Mein Geheimnis

«Steuerhinterzieher sind mein Alltag»

Enthüllungen wie die «Panama Papers» haben ­aufgezeigt, wie reiche Persönlichkeiten ihr Geld unversteuert verstecken. In der ­internationalen Vermögensverwaltung sei das nichts als normal, sagt ein Insider einer Schweizer Grossbank.

«Ein ethisch handelnder Kundenberater ist für die Bank ein schlechter Kundenberater»: Szene auf dem Zürcher Paradeplatz.

«Ein ethisch handelnder Kundenberater ist für die Bank ein schlechter Kundenberater»: Szene auf dem Zürcher Paradeplatz. Bild: Keystone

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«Als ich vor langer Zeit meine Banklehre in Zürich begann, war die internationale Vermögensverwaltung die Crème de la Crème einer Bank. Ich kam damals ins Südamerika-Team, was ich aufregend fand: die Zeitverschiebung, die Latino-Mentalität und ein lockerer Umgang. Man ist mit allen per Du. Ich bin bis heute im internationalen Vermögensgeschäft. Aber anders als früher weiss ich heute: Die ausländischen Kunden kamen nur zu uns, um Steuern zu hinterziehen. Unsere Dienstleistungen wären viel zu teuer, als dass ehrliche Ausländer ihr deklariertes Geld bei uns anlegen würden.

Die ausländischen Kunden kamen nur zu uns, um Steuern zu hinterziehen.

Offiziell lautet unser Verkaufsargument Diskretion. Aber eigentlich heisst das nichts anderes als: Du zahlst deine Steuern nicht, und wir verraten dich nicht.

Als die «Panama Papers» Schlagzeilen machten, fand ich das toll. Ehrlich gesagt hätte ich nicht mit diesem Echo und dieser Empörung gerechnet. Nach all den Steuer-CDs, den Milliardenbussen und den Offshore-Leaks dachte ich, die Öffentlichkeit wisse Bescheid. Ich dachte, die Leute sagen: «Ja, ihr seid ein Saftladen, aber so ist das nun einmal.» Offenbar habe ich mich getäuscht. Ausserhalb der Branche ist das Unwissen immer noch gross.

Die «Panama Papers» waren ein Datenleck der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, mit der ich in Dutzenden Fällen zu tun hatte. Angst um mich hatte ich nie, ich war immer vorsichtig. Es war eigentlich nie ein Geheimnis, dass Schweizer Banken mit Kanzleien wie dieser zusammenarbeitet. Wir haben ganze Strukturen aus Briefkastengesellschaften und Nummerkonten geschaffen, um die Namen der Kunden zu verschleiern.

Ich schätze, 35% der Konten laufen auf Offshore-Firmen.

Wir haben viele Konten von Offshore­gesellschaften. Viele, viele, viele. Ich schätze, 35 Prozent der Konten laufen auf Offshore-Firmen. 15 Prozent sind Namenskonten mit Geldern, die vielleicht versteuert sind. Und der Rest sind Nummernkonten, von welchen wiederum vielleicht 80 Prozent zu Offshore-Briefkastenfirmen führen.

Unsere Kunden machen sich strafbar in den Ländern, in denen sie steuerpflichtig sind, wenn sie ihr Geld unversteuert bei uns parkieren. Unser Geschäft dagegen ist legal. Jeder Auslandkunde bestätigt schriftlich, dass sein Geld im Herkunftsland deklariert ist. Offiziell nehmen wir also höchstens unwissentlich unversteuertes Geld an. Das ist passive Beihilfe zur Steuerhinterziehung und in der Schweiz nicht verboten.

In Wahrheit leisten viele Kundenberater sehr wohl aktive Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Sie tun das nur im direkten Gespräch mit Kunden, aber niemals per E-Mail, und sie unterzeichnen auch keine heiklen Papiere. Darum können die Behörden die aktive Beihilfe kaum je nachweisen. Erwischen sie dennoch einen, opfert die Bank den Berater und gibt vor, von dessen Verstössen nichts gewusst zu haben.

Dabei hat niemand bei der Bank ein Interesse daran, dass alle Gesetze eingehalten werden. Nicht auf Kosten des Gewinns. Von diesem ist der Beraterbonus abhängig, und der Bonus seines Vorgesetzten, und so weiter. Natürlich gibt es auch gewissenhafte, ethisch handelnde Kundenberater. Aber das sind für die Bank, die Gewinne machen will, schlechte Berater. Das ist das Dilemma der Banken.

Gewissenhafte Berater sind für die Bank schlechte Berater.

Jeder Lehrer, jeder Taxifahrer in Südamerika muss seine Steuern bezahlen. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie Südamerikaner mit 100 Millionen Dollar Vermögen oder mehr ihr Geld nicht versteuern. Ich habe akzeptiert, dass das Leben mit viel Geld so viel einfacher ist. Und dass die Welt extrem ungerecht ist, und ich mein Geld verdiene, indem ich für superreiche Steuerhinterzieher die Drecksarbeit erledige. Aber ich frage mich schon: Mann, was ist das für eine Welt?

Ich glaube, die meisten meiner Kollegen haben früher einmal eine Banklehre gemacht, sind in ihre Rolle hineingewachsen und realisieren heute gar nicht, wie viel da eigentlich schief läuft. Andere sind kritischer, aber man spricht halt nicht über solche Dinge. Und dann gibt es noch einige wenige, die das richtig geil finden: das grosse Geld abzocken wie in «The Wolf of Wall Street», das feiern die richtig ab.

Ich sage mir: Wenn ich den Job nicht mache, dann macht ihn eben so einer. Aber das ist wahrscheinlich nur eine Ausrede.

Regulationen zählten bis vor kurzem wenig. Das übergeordnete Ziel war Geld, net new money, und dafür wurden beide Augen zugedrückt. Niemand schaute hin, jeder wusste Bescheid.

Mein Kollege nahm die Ausweiskopie des Kunden und pauste die Unterschrift ab.

Einmal fehlte eine Kundenunterschrift auf einem Vertrag. Wir hätten das Papier zurückschicken müssen, aber jeder internationale Briefwechsel ist ein Risiko für den Kunden. Landen die Papiere in den Händen eines Steuerbeamten, dann muss er nur eins und eins zusammenzählen. Also nahm mein Zürcher Kollege kurzerhand die Ausweiskopie des Kunden, hielt sie ans Fenster und pauste die Unterschrift ab.

Als Folge der ganzen Medienskandale ist das grenzüberschreitende Geschäft heikler geworden. Kollegen in Zürich wurden verhaftet. In unseren Auslandbüros gab es Razzien, und die Angestellten schredderten in aller Eile kompromittierendes Material. Wie im Film.

Seither wurden Compliance-Abteilungen massiv ausgebaut. Sie stellen sicher, dass sich die Bank bei ihren Geschäften auf juristisch sicherem Terrain bewegt. Heute stecken wir ständig in internen Weiterbildungen, damit wir keine Fehler machen.

Wir nehmen keine Gelder mehr an von politisch exponierten Personen, und Kunden aus sensitiven Branchen wie Diamanten-Handel und Casinos werden speziell überprüft. Aber wenn ich ein Drogenbaron wäre, ich brächte mein Geld in der Schweiz unter. Garantiert.

Diese Art des Geschäfts stirbt nicht aus, aber in Zukunft wird es von Singapur oder den USA aus betrieben.

Den Banken kann man da keinen Vorwurf machen. Sie tun, was im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt, um das Schweizer Recht einzuhalten. Klar könnten sie gewisse Gelder ablehnen, aber dann würden sie daran zugrunde gehen. Es ist nicht unser Job, Polizist zu spielen.

Unsere grösste Konkurrenz sind Banken wie die HSBC aus den USA. Die Amerikaner haben mit Delaware ihr eigenes Domizil für Briefkastenfirmen. Gleichzeitig kommt der grösste politische Druck aus den USA. Die sagen uns kleinen Schweizer Banken, wir dürften keine unversteuerten Gelder annehmen. Aber wenn wir dann zu genau hinschauen, dann wandern die Kunden einfach ab – zur HSBC. Das ist heute schon die Realität.

Das Geschäft wird immer härter. Die Regulationen nehmen zu. Unsere Abteilungen schrumpfen und die Arbeitsbelastung wächst. Gleichzeitig sind Löhne und Boni schlechter als vor der Krise. Diese Art des Geschäfts stirbt nicht aus, aber in Zukunft wird es von Singapur oder den USA aus betrieben. Nicht mehr aus der Schweiz. »

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Erstellt: 03.01.2017, 17:54 Uhr

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