Winterthur

Integration ist keine Sparmassnahme

«Schule für alle – ein Wagnis?» Diese Frage diskutierten Fachleute auf Einladung von Pro Infirmis im Technopark.

Kann man jedes Kind in normale Schulen integrieren?

Kann man jedes Kind in normale Schulen integrieren? Bild: hd (Symbolbild)

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Integration in der Schule bewegt. Entsprechend gross war am Mittwochabend der Andrang zur Podiumsdiskussion von Pro Infirmis. Die Veranstalterin schien vom grossen Interesse etwas überrascht. Die aufgestellten Stühle waren bald gefüllt und auch der Nachschub reichte nicht aus, viele Besucherinnen mussten stehen. In der Podiumsdiskussion wollte Moderatorin Cornelia Kazis von den Teilnehmenden wissen, wo Integration an ihre Grenzen stosse.

«Wo Menschen beteiligt sind, kann es immer sein, dass jemand an seine persönlichen Grenzen stösst.»

Thomas Peter, Schulleiter der Tagesschule Mattenbach, die rund ein Dutzend Kindern mit Beeinträchtigung integrativ schult, sagte, es sei zwar vieles möglich. «Aber wo Menschen beteiligt sind, kann es immer sein, dass jemand an seine persönlichen Grenzen stösst.» Er habe in zehn Jahren jedoch erst einen Fall erlebt, bei dem die Integration nicht geklappt habe. «Ein Schüler verunmöglichte den Unterricht und griff auch andere Kinder an. Da mussten wir eingreifen.»

Gabriela Kohler, Präsidentin der kantonalen Elternmitwirkungsorganisation, plädierte denn auch dafür, Integration nicht fundamentalistisch zu behandeln. «Man muss jeden Fall einzeln anschauen, Integration um jeden Preis kann nicht das Ziel sein.»

Nicht alle Beeinträchtigungen sind sichtbar

Philippe Dietiker, Abteilungsleiter Besondere Förderung beim Volksschulamt, sagte, es sei klar einfacher, ein Kind im Rollstuhl zu integrieren als eines mit ADHS oder dem Asperger-Syndrom. «Die unsichtbaren Beeinträchtigungen sind am schwierigsten mitzutragen.» Trotzdem plädierte er dafür, Integration auch hier zu versuchen. «Es geht um ein gesellschaftspolitisches Anliegen.»

Christina Le Kisdaroczi, Abteilungsleiterin Schulische Integration Winterthur Nord, brachte auch die Sicht einer betroffenen Mutter ein. Sie hat einen inzwischen erwachsenen Sohn mit Cerebralparese, der als Kind in die Sonderschule ging. Le Kisdaroczi sagte, als Mutter habe sie sehr darunter gelitten, dass ihr Sohn in die Sonderschule musste. «Er wäre gerne mit den anderen Kindern in die Schule gegangen.» Sie wolle Sonderschulen nicht verteufeln. «Aber wenn der Wunsch der Integration vom Kind her kommt, sollte man das respektieren. Es ist wichtig, auf die Kinder zu hören.»

«Es ist wichtig, auf die Kinder zu hören.»

Dietiker betonte, Integration sei ein Gewinn für alle Beteiligten. «Kinder ohne Behinderung lernen einen Aspekt des Lebens kennen, die betroffenen Kinder erfahren Teilhabe und die Lehrpersonen werden sensibilisiert für Kinder mit Schwierigkeiten. Es gibt schliesslich auch viele sogenannt normale Kinder mit Problemen.» Dietiker meinte, man müsste den Titel der Veranstaltung, «Schule für alle – ein Wagnis», eigentlich in «Schule – für alle ein Wagnis» umbenennen.

Moderatorin Kazis sprach die Kostenfrage an. Lässt sich durch Integration sparen? Dietiker sagte, es sei eine falsche Hoffnung, dass Integration billiger sei. «Integration eignet sich nicht als Sparmassnahme.»

Le Kisdaroczi meinte, es gebe aber Bereiche, wo mehr Geld hilfreich wäre. «Es würde helfen, wenn man grosszügigere Schulhäuser bauen dürfte. Der Raum ist der dritte Pädagoge.» Auf der anderen Seite müsse man aber aufpassen, dass man nicht zu viele Sondersettings installiere. «Das würde dazu führen, dass die betroffenen Kinder letztlich doch nicht richtig in die Klasse integriert wären.»

Mit den Eltern offen kommunizieren

Die Podiumsteilnehmenden waren sich im Grundsatz einig, dass Integration in der Schule wichtig und richtig ist. Doch Kohler richtete auch einen Appell an die Schulen: «Es ist entscheidend, dass bei diesem Thema auch gegenüber den Eltern offen kommuniziert wird, damit Unsicherheiten abgebaut werden können.»

(Der Landbote)

Erstellt: 08.03.2018, 16:47 Uhr

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