Interview

«Ja, es gibt einen Trump-Effekt»

Dass mit Donald Trump ein unbeliebter Politiker US-Präsident wurde, habe ­Folgen für das Geschäft, sagt Reisebüroleiter Jörg Bernhard.

Jörg Bernhard: «Der Preis ist wichtiger als der Präsident.»

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Gibt es in der Reisebranche einen Trump-Effekt, oder ist das ein Hirngespinst der Medienleute?
Jörg Bernhard: Ich kann mir schon vorstellen, dass es Leute gibt, die wegen Donald Trump auf eine USA-Reise verzichten. Man kann ja leicht ausweichen auf andere Destinationen und zum Beispiel nach Kanada reisen.

Storniert tatsächlich jemand die Ferien, nur weil ihm ein Politiker unsympathisch ist? Auf die Reise hat das ja keine Auswirkungen.
Annullationen erwarte ich nicht, und wir haben bislang auch keine solchen verzeichnet. Ich bin aber bereits mit zwei Kunden zu diesem Thema ins Gespräch gekommen. Ich denke, wenn man einmal entschieden hat: Wir reisen im nächsten Sommer in die Nationalparks, oder: Wir fliegen zum Weihnachtsshopping nach New York, wird man kaum auf diesen Entscheid zurückkommen. Aber während des Entscheidungs­prozesses können weiche Faktoren durchaus wichtig sein. Ich rechne mit einem leichten Rückgang bei den US-Buchungen.

Sie sprechen von weichen Faktoren. Welches sind die harten?
Es ist sicher etwas anderes, wenn man das Gefühl hat, selbst auf einer Reise nicht sicher zu sein. Märkte wie Ägypten und Tunesien leiden wegen der Angst vor Anschlägen sehr stark.

Eben: Die USA sind nach der Wahl die gleichen geblieben.
Das stimmt, Amerika hat weiterhin Vorzüge. Neben den Reise­zielen selbst zählt dazu die Kinderfreundlichkeit des Landes. Es gibt hier in fast jedem Restaurant Spielzeug und einen Wickeltisch. Die Touristeninformationen sind gut, und allgemein ist die Dienstleistungsorientierung sehr stark.

Viele mögen auch die Lockerheit und Unkompliziertheit der ­Amerikaner.
Richtig. Die Amerikaner sind auch sehr freundliche und offene Menschen. Man kommt leicht mit ihnen ins Gespräch, und sie zeigen Interesse für die Reise, die man macht, zwar eher oberflächlich, aber immerhin. Sie sind auch hilfsbereit. Das alles hat sich nicht verändert. Trotzdem: Präsidentenwahlen sind nicht unwichtig. Ich erinnere mich an den Irakkrieg unter George Bush. Ich war damals selbst Tourguide in den USA, und es gab Touren, an denen fast niemand teilnahm.

War die Situation nicht anders als heute? Es geht jetzt ja nicht um einen Krieg.
Sie haben recht, im Fall von Bush kommen weiche und harte Faktoren zusammen. Man wollte diese Regierung nicht unterstützen, manche hatten aber auch Angst, dass es Vergeltungsschläge aus dem Irak geben könnte, mit Chemie- oder sogar Atomwaffen.

Der härteste Faktor ist wohl der Preis. Ich schaue auf den Dollarkurs und sehe: Die USA sind ­immer noch sehr billig.
Ja, der Preis ist immer wichtig, ganz klar, besonders für Familien. Man gibt ja auch vor Ort oft viel Geld aus. Aktuell sind die USA, wie Sie sagen, günstig, und das hilft dieser Destination sehr. Geld ist wichtiger als Trump.

Wenn jemand nicht in die USA will, empfehlen Sie Kanada?
Ja, es gibt dort ebenfalls sehr schöne Nationalparks und interessante Städte. Es ist aber, wie man sich leicht denken kann, kühler. Und die Cowboy-Landschaft aus den Wes­­tern­filmen sucht man vergeblich.

Wie sieht es mit Mexiko aus?
Mexiko ist landschaftlich und kulturell anders als die USA. Es gibt weniger Nationalparks, viele Besucher interessieren sich für die alten Stätten der Maya-Kultur. Man hört oft von der Bandenkriminalität, und das schreckt die Leute ab. Man muss sich aber vor Augen halten: Mexiko ist ein sehr grosses Land, die Sicherheitslage ist an den meisten touristisch erschlossenen Orten gut.

Wie lange wird der Trump-­Effekt anhalten?
Es kommt auf das Verhalten des neuen Präsidenten an. Geben wir ihm erst einmal eine Chance. Vermutlich verpufft der Effekt aber sowieso relativ schnell. So war es auch bei Bush.

Jörg Bernhard leitet die Globetrotter-Filiale am Untertor in Winterthur. Er war selbst Tourguide in den USA. (Der Landbote)

Erstellt: 19.11.2016, 11:02 Uhr

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