Sport

Ohne Motor Rolle und Looping fliegen

Kunstflug kann man auch mit Segelflugzeugen machen. Ein junger Meister erzählt, worum es geht und wie er dazu kam.

Pascal Zollikofer mit seinem (geliehenen) Flugzeug an den Schweizer Meisterschaften in Thun.

Pascal Zollikofer mit seinem (geliehenen) Flugzeug an den Schweizer Meisterschaften in Thun. Bild: PD

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Pascal Zollikofer ist 22-jährig und 1.95 gross. Doch er ist nicht Basketballer, sondern legt seinen langen Körper in Segelflugzeuge. Ist da Platz genug? «Kein Problem, in den meisten schon», sagt er. Segelflieger also, und seit einigen Wochen auch Schweizer Meister. Einer von mehreren Schweizer Meistern, muss man ergänzen. Denn wie bei anderen Sportarten gibt es auch beim Segelfliegen verschiedene Wettkampfarten und Kategorien. Zollikofer war beim Wettkampf in Thun der Beste im Segelkunstflug, Kategorie Sportsman, das sind die noch unerfahreneren Piloten. Erst seit einem Jahr fliegt Zollikofer Akro. Am Steuerknüppel von Segelflugzeugen sitzt er seit fünf Jahren.

So sieht ein Akrotraining über Winterthur aus.

Ein Jugend-und-Sport-Kurs entzündete damals das Feuer fürs Fliegen. Eine Woche Ausbildung für 400 Franken. Das passte dem Hochbauzeichner-Lehrling, der er war. Er machte weiter, dann mit dem Lehrlingslohn 2500 Franken locker für die Schulung und im August 2014 das Brevet.

Nach der Grundausbildung lernt man zunächst den Streckenflug: möglichst weit kommen vom heimischen Flugfeld weg und wenn möglich wieder zurück. Sein Rekord liege bei rund 500 Kilometern, sagt Zollikofer, oft fliege er Richtung Schwäbische Alb oder Schwarzwald, gelegentlich auch in den Jura: «Diese Gebiete sind ab Winde einfacher zu erreichen als die Alpen.» Ab Winde heisst: Ein Segelflieger lässt sich in die Höhe ziehen an einem Stahlseil, das am Boden aufgewickelt wird. Ein paar hundert Meter Höhe erreicht man so. Schleppen hinter einem Motorflugzeug bringt einen höher hinauf in die Lüfte, ist aber ungleich viel teurer. Meist fliegt Zollikofer ab seinem Heimatflugplatz Amlikon im Thurgau. Seit kurzem wohnt er in Winterthur, in einer kleinen Genossenschaftswohnung im Gutschick, und bald beginnt das Bauingenieur-Studium.

Ein unsichtbarer Würfel

Streckenflug ist das eine, Kunstflug ist ganz was anderes. Beim Streckenflug versucht man, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Die Bewegungen, die der Pilot mit seinem Steuerknüppel macht, sehen sanft aus. Anders beim Kunstflug: Hier sind die Bewegungen rascher, sogar richtig ruppig. «Je langsamer man die Figuren macht, desto mehr Höhe braucht man», sagt Zollikofer.

«Je langsamer man die Figuren macht, desto mehr Höhe braucht man.»Pascal Zollikofer

Höhe aber hat man nicht unendlich viel zur Verfügung, sondern genau 1000 Meter. Geflogen wird in einem unsichtbaren Würfel von einem Kilometer Seitenlänge. Innerhalb dieses Würfels, dessen Unterseite 300 Meter über Boden liegt, müssen die Kunstflugpiloten ihr Programm absolvieren. Verlassen sie den Würfel, gibts Strafpunkte: «Auch deshalb muss man entschiedene Bewegungen machen, sonst ist man rasch aus der Box raus.». Die Jury sieht sich das jeweils von unten her an und bewertet das Gesehene.

Zwei Programmarten gehören für gewöhnlich zu einem Wettkampf: «Das eine kennt man Monate im Voraus und kann es üben, das andere aber bekommt man erst einige Stunden, bevor man es fliegen soll, auf einem Zettel zugesteckt. Darauf sind Linien und Pfeile und Kurven. Die symbolisieren die Loopings und Rollen, halbe und ganze, die Sinkwinkel und Rückenflüge, die zu absolvieren sind. Und wie gesagt: Immer innerhalb des Würfels, der mit seinen Markierungen am Boden «aus 1,3 Kilometer Höhe winzig klein aussieht», wie Zollikofer erklärt. Wenn man ein Programm beginnt, zeigt man das der Jury an mit einem kurzen Anwackeln, den Schluss macht das Abwackeln, so was wie ein Winken mit den Flügeln.

Kräfte wie auf der Chilbi

Die Flugzeuge, die man für Kunstflug verwendet, müssen dafür gebaut und zugelassen sein. Denn die Kräfte und Geschwindigkeiten können horrend sein. Die SZD-59-1 Acro, die Pascal Zollikofer fliegt, lässt Geschwindigkeiten bis 285 km/h und eine Beschleunigungskraft bis 7 g zu. Zum Vergleich eine Angabe des Max-Planck-Instituts: «Der Pilot eines Formel-1-Rennwagens erfährt beim Start bis 1,5 und in Kurven bis 5 g. In Achterbahnen können kurzfristig bis 6 g erreicht werden.» So ein Flugzeug, wie es Zollikofer fliegt, ist teuer, seines gehört dem Verband der Schweizer Kunstflugpiloten und ist normalerweise in Schänis stationiert.

Ein relativ teures Hobby sei der Kunstflug auch so noch, denn man müsse immer schleppen, sagt Zollikofer. Und eine Schleppminute kostet über 6 Franken. Rund 5000 Franken pro Jahr gibt er für sein Hobby aus. Bei Meisterschaften wird jeweils vom Verband unterstützt, und die Jungen (bis 25 ist man Junior) bekommen zusätzliche Fördergelder von 200 Franken pro Anlass. Für seinen Sieg in Thun gibts womöglich sogar noch etwas mehr. Seine nächsten Ziele sind die Junioren-WM 2021 im Streckenflug in Tschechien - und natürlich auch sein Studium.

Erstellt: 20.09.2019, 16:24 Uhr

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