Leitartikel

Je tiefer die Beteiligung, desto offener die Wahl

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So dünn ist das Abstimmungscouvert selten. Nur einen einzigen Zettel müssen die Winterthurerinnen und Winterthurer für den Wahlsonntag in zwei Wochen ausfüllen, jenen für den zweiten Wahlgang der Stadtratsersatzwahl. Es geht um die Entscheidung zwischen Daniel ­Oswald (SVP) und Jürg Altwegg (Grüne).

Nur ein einziges lokalpolitisches Thema: Diese Ausgangslage macht den 2. April aussergewöhnlich ­– und allenfalls unberechenbar. Die Stimmbeteiligung wird zum Gradmesser für das Interesse der Stimmbevölkerung an der Politik vor der eigenen Haustür. Die Nebenbei-Wähler, die vor allem über die grossen, in den Medien ausgebreiteten natio­nalen Themen abstimmen wollen und nebenbei auch noch gleich den Winterthurer Wahlzettel ­ausfüllen, fallen diesmal weg.

Die Stimmbeteiligung wird zum Gradmesser für das Interesse der Bevölkerung an der Politik vor der eigenen Haustür.

Umso wichtiger ist es für die beiden Kandidaten, Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren und an die Urnen zu bewegen. Gerade einfallsreich zeigten sie sich dabei nicht. Als das Kandidatenfeld bereinigt war, machte sich eher so etwas wie Kater­stimmung breit. Im Wahlkampf gab es in den ­zurückliegenden Wochen zwar noch da und dort eine brisante Aussage. Eine Überraschung, mit der einer der beiden Bewerber Unentschlossene ­begeistert hätte, blieb aber aus.

Wer bleibt zu Hause, statt wählen zu gehen? Dies ist die entscheidende Frage im zweiten Wahlgang. Dadurch wird der 2. April auch zum Testfall für die beiden Wahlbündnisse: das bürgerliche auf der einen, das links-grüne auf der anderen Seite.

Für den SVP-Kandidaten Daniel Oswald ist entscheidend, ob die Wählerinnen und Wähler der Partnerparteien FDP und CVP tatsächlich seinen Namen auf den Wahlzettel schreiben. Schon oft haben die bürgerlichen Parteileitungen die gute Zusammenarbeit beteuert, ohne damit das Fussvolk zu überzeugen. Für die lokalen SVP-Kandidaten ist in ­solchen Situationen die harsche Rhetorik der ­nationalen Partei eine Hypothek.

Der bürgerliche Schulterschluss hat in Winterthur bei der Gesamterneuerungswahl 2014 zwar funktioniert. Doch damals hatten alle Parteien eigene Kandidierende im Rennen, und die Ausgangslage war komplett anders. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs deutet eher darauf hin, dass die tatsächliche Unterstützung für Daniel Oswald durch die CVP- und FDP-Basis mässig ist. Denn der SVP-Mann machte kaum mehr Stimmen, als es dem Wähleranteil seiner eigenen Partei entspricht.

Schon oft haben die bürgerlichen Parteileitungen die gute Zusammenarbeit beteuert, ohne damit das Fussvolk zu überzeugen.Source

Für langfristig denkende Taktikerinnen und Strategen in den Reihen von CVP und FDP ist ein zweiter Stadtratssitz der SVP ohnehin nicht sehr erstrebenswert. Die Mehrheit in der Stadtregierung hat man bereits jetzt. Und wenn in Zukunft ­– bei der Gesamterneuerungswahl 2018 oder auch später – der Besitzstand verteidigt oder der Posten eines Zurücktretenden neu besetzt werden muss, ist dies mit vier Bürgerlichen im Stadtrat einfacher als mit zwei SVP-Vertretern im Gremium. Kommt hinzu, dass bei einer 5-zu-2-Mehrheit der Angriff von links und aus der Mitte mit Sicherheit deutlich heftiger wäre.

Auch auf der links-grünen Seite stellt sich die ­Frage, ob die Unterstützung funktioniert. Es ­besteht die Möglichkeit, dass SP-Wählerinnen und -Wähler die Taktik ihrer Parteileitung nicht goutieren und lieber die eigene Kandidatin Christa Meier im zweiten Wahlgang gesehen hätten. Zumal sie ja im ersten Durchlauf das zweitbeste Resultat erreicht hat. Viele SP-Sympathisanten könnten also desinteressiert den Wahlzettel in die Altpapiersammlung legen. Allerdings verlief die Stabüber­gabe von Meier zu Altwegg sehr harmonisch. Und der Grüne hat im ersten Wahlgang schon gezeigt, dass er über die eigenen Parteigrenzen hinaus nicht nur Sympathien geniesst, sondern auch ­tatsächlich Stimmen holt.

Oswalds Chance ist eine tiefe Wahlbeteiligung im links-grünen Lager. Die spezielle Ausgangslage an diesem Einzelwahltag könnte ihm da zugutekommen. 

Als weiterer kleiner Vorteil für Altwegg kommt die offizielle Wahlempfehlung durch die EVP hinzu. Dass die GLP den eigenen Kandidaten zurückgezogen und dann Stimmfreigabe beschlossen hat, zeigt einmal mehr auf, in welchem Dilemma sich die Grünliberalen bei den Stadtratswahlen befinden: Es ist fast unmöglich, zwischen den Blöcken zu politisieren und gleichzeitig einen mehrheits­fähigen Regierungskandidaten aufzubauen.

Das Fazit: Für den Grünen Jürg Altwegg hat sich die Ausgangslage nach dem ersten Wahlgang deutlich verbessert. Dank der breiten Unterstützung geht er als Favorit ins Finale. Daniel Oswald hat im ersten Wahlgang zwar das beste Ergebnis erreicht. Ihm könnte nun aber zum Verhängnis werden, dass in Stichwahlen SVP-Kandidaten von den Wählerinnen und Wählern der anderen bürgerlichen Parteien oft die Gefolgschaft verweigert wird. Oswalds Chance ist eine tiefe Wahlbeteiligung im links-grünen Lager. Die spezielle Ausgangslage an diesem Einzelwahltag könnte ihm da zugutekommen. Darum gilt: je tiefer die Stimmbeteiligung, desto unvorhersehbarer und spannender wird der Wahlsonntag. (Der Landbote)

Erstellt: 17.03.2017, 18:21 Uhr

Artikel zum Thema

Altwegg oder Oswald wählen?

Stadtratswahl Wer noch unsicher ist, kommt hier in neun Klicks zu einer Entscheidungshilfe. Mehr...

Jakob Bächtold ist stellvertretender Chefredaktor des Landboten.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben