Berufswahl

In welche Branchen es die jungen Lernenden zieht

Auch in Winterthur haben es gewisse Branchen einfacher als andere, ihre Lehrstellen zu besetzen. Eine Berufsberaterin erklärt wieso.

Lehrstellen zur Automatikerin, zum Kaufmann oder zur Fachfrau Gesundheit werden gut besetzt, schwerer haben es die Baubranche, die Gastronomie und Coiffeur-Salons.

Lehrstellen zur Automatikerin, zum Kaufmann oder zur Fachfrau Gesundheit werden gut besetzt, schwerer haben es die Baubranche, die Gastronomie und Coiffeur-Salons. Bild: Reto Oeschger

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Wohin nach der dritten Sek, als 15- oder 16-jähriger Jungspund? Welche Berufslehren sind bei den Winterthurer Jugendlichen besonders beliebt, welche weniger? Diese Frage lässt sich für Berufsberaterin Britta Wäspi vom BiZ Winterthur so einfach nicht beantworten: «Es gibt verschiedene Faktoren, die bei der Berufswahl entscheidend sein können. Matchentscheidend sind oft die persönlichen Voraussetzungen, das Lehrstellenangebot, die Meinungen des Umfeldes, Erlebnisse und Erfahrungen beim Schnuppern.»

Hinweise zu Angebot und Nachfrage gibt der Anteil Lehrstellen in einem Beruf oder einer Branche, die bis Ende Juli noch nicht besetzt werden konnten, kurz bevor die Lehre beginnt (siehe Tabelle unten). Im Bezirk Winterthur zeigt sich ein ähnliches Bild wie im Kanton.

Elektronik und Automation: Attraktive Lehrlingsbetriebe

Dazu zählen klassische Berufe wie Automatiker, Elektroniker oder Telematiker. Ende Juli war keine der 52 Lehrstellen in Winterthur mehr zu haben. Die Berufsberaterin erstaunt das nicht:

«Die KMU hier organisieren sich gut, sind extrem engagiert, machen Werbung und bieten gute Rahmenbedingungen. Für einen Lehrling kann es beim Schnuppern den Ausschlag geben, wenn er spürt: Hier fühle ich mich wohl! Zudem sind es oft interessante, vielseitige Berufe. Die meisten Lehren dauern hier drei Jahre. Man schliesst mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ab, dem EFZ. Danach hat man gute Perspektiven. Mit dem Berufsbildungszentrum Winterthur AZW oder der Mechatronikschule, der ehemaligen Metalli, haben wir sehr gut aufgestellte Ausbildungsstätten in der Stadt. Auch das zählt.»

Kaufmann oder Kauffrau: Beliebt bei Jungen und Mädchen

Das «KV», der Klassiker: Die Konkurrenz ist gross und die Lehrstellen sind jeweils rasch weg, auch in Winterthur. Die Bürolehre zur Kauffrau oder dem Kaufmann in der öffentlichen Verwaltung oder der Privatwirtschaft machen beide Geschlechter nach wie vor am häufigsten. Warum?

«Man ist viel im Austausch mit anderen Leuten, lernt und nutzt Fremdsprachen und startet mit einer soliden Grundausbildung, das gefällt auch den Eltern. Und nicht zuletzt ist der Kontrast zur Schule weniger gross. Es ist ein relativ sanfter Einstieg in den Berufsalltag. Häufig ist es der typische Kompromiss, wenn man sich noch nicht genau festlegen will.»

Gesundheit und Pflege: Gute Weiterbildungsmöglichkeiten

Nach der Kaufmännischen Lehre gehört die Ausbildung zur Fachfrau Betreuung oder Fachfrau Gesundheit zu den beliebtesten Berufsbildern bei jungen Frauen. Auch Dentalhygienikerin, Augenoptiker oder medizinische Praxisassistentin gehören in diese Gruppe.

«Das Kantonsspital Winterthur ist sicher ein Magnet, auch wenn es schwierig ist, dort eine Schnupperlehre zu bekommen. Aber die Gesundheits- und Pflegebranche ist generell spannender geworden. Es gibt einen Fachkräftemangel. Die Jobaussichten sind gut. Auch die Spitex ist ein wachsender Markt. Aber auch die Weiterbildungsmöglichkeiten sind sehr interessant. Die Berufsbilder haben sich verändert und teils akademisiert. Dass man an der ZHAW einen Bachelor machen und sich spezialisieren kann, ist für die Jugendlichen ein Anreiz.»

Bau: Streng und ein grosser Kontrast zur Schule

Vom Abdichter bis zum Dachdecker, vom Gerüstbauer bis zur Plattenlegerin: Die Baubranche ist so gross, wie vielfältig. Dennoch bleiben vergleichsweise viele Lehrstellen unbesetzt, in Winterthur war es bis Ende Juli fast jede vierte. Die Berufsberaterin erklärt, warum:

«Die Löhne wären in der Baubranche zwar gut - und gerade das werfen junge Männer durchaus auch in die Waagschale. Aber viele ist der Bau ein zu hartes Pflaster und krasser Kontrast zum Schulalltag. Der Umgangston ist rauer und die Arbeit körperlich streng, das wollen viele nicht oder können sich das nicht vorstellen.»

Gastgewerbe: Abwägen zwischen Job und Freizeit

Neben der Service-Angestellten fallen auch Hotellerieangestellte, Köchin oder Fachfrau Hauswirtschaft in diese Kategorie. In der lokalen Gastro- und Hotelleriebranche blieben kurz vor Lehrbeginn noch relativ viele Stellen offen.

«Ob in der Küche oder vorne an der Front. Hier muss man ran und schon früh mit Stresssituationen umgehen können, zu Spitzenzeiten zum Beispiel, mittags oder abends. Das ist nicht jedermanns Sache. Man muss funktionieren und dabei freundlich und professionell bleiben. Vorbehalte gibt es auch wegen der Löhne und den unregelmässigen Arbeitszeiten. Viele befürchten, dass sie in der Lehre an ihren Freunden und Hobbies vorbeileben.»

Coiffeuse: Unter Umständen ein Traumjob

Nach Fachfrau Gesundheit ist Coiffeuse im Kanton Zürich bei jungen Frauen der am fünfhäufigsten gewählte Beruf. Neben zweijährigen (Berufsattest) gibt es auch dreijährige Lehren (EBA). In Winterthur blieb bis Ende Juli fast jede zweite Lehrstelle unbesetzt. Auch kantonsweit sind nur im Baugewerbe und im Gross- und Einzelhandel mehr Stellen offengeblieben. Die Berufsberaterin meint dazu:

«Viele fragen sich: “Was kannst du nachher damit machen?» Auch die Eltern hegen diese Zweifel. Ausserdem sind die Löhne eher tief. Doch für Leute, die mit Leidenschaft dabei sind und sich selbständig machen wollen, kann Coiffeuse ein Traumberuf sein.»

Die typischen Mädchen- und Knaben-Berufe gibt es nach wie vor. Bei jungen Frauen gehören etwa die Lehren zur Fachfrau Betreuung, Fachfrau Gesundheit oder Coiffeuse dazu, bei jungen Männern Elektroinstallateur, Informatiker oder Logistiker. Ausgeglichen ist das Verhältnis in etwa im Detailhandel oder bei den Zeichnerinnen und Zeichnern.

In den letzten Jahren sind auch neue Berufsbilder entstanden. Dazu zählen die Ausbildung zum ICT-Fachmann, die beispielsweise Netzwerkstrukturen in Unternehmen aufsetzen und warten. Interactive Media Designerinnen wiederum planen Websites, Apps, Foren und diverse Benutzeroberflächen. Sie arbeiten mit statischen und animierten Bildern, Audio- Video- und 3D-Dateien.

Erstellt: 01.09.2019, 14:09 Uhr

Teil 1

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Viele Oberstufenschülerinnen und -schüler machen sich gerade wieder auf die Suche nach einer Lehrstelle. Die Berufswahl ist und bleibt ein wichtiger Schritt im Leben, weshalb der «Landbote» den Thema diese Woche besondere Aufmerksamkeit schenkt.

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