Pro und Contra

Nächtlicher Glockenschlag – Schöne Tradition oder lästiger Schlafkiller?

Sollen die Kirchen nach dem Bundesgerichtsurteil die Glocken nachts wieder häufiger schlagen lassen? Die Meinungen gehen auseinander.

Jakob Bächtold ist stellvertretender Chefredaktor des Landboten.

Kirchen gerne wieder etwas lauter

Das Bundesgerichtsurteil, das den nächtlichen Glockenschlag von den Kirchtürmen sogar jede Viertelstunde zulässt, verstehe ich als Aufforderung an die Kirchen in der Schweiz: Zieht Euch nicht einfach sang- und klanglos aus der Öffentlichkeit zurück! Lasst weiter von Euch hören!

Die Kirchen handeln im Moment immer aus der Verteidigung heraus. Das finde ich unnötig. Auch wenn die Mitgliederzahlen rückläufig sind und die Besucherinnen und Besucher in den reformierten und katholischen Kirchenbänken nicht mehr so zahlreich sind wie früher: Die Kirchgemeinden sind nach wie vor stark verwurzelte und wichtige Institutionen.

Davon spüre ich bei manchen Kirchenvertretern zu wenig. Viel mehr ist da häufig Verunsicherung zu spüren. In Gesprächen ist oft davon die Rede, dass die Kirchen eine neue Rolle in der Gesellschaft suchen müssen.

Glockenschläge sind Kirchenmusik

Das Glockenurteil aus Lausanne ist auf dieser Suche ein deutlicher Fingerzeig: Die grossen Kirchen sollen sich nicht an den Rand drängen lassen und nur noch dann dekorativ Laut geben, wenn es niemanden stört.

Das gilt sicher einmal im übertragenen Sinne: Die Landeskirchen dürfen gerne in unserer Gesellschaft wieder lauter werden. Mit Worten, nicht nur mit Glockenschlägen. Denn zu vielen aktuellen Problemen – von grundsätzlichen Fragen wie der Gerechtigkeit in der Gesellschaft bis zu Alltagsproblem wie etwa dem stetig steigenden Leistungsdruck am Arbeitsplatz – haben die Kirchen sehr wohl etwas zu sagen.

Es gilt aber auch ganz konkret für das Glockengeläut. Glockenschläge einer Kirche sind keine Lärmbelästigung wie Auto- oder Fluglärm. Für viele bedeuten sie viel mehr. Sie gehören dazu, zum Quartier, zum Dorf, zur Tradition, zum Lebensumfeld, wie man es lieb hat. In Herrliberg hat ein Fussballklub diese Woche mit dem Slogan: «Kinderlärm ist Zukunftsmusik» für mehr Toleranz demonstriert. Ich finde: Glockenschläge sind Kirchenmusik.

Dass nun eine Kirchgemeinde, die bezüglich des Glockengeläuts kürzlich einen Kompromiss mit Anwohnern ausgehandelt hat, plötzlich auf durchgehende Viertelstundenschläge und Frühgeläut zurückschaltet, fände sogar ich als Glocken-Fan übertrieben. Wo aber die Stundenschläge abgeschafft worden sind, sollte eine Wiedereinführung sicher diskutiert werden.

Die Wortmeldungen der Winterthurer Kirchenvertreter nach dem Bundesgerichtsentscheid, man wolle die Nachbarn auch weiterhin keinesfalls brüskieren, sind mir jedenfalls eindeutig zu defensiv. Denn ab sofort müssen sich nicht mehr die Kirchen mit ihren Anwohnern arrangieren, sondern umgekehrt.

Markus Brupbacher ist Regionalredaktor beim Landboten.

Das verlockende Glockenurteil schadet den Kirchen letztlich

Wer wünscht sich das nicht: Man hat ein Anliegen und wird darin sogar vom höchsten Gericht im Land unterstützt. Freuen dürfen sich aktuell die Freunde des nächtlichen Glockenschlags. Das Bundesgericht hat im Falle von Wädenswil entschieden, dass Kirchenglocken auch nachts alle 15 Minuten schlagen dürfen. Mal eine Hochzeit, mal eine Beerdigung: Ich bin kein regelmässiger Kirchgänger, zahle aber Kirchensteuer. Weil ich finde, dass die Kirche wichtige gesellschaftliche Aufgaben übernimmt. Sollten sich die Kirchen durch das Gerichtsurteil nun aber ermuntert fühlen, die Glocken in der Nacht wieder häufiger schlagen zu lassen, werden die Kirchenaustritte zunehmen.

Sie müssen sich entscheiden, ob sie jetzt mit dem Urteil im Rücken die Glocken wieder häufiger schlagen lassen wollen und damit viel Goodwill verspielen. Oder ob sie Rücksicht nehmen auf die berufstätigen und Kirchensteuer zahlenden Anwohner.

Dass zum Beispiel die Winterthurer Stadtkirche den Viertelstundenschlag zwischen 22 und 7 Uhr abgeschafft und das Betzeitgeläut von 6 auf 7 Uhr verlegt hat, ist ein Segen für die Anwohner.

Wem um Gottes willen muss morgens um drei Uhr die Zeit akustisch verkündet werden?

Schlief man nämlich einmal schlecht oder wachte mitten in der Nacht auf, gelang es einem bisher nur mit Mühe, zwischen den Glockenschlägen im 15-Minuten-Takt wieder einzuschlafen. In solchen Momenten verfluchte man die Glocke in der Nachbarschaft.

Und wem um Gottes willen muss morgens um drei Uhr die Zeit akustisch verkündet werden? Von mir aus kann die Stadtkirche nachts auch die Stundenschläge abschaffen. Kann, muss nicht. Die Kirchenpflege Winterthur-Stadt verdient Respekt und Anerkennung, dass sie den Glockenkompromiss ohne Rechtsstreitereien gefunden hat. «Wir wollen gute Nachbarn sein», sagt deren Präsident Andreas Schraft auch nach dem Bundesgerichtsurteil.

Kein Verständnis habe ich für die Freunde des nächtlichen Glockenschlags. Da ist die Rede von «Tradition», «sinnvoller Funktion», «akustischer Qualität» oder «lieb gewonnener Gewohnheit». Das Argument mit der Tradition ist leer, weil mit ihr alles und nichts gerechtfertigt werden kann. Etwas Althergebrachtes wie auch etwas Neues ist per se weder gut noch schlecht. Und eine Funktion hat der nächtliche Glockenschlag auch nicht, schliesslich sollen die Menschen dann schlafen.

Befürworter des sinnlosen Gebimmels in der Nacht führen oft zwei Argumente ins Feld: Erstens störe der Glockenschlag sie nicht und zweitens fänden sie ihn schön. Was mir schleierhaft ist: Wie soll dieses Doppelargument widerspruchsfrei funktionieren? Wer schläft, der kann das Bimmeln nicht im selben Augenblick schön finden. Er schläft ja. Und wer es schön findet, der schläft nicht – aber andere tun es.

(landbote.ch)

Erstellt: 15.12.2017, 17:04 Uhr

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