Winterthur

Im Wald entsteht klirrende Kohle

Nächste Woche wird bei der Waldhütte der Holzkooperation Oberwinterthur ein Kohlenmeiler angezündet. Dahinter steht eine ausgeklügelte Technik.

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In einer Waldlichtung auf der Grenze bei Ricketswil beigt Peter Dietschweiler Scheite auf einen grossen Holzhaufen. Er ist Köhler. Das heisst, er macht aus Holz Holzkohle. Die Köhlerei ist ein uraltes Handwerk. Mindestens seit Menschen Eisen benutzen, gibt es diesen Beruf, das heisst seit rund 4000 Jahren.

Denn ohne die Holzkohle liess sich bin in die Neuzeit kein Eisen schmelzen. Die Kohle jedoch, die Dietschweiler heute herstellt, wird zum Grillen benutzt. Sie erreicht hohe Temperaturen, glüht lange und raucht wenig, also beste Voraussetzungen für ein zart-knuspriges Steak oder saftiges Grillgemüse.

Die Kunst der Köhlerei

Jedes Jahr im Mai baut der 63-jährige Dietschweiler einen Kohlenmeiler auf. So heisst der Fachbegriff für den Holzhaufen. Er arbeitet nicht ganz allein. Er gehört zum nur dreiköpfigen Verein Köhlerei Andelbach.

Ursprünglich wanderten die Köhler von Ort zu Ort.

Ein Kohlenmeiler ist eine ausgefeilte Konstruktion. In seinem Innern läuft ein chemischer Prozess ab, bei dem gut gelagertem Holz erstens die Restfeuchtigkeit, zweitens Holzessig und drittens Teer entzogen wird. Holzessig? «Ja, der läuft aus dem Meiler. Wenn man mit dem Finger davon versucht, schmeckt es nach Essig», sagt Dietschweiler.

Ursprünglich wanderten die Köhler von Ort zu Ort. Dietschweiler errichtet den Meiler jedoch stets in der Lichtung bei der Waldhütte der Holzkooperation Oberwinterthur. Diese überlässt dem Köhlerverein den Platz und die Bude kostenlos. Das Buchenholz kauft der Verein von der Kooperation.

Sie liefert Stammstücke von gefällten Buchen. Dietschweiler und seine Helfer spalten und lagern das Holz. Für den Kohlenmeiler werden die Scheiter dann möglichst eng aneinander gelegt. Laut Dietschweiler braucht das Zeit und Geschick. «Manche habe das Auge für diese Arbeit, andere nicht», sagt er.

Der Meiler in der Waldlichtung ist fast fertig aufgeschichtet. Es fehlt jetzt noch die «Löschi». Das heisst, der Köhler wird das Holz mit Heu belegen und mit befeuchtetem Kohlenstaub abdichten. Zum Schluss kommen seitliche Stützen und ein Steg dazu, der auf halber Höhe um den Meiler führt. In der Mitte des Meilers bleibt eine Art Kamin offen, das «Füllihus».

Bei der Kohle schlafen

Am 10. Mai gibt der Köhler Glut in diese Öffnung und setzt damit den Verkohlungsprozess in Gang. Daraufhin, am steigt beim Meiler ein Köhlerfest. Dabei können die Besucher mit Andelbacher Holzkohle Gegrilltes kosten.

Wenn der Meiler sich nach rund vier Tagen erhitzt hat, steigen daraus dünne Rauchschwaden auf. Der Köhler muss in dieser Zeit den Meiler rund um die Uhr pflegen. Wo weisser Rauch qualmt, verdunstet Wasser, wo es blau raucht, hat sich schon Kohle gebildet. An diesen Stellen muss Dietschweiler die Öffnungen einstampfen.

Dann sticht er weiter unten neue Löcher auf, um die Hitze von innen nach aussen und von oben nach unten zu ziehen. Das alles wiederholt er alle drei Stunden. Dietschweiler schläft in einem einfach ausgebauten Minivan auf der Lichtung. Wenn nach 12 Tages alles Holz zu Kohle geworden ist, ruht der Meiler. Zwei Wochen später erntet Dietschweiler, wie er sagt, seine Kohle. Dabei macht sie ein Geräusch wie klirrendes Glas. «Das ist ein Qualitätszeichen», sagt er.

Die Köhlerei im Wald der Holzkooperation Oberwinterthur war ab 2006 ein Projekt des Vereins «Läbesruum» zur beruflichen und sozialen Integration. Treibende Kraft war Beat Dienstweiler, der inzwischen verstorbene Bruder von Peter Dietschweiler. 2014 übernahm der Köhlerverein Andelbach den Meiler.

Dietschweiler sagt: «Abends sitze ich oft draussen, sehe die Rauchschwaden in der Dämmerung und spiele auf der Gitarre. Mein Bruder spielte Banjo dazu. Das fehlt mir jetzt.» Bevor er nach Winterthur zur Köhlerei gekommen ist, arbeitete er viele Sommer als Cowboy im kanadischen Bundesstaat Alberta. Im Juli zieht er wieder los, in seinem Minivan nach Skandinavien.

Köhlerfest, 12. Mai 10 bis 18 Uhr, www.kohlenmeiler.ch

Erstellt: 02.05.2019, 16:59 Uhr

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