Weihnachten

«In Anekdoten zu erzählen, funktioniert am besten »

Texterin Elisabeth Moser erklärt im Interview, wie man eine gute Weihnachtsgeschichte schreibt und warum man dafür vor allem die Augen und Ohren offenbehalten sollte.

Noch scheint die Weihnachtszeit weit weg, doch wer eine originelle Weihnachtsgeschichte erzählen will, sollte heute schon Augen und Ohren offen haben.

Noch scheint die Weihnachtszeit weit weg, doch wer eine originelle Weihnachtsgeschichte erzählen will, sollte heute schon Augen und Ohren offen haben. Bild: nag

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Frau Moser, wie bringt man sich in einem sonnigen Früherbst in Stimmung, eine Adventsgeschichte zu schreiben?
Am besten über eine spannende Erinnerung, über Gerüche oder über Farben, die man mit der Adventszeit verbindet. Und über den Einstiegssatz, den wir für die Geschichte vorgeben.

Ein Einstiegssatz?
Ja. «Es lag auf der hintersten Sitzreihe, unbemerkt, obwohl es in schimmerndes Goldpapier eingewickelt war.» Da hat man doch sofort ein Bild im Kopf und kann die Geschichte weiterspinnen, was es wohl mit diesem Päckli auf sich hat… So spuren sie eine Geschichte aber auch vor, oder? Wir sehen es als Einstiegshilfe und machen das dieses Jahr zum ersten Mal und hoffen, dass dadurch mehr Leute motiviert sind mitzumachen. Dafür machen wir Werbung in Schulen und Bibliotheken. Bisher waren es etwa dreissig, die Besten werden ausgewählt zum Vorlesen im Adventsbus.

Helfen Sie noch ein bisschen mehr. Was sind die Zutaten für eine gute Adventsgeschichte?
Eigentlich die gleichen wie für jede gute Geschichte. Beim Aufbau fängt es an: Verlockender Einstieg, ein logischer, nachvollziehbarer Mittelteil, ein überraschender Schluss, verbunden durch einen Spannungsbogen und eine Pointe, die sitzt.

Einfacher gesagt, als getan.
Man sollte sich nicht unnötig unter Druck setzen. Ein bisschen zu resümieren oder gut zu beobachten genügt häufig, um in Schwung zu kommen. Viele gute Geschichten liegen auf der Strasse. Alltagssituationen! Beobachten Sie die Leute, wie sie im Bus, im Café oder auf dem Markt miteinander reden. Es gibt so viele Charakterköpfe und kurlig-komische Situationen. Der Vorteil dabei ist auch, dass man dadurch viele Dialoge im O-Ton einbauen kann, so, wie die Leute miteinander reden. Das macht eine Geschichte schon einmal lebendig. Und klar: Sie sollte einen Bezug zur Bedeutung von Advent und Weihnachten haben, man verbindet damit Festliches, Gefühlvolles und Zwischenmenschliches.

Einen Charles Dickens ein bisschen verwinterthurern?
Davon würde ich abraten.
Elisabeth Moser

Warum? Ist dies eines der Kriterien, nach denen die Jury auswählt?
Ja, tatsächlich, «Besinnlicher Inhalt» und «Weihnachtliche Atmosphäre» sind zwei von vier Kriterien, für die es Punkte gibt. Zudem sollte die Geschichte einen roten Faden haben und nicht zu moralinsauer sein. Die Zuhörer sollen sich hineindenken und -fühlen können, im Sinne eines Aha-Erlebnisses: «Das hätte mir auch passieren können...»

Darf man auch kopieren, bei Hans Christian Andersen oder Astrid Lindgren, oder gibt das Abzug?
Einen Charles Dickens ein bisschen verwinterthurern? Davon würde ich abraten. Man muss sich nicht mit den Grössten messen. Es geht darum, mit Freude zu schreiben, zu fantasieren, mit der Sprache und mit Worten zu spielen, Sachen zu erfinden! Die kühlen Regentage, an denen man sich gemütlich zurückziehen kann, kommen bestimmt noch. Genug Zeit hat man ja: Einsendeschluss ist der 20. Oktober.

Wie streng redigieren Sie? Schreiben Sie Geschichten regelrecht um?
Nein. Einige Geschichten schaffen es einfach nicht in die Auswahl. Wir korrigieren höchstens sehr offensichtliche sprachliche oder grammatikalische Fehler. Das ist auch im Sinne der Autorinnen und Autoren, übrigens ein sehr gemischtes Publikum, von jung bis alt, Ur-Winterthurer und solchen mit Migrationshintergrund.

Was ist ihre Lieblings-Advents-Geschichte, eine, die sie immer wieder hören könnten?
Keine bestimmte. Als Jurorin lasse mich ein auf Erzählform, Ideenreichtum und sprachliches Können ein. Letztes Jahr haben mich zwei Adventsbus-Geschichten am meisten berührt: Bei der einen kommen sich zwei Geschwister dabei in die Haare, wer im Krippenspiel in der Schule die Hauptrolle bekommt. Das ist gut erzählt, mit schönen Bildern und auf Schweizerdeutsch geschrieben, von einer jungen Autorin. Die andere handelt von einem zugelaufenen Weihnachtskätzchen. Mehr verrate ich nicht. Die besten Geschichten kann man in unserem Buch nachlesen, das letztes Jahr herausgekommen ist.

Sie selber sind selbständige Texterin und Schreibcoach. An welcher Advents-Geschichte schreiben Sie gerade?
An keiner. Ich schreibe gerade über ein Thema, das mit Advent nichts zu tun hat, aber auch sehr nah am Leben ist: Über Toiletten! Über die tropfenden Seifenspender, die lauten Händetrockner oder schrecklichen Handtuch-Maschinen. Auch hier gilt: In Anekdoten zu erzählen, funktioniert am besten.

Info: Bis am 20. Oktober kann man seine Adventsgeschichte auf schreibwettbewerb@adventsbus.ch einreichen. Die besten Geschichten werden im Adventsbus vorgelesen.

Erstellt: 20.09.2019, 14:26 Uhr

Die Winterthurerin Elisabeth Moser ist selbständige Texterin und Schreibcoach. (Bild: M.Dahinden)

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