Stadtratswahl 2018

Immer auf Sendung

Barbara Günthard ist seit 2012 Winterthurs Polizeivorsteherin. In diesen fünf Jahren hat sie es verstanden, ihr Image und ihre polarisierenden Positionen einzumitten. Sie ist die fleissigste Werberin für Winterthur als coole Grossstadt.

In der Riva-Bar gönnt sich Barbara Günthard an hektischen Tagen zwischendurch gerne einen Latte macchiato. Madeleine Schoder

In der Riva-Bar gönnt sich Barbara Günthard an hektischen Tagen zwischendurch gerne einen Latte macchiato. Madeleine Schoder

So tritt sie auf: bgm, wie sie verwaltungsintern genannt wird und wie sie sich selber auf ihrer Homepage nennt, wirkt stets ausgesprochen fröhlich und freundlich, lobt gern mit Worten wie Wow! oder Super! und scheint (zumindest äusserlich) nie gross verärgert zu sein, selbst wenn sie im Gemeinderat kritisiert wird.

Als Kommunikationsfachfrau weiss sich Barbara Günthard gut in Szene zu setzen. Unter Winterthurs Politikern gilt sie als Königin der Selbstinszenierung auf Face­book: Sie lächelt mit Feuerwehrleuten und Wirtschaftsmännern, mit Klimaschützern und Glühweintrinkern.

Mit Glühwein auf facebook: Barbara Günthard weiss sich in Szene zu setzen.

Wo sie ist, wird etwas gepostet; sie nutzt alle Kanäle, um positive Botschaften zu verbreiten über sich und die Stadt, die sie vertritt. Es kommt sogar vor, dass man beim Spielen eines harmlosen Online-Games plötzlich ungefragt von bgm angelächelt und umworben wird. Ihre beiden Kinder im Teenager-Alter hält sie konsequent aus all diesen Veröffentlichungen raus.

«Weil ich Winterthur von Herzen gerne habe.»Barbara Günthard über ihre Motivation in einem Wahlvideo

In ihrem Werben für Winterthur und für sich selber recycliert sie zuweilen auch abgestandene Superlative. Winterthur sei die natürlichste, die kreativste und sicherste Grossstadt der Schweiz, sagt sie in einem ihrer Wahlvideos. Winterthur habe die glücklichsten Frauen und sei wie Brooklyn «ein Geheimtipp nischiger Urbanität», heisst es an anderer Stelle. Manche mögen so was gerne immer wieder hören und nehmen es mit Augenzwinkern zur Kenntnis. Andere finden: Das reicht jetzt!

Damit punktete sie: Barbara Günt­hard, die bei der Kandidatur für den Nationalrat ihren Kritikern geantwortet hatte, so ein Doppelmandat in Bern und Winter­thur sei mit guten Kaderleuten und Organisation easy zu meistern, hat den Beweis erbracht, dass sie durchaus ein Doppelamt managen kann.

Während mehrerer Monate führte sie als Folge der Causa Gfeller neben dem eigenen Sicherheits-Departement auch Stadtwerk, einen der grössten Betriebe der Stadt. Sie tat dies, zusammen mit dem interimistischen Direktor offenbar sehr gut, wie zu hören war. Im eigenen Departement bei der Stadtpolizei lief derweil einiges aus dem Ruder, und fast das halbe Kader erkrankte.

Sie sagt dazu: Ein Zusammenhang bestehe nicht, die Koinzidenz sei zufällig. Festzuhalten ist: Sie packte auch dieses Problem an und fand neue Führungskräfte, die sich nun bewähren müssen. Punkten konnte bgm auch andernorts mit der Polizei: Sie brachte das Projekt des neuen Polizeigebäudes an der Urne letztendlich locker durch. Auch die vom Volk verlangten und von der Politik verschleppten zusätzlichen Polizeistellen bekam sie am Ende bewilligt.

Damit eckte sie an: Der Abbau der Schulweg-Lotsinnen kam bei Eltern­ in verkehrs­geplagten Quartieren gar nicht gut an. Die Vereinbarung mit dem Albanifest-Komitee, die endlich Klarheit bringen sollte über die Geldflüsse zwischen Stadt und Fest, legte sie erst nach jahrelangem Zögern vor.

Auch auf die Ge­büh­renregle­mente mussten Vereine und Gewerbe viel länger warten, als versprochen war. Und natür­lich ist bei vielen noch in Erinne­rung, wie Stadträtin Günthard vor fünf Jahren den Polizeieinsatz gegen die Tanz-dich-frei-Demo verteidigte. Das brachte ihr von der einen Seite viel Lob ein, aber bei Jungen, die damals an der Demo waren, ist sie seither unten durch.

«Für mich wirkt sie meist positiv, doch dürfte sie manchmal etwas kritischer sein»

Das muss man wissen: Barbara Günthard hatte als junge Kommunikatorin auf dem Sekretariat der SP gearbeitet, bevor sie via Mitarbeit bei Filippo Leutenegger zur FDP kam. In den letzten Jahren hat sie ihre politischen Positionen eingemittet, das zumindest zeigt ihr Spinnen-Diagramm (links). Dem Sozialstaat gibt sie heute mehr Gewicht als 2013, einer liberalen Wirtschaftspolitik weniger. Ihr damaliges Diagramm war bürgerlich, heute ist es zentriert wie kaum ein ande­res, ohne Ecken und ohne ersichtliche Schwerpunkte.

Das sagt sie über sich selbst: Sie sei eigentlich von Natur aus eine eher schüchterne Person, sagt Günthard zu ihrer Präsenz auf so vielen Kommunikationskanälen. Und begründet ihr offensives Vorgehen so: Da sie nun mal Stadt­rätin sei und sich für die Politik als Beruf entschieden habe, wolle sie auch präsent sein.

Die Bevölkerung erwarte eine gewisse Nähe zu ihren Politikern. Sie selber sieht sich als «zupackend, grad­linig und immer bereit, im kons­truktiven Dialog Lösungen zu finden». Sie wolle «bewährte Werte in die Zukunft bewegen». Und war­um? «Weil ich Winterthur von Herzen gerne habe.»

Das sagen die anderen: «Für mich wirkt sie meist positiv, doch dürfte sie manchmal etwas kritischer sein», sagt die grüne Gemeinde­rätin und Co-Parteipräsidentin Renate Dürr über Stadträtin Günthard. In der Sicherheits­kommission, die Dürr präsidiert, sei bgm jeweils schnell beim Wesent­lichen oder bringe ihre Mitarbeiter dazu, auf den Punkt zu kommen. Auch hier gelte: «Man muss ganz genau nachfragen, um die kritischen oder negativen Aspekte einer Sache zu erfahren.»

Kein gutes Zeugnis bekam Günt­hards DSU (Departement Sicherheit und Umwelt) beim Sanierungsprogramm Balance. Die beiden Zürcher Ex-Politiker, Mar­kus Not­ter und Mar­tin Vol­len­wy­der, stellten als externe Experten fest, das Ziel werde beim DSU «markant verfehlt». «Intensive Diskussionen» folgten, worauf Günthard und ihre Leute die Sparaufgaben nachbessern mussten.

Das bleibt in Erinnerung: Wie bgm immer wieder den sogenannten oberen Abbrand propagiert, das bleibt im Kopf. Alle mit Outdoor-Erfahrung müssen umlernen: Der Umweltschützer zündet ein Feuer nicht unten an, sondern oben, wor­auf sich das Feuer nach unten frisst. Das gibt weniger Feinstaub, folglich weniger Umweltverschmutzung. Und das sei in Winterthur mit den vielen Holzheizungen ein wichtiger Ansatz, sagt die Stadträtin. Dennoch bleibt die Physik in Kraft: Die Flammen züngeln auch in Winterthur weiterhin von unten nach oben.

In Erinnerung sind auch bgm’s Auftritte bei ihren Leuten. Sie ist ohne Zweifel nahe dran an den Polizisten und Feuerwehrmännern. Ein neues Löschfahrzeug ­etwa wurde mit Ansprachen und allseitiger Danksagung seiner Bestim­mung übergeben. Etwas Selbstverständliches wird so symbolhaft zu etwas Grossem.

Noch eine Spur grösser war die Show, die man inszenierte, als das Areal, auf dem das neue Polizeigebäude stehen wird, vom Bauamt zur Polizei wechselte. Ein Heli flog ran, Polizeigrenadiere sprangen raus, eine Fahne wurde geschwenkt, eine Rede gehalten. Wie gesagt: bgm’s Kommunikation kennt ­keine Grenzen.

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Den Anfang macht heute: Barbara Günthard-Maier.

(Der Landbote)

Erstellt: 27.12.2017, 18:39 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in den nächsten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Barbara Günthard macht heute den Anfang.

stadtratswahl.landbote.ch

Spider-Polit-Diagramm

Eine frei denkende Freisinnige

Das spinnennetzartige Diagramm, das politische Positionen der Kandidierenden in acht Bereichen abbildet, beruht auf etwa 50 Fragen zu acht Politik-Feldern. Die diesjährigen Fragen sind nicht dieselben wie vor vier Jahren – das muss man bedenken, wenn man vergleichen will.

Auffallend beim Spinnennetz von Barbara Günthard: Es ist heute viel zentrierter als bei ihrer Kandidatur vor vier Jahren. Kaum ein anderer Stadtratskandidat zeigt ein so gleichmässiges Bild.

Bei auffallend vielen Fragen antwortete Günthard mit «eher ja» oder «eher nein». Los gehts: Mindestlohn 4000 Franken? Eher nein. Mehr Hochhäuser in Winterthur? Eher ja. Stadthausstrasse sperren für Autos? Eher nein. Vandalismus und Sprayereien härter bestrafen? Eher nein.

In manchen Fragen kommt die FDP-Stadträtin auch zu ganz klaren Aussagen. Cannabis für den Eigenkonsum legalisieren? Nein. Billag-Gebühren abschaffen? Nein. Parteien- und Abstimmungsfinanzierungen offen­legen? Nein. Eine Neinsagerin also? Nein, das dann doch nicht. Velo- und Fussverkehr stärker fördern? Ja! Weitere Massnahmen für die 2000-Watt-Gesellschaft? Ja!

Fazit: Günthard ist eine frei denkende Freisinnige.

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