faktor von bis zu 500. Diese Anlageform ist insbesondere im angelsächsischen Raum beliebt. Die bekannteste Studie dazu kommt aber von der französischen Autorité des marchés financiers. Sie wurde im Jahr 2014 veröffentlicht. 16 Millionen Währungs- und CFD-Transaktionen von 15 000 Kleinanlegern wurden ausgewertet.

Affen investieren besser

Die Ergebnisse sind vernichtend. 89 Prozent der Anleger machten Verluste, total 161 Millionen Euro. Demgegenüber standen Gewinne von lediglich 14 Millionen Euro. Bei einem konstanten Markt hätten sich Gewinn und Verlust theoretisch die Waage halten müssen. So aber schnitten diese CFD-Investoren massiv schlechter ab als der Zufall (In der Finanzwelt spricht man auch vom «Affen mit dem Dartpfeil»).
Warum? Die Antwort liefert die sogenannte Behavioural Finance, ein Gebiet, das die Psychologie der Investoren untersucht. Einer ihrer Kernerkenntnisse ist, stark vereinfacht ausgedrückt: Finanzent­schei­dungen trifft man am besten langfristig und mit kühlem Kopf. Je kurzfristiger und je aufgeregter – ob durch Stress, Glücksgefühle, Testosteron oder Gruppendruck – desto schlechter fällt im Mittel die Entscheidung aus. (mig)

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