Analyse

Müller wird für seine Sturheit belohnt

Der Neuanfang am Brühlberg ist ein Sieg für Schulpräsident Felix Müller. Er klammerte sich so lange uneinsichtig an sein Amt, bis er sich als Retter inszenieren konnte. Die Kritik wird verstummen. Nun gilt es für die Eltern, Stimmbürger und Parteien, aus diesem Trauerspiel Lehren für die Zukunft zu ziehen.

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Die kleine Brühlbergschule hat in den letzten Wochen national Staub aufgewirbelt. Der Fall bewegte auch deshalb, weil er die Grenzen unserer Schulorganisation aufzeigt. Was lässt sich tun, wenn eine Schulleitung jahrelang in der Kritik steht und der Schulpflegepräsident sie nicht nur deckt, sondern auch seinerseits zur Eskalation beiträgt? Für diesen Fall gibt es keine Instrumente. Am Brühlberg brodelte der Konflikt über drei Jahre, und wenn nicht sämtliche Primarlehrkräfte auf einen Schlag gekündigt hätten, hätte er munter weiter hochgekocht.

Nur durch diesen beispiellosen Eklat schaute plötzlich die ganze Stadt hin. Und was sie in den letzten Wochen sah, war ein lehrreiches aber unerfreuliches Schauspiel: Ein Schulstadtrat, dem die Hände gebunden sind. Eine Schulpflege, die als Laiengremium zuerst heillos überfordert war, ihrem juristisch und fachlich gewieften Präsident Paroli zu bieten. Eine Ombudsfrau, deren Interventionen (in einer anderen Sache) Müller schlichtweg ignorierte. Und ein Bezirksrat, der als übergeordnete Instanz nur dann eingreift, wenn klare Rechtsverletzungen vorliegen, und der seine Energie stattdessen lieber darauf richtet, einen Schulpfleger zu jagen, der aus einer Sitzung geplaudert hatte.

Vor allem sah die Stadt einen Schulpräsidenten Felix Müller, der sich mit aller Kraft an sein Amt klammerte und mit seiner Vogel-Strauss-Taktik über Wochen die nötigen Schritte für einen Neustart blockierte. Selbst als seine eigene Partei, die Grünen, seinen Rücktritt forderte, war Müller zu keinerlei Selbstkritik fähig. Lieber trat er aus der Partei aus. Nicht einmal sein zeitaufwendiges Nebenamt als Baurekursrichter – ein Unding für einen vollamtlichen Staatsdiener – stellte er je in Frage. Dass jetzt eine Task-Force aus Schulpflegern wenigstens pro Forma das Geschäft Brühlberg führt, ein naheliegender Schritt, musste ihm in einem wochenlangen Prozess abgerungen werden.

Jetzt wird Müller für seine sture Haltung belohnt. Es liegt ein Lösungsvorschlag auf dem Tisch, hinter dem auch die übrigen Schulpflegemitglieder stehen. Dass mit der Besetzung der Stellen so lange zugewartet wurde, erweist sich jetzt als Vorteil für Müller: Mit Blick auf den Zeitdruck kann argumentiert werden, dass rasch eine praktikable Lösung gefunden werden muss. Wer jetzt noch meckert, gilt als Querulant. Im gleichen Zug entsorgt wurde auch das alte Schulmodell, das die Verwaltung aufwendig gemacht hatte. Die unzufriedenen Lehrer sind bald weg. Das Brühlbergschulhaus ist leer wie ein frisches Schulheft und Müller steht da wie der gütige Lehrer, der es verteilen darf.

Es bleiben die Eltern. Sie sind am Brühlberg besonders engagiert und auch aufmüpfig, davon zeugen diverse Kundgebungen. Doch sie braucht Müller nicht zu fürchten. Ihr Protest dauert bereits so lange, dass die halbe Stadt mittlerweile weghört. Müllers Spiel auf Zeit hat funktioniert. Ob das neue Schulmodell schlechter ist als das alte, das ist für Nicht-Pädagogen keine emotionale Frage. «Jetzt wartet mal ab», werden die Eltern hören: «An anderen Schulen werden die Kinder auch gut unterrichtet.» Umso mehr, als eine ihrer wichtigsten Forderungen erfüllt ist: Die ungeliebte Schulleiterin ist weg. Ohne dass Müller etwas tun musste, wohlverstanden; sie hat von sich aus gekündigt.

Das Schulhaus Brühlberg kriegt also einen Neustart. Das ist auch gut so. In den nächsten Wochen werden häppchenweise «Good-News» eintrudeln, etwa wenn neue Lehrer oder eine Schulleitung engagiert werden konnten. Dafür sorgt auch eine professionelle Kommunikationsagentur. Das alles nützt Felix Müller. Er hat den Sturm überstanden und ist sogar gestärkt, weil er seinen ärgsten Brandherd los ist. Kein Wunder, will er von einem Rücktritt nichts wissen und schliesst sogar eine erneute Kandidatur nächstes Jahr nicht aus.

Die Lektion für alle Eltern, Stimmbürger und Parteien muss darum sein: Seid euch bewusst, wie wichtig das Amt des Schulpräsidenten ist. Er kann das Klima ganzer Schulen prägen, und wenn er einmal gewählt ist, wird man ihn für vier Jahre nicht mehr los. Egal wie viele Lehrer kündigen oder wie viele Eltern protestieren. Das ist umso wichtiger, als nächstes Jahr auch in Seen-Mattenbach und in Oberwinterthur Wahlen anstehen, die Schulpräsidenten Ruedi Ehrsam und Toni Patscheider gehen in Pension.

Erstellt: 16.05.2017, 17:10 Uhr

Michael Graf über das vorläufige Ende des Streits.

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