Winterthur

In Deutschland verboten, hier aktiver denn je

Die Koranverteiler von «Lies!» müssen sich künftig aus deutschen Fussgängerzonen fernhalten. Ob in Winterthur weiter Aktionen stattfinden, ist ungewiss. In den letzten Wochen waren auffallend viele Verteiler unterwegs.

«Lies!»-Aktionen in Winterthur können weiterhin stattfinden.

«Lies!»-Aktionen in Winterthur können weiterhin stattfinden. Bild: facebook

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Meist bärtige Männer und ein rot-goldener Schriftzug mit einer klaren Aufforderung: Die Koranverteilaktion «Lies!» sorgt regelmässig für Aufsehen, auch in Winterthur. Seit April 2012 ist der deutsche Verein «Die wahre Religion», der hinter der Aktion steht, in der Schweiz aktiv. Seither werden auch in Winterthur bei sogenannten Street-Dawas («Strassenwerbung») immer wieder Gratiskorane verteilt.

Deutliche Worte für diese Street-Dawas fand gestern der deutsche Innenminister Thomas de Maizière: «Wir dulden in unseren Fussgängerzonen keine Fanatiker, die versuchen, junge Menschen zu radikalisieren und in den Jihad zu schicken.» Die «Lies!»-Aktion und der dazugehörige Verein sind in Deutschland ab sofort verboten, landesweit fanden Razzien statt.

Die Aktion stand schon länger im Verdacht, ein zentrales Instrument für die Rekrutierung junger Kämpfer für den Krieg des IS zu sein, auch hierzulande. Mehrere Jihadisten, die von Winterthur aus nach Syrien reisten, ­hatten nicht nur Kontakt zur kürzlich durchsuchten An’nur-Moschee, sondern eben auch zur «Lies!»-Aktion.

In der Schweiz hat sich nichts geändert

Wie es mit dem Ableger in der Schweiz nun weitergeht, ist offen. Die Bundesanwaltschaft führt zwar Verfahren gegen einzelne Exponenten, jedoch nicht gegen «Lies!» als Bewegung. Die Koranverteiler dürfen also grundsätzlich weitermachen. Ob sie das tun werden, ist aber noch unklar. Es stellen sich Fragen zum nun versiegenden Materialnachschub aus Deutschland sowie der wegfallenden Koordination durch die deutsche Mutterorganisation.

Seit September fanden alle zwei Wochen Standaktionen bei der Ecke Kasinoplatz/Marktgasse statt.

In den letzten Wochen waren die Winterthurer Koranverteiler auf jeden Fall aktiver denn je. Laut einer Bewilligungsstatistik der Stadtpolizei fanden seit September im Schnitt alle zwei Wochen Standaktionen an der Ecke Kasinoplatz/Marktgasse statt. Zusätzliche Aktionen werden auf der öffentlichen Facebook-Seite des Vereins «Die wahre Religion» vermeldet. Demnach waren allein in den letzten drei Wochen mindestens sechsmal mobile Koranverteiler mit umgehängten Transparenten in der Marktgasse unterwegs. Diese Aktionen werden von den Behörden nicht registriert, da sie nicht bewilligungspflichtig sind.

Trotz den Nachrichten aus Deutschland hiess es gestern bei der Stadtpolizei, dass an der Bewilligungspraxis für «Lies!» nichts geändert werde.

Der polizeiliche Rechtsdienst hatte ein Verbot der Koranstände dieses Jahr gleich zweimal geprüft. Das Ergebnis war identisch: Es gebe keine Beweise, dass die Koranverteiler für kriminelle Handlungen geworben oder dazu angestiftet hätten.

Er interviewte Valdet Gashi

Gegründet hatte die Verteilaktion 2005 der heute 52-jährige Kölner Ibrahim Abou-Nagie, der als Jugendlicher aus dem Gazastreifen nach Deutschland kam. Er verbreitet auf Youtube regelmässig seine konservative Aus­legung des Korans. Offiziell bestätigt wurde es nie, doch allem Anschein nach besteht gegen Abou-Nagie ein Einreiseverbot in die Schweiz. Auslöser war eine Veranstaltung in Winterthur.

Im September 2013 trafen sich Dutzende Salafisten im Hotel Töss, offiziell wurden Spenden für Syrien gesammelt. Abou-Nagie stand im Vorfeld auf der Rednerliste, sein Auftritt wurde dann aber kurzfristig abgesagt. Die Polizei kontrollierte damals, «ob jemand auftritt, der mit einer Einreisesperre belegt ist».

Obwohl er selber nicht vor Ort war, bestanden spätestens ab ­diesem Zeitpunkt Verbindungen von Abou-Nagie nach Winterthur. So interviewte er für ein «Lies!»-Werbevideo den inzwischen totgeglaubten Jihad-Reisenden Valdet Gashi. Der zweifache Thaibox-Weltmeister Gashi führte in Winterthur Kampftrainings nach muslimischen Regeln durch und verkehrte in der An’nur-Moschee, bevor er Anfang 2015 nach Syrien aufbrach.

Besuch in der Korandruckerei

Kontakt hatte Abou-Nagie auch zum Winterthurer Salafisten S., der aktuell im Regionalgefängnis von Bern auf seinen Prozess wartet. Laut Recherchen der «Rundschau» soll S. den Schweizer «Lies!»-Ableger mitaufgebaut und auch in Winterthur Korane verteilt haben. Zu Beginn seines Engagements soll S. zusammen mit Abou-Nagie eine Korandruckerei in Barcelona besucht haben. S. war laut Ermittlern der eigentliche «Leitwolf» der Winterthurer Jihadistenszene.

Abou-Nagie ging den deutschen Ermittlern gestern nicht ins Netz. Sie vermuten ihn in Malaysia, wo er offenbar den Aufbau eines weiteren «Lies!»-Ablegers plant.

Erstellt: 16.11.2016, 08:05 Uhr

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