Winterthur

Keck die Kirche neu erfinden

Gestern ist Andrea Weinhold als neue Leitfigur der reformierten Fabrikkirche offiziell eingesetzt worden. Die 45-jährige Pfarrerin aus St. Gallen soll Nik Guggers Aufbauarbeit in neue Bahnen lenken. Was sie vor hat, sagt sie hier.

Andrea Weinhold in der Akazie: «Das ist nicht einfach eine Beiz, da läuft bedeutend mehr.»

Andrea Weinhold in der Akazie: «Das ist nicht einfach eine Beiz, da läuft bedeutend mehr.» Bild: Madeleine Schoder

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Andrea Weinhold war als Sozialarbeiterin in der Opferhilfe tätig und bei der Dargebotenen Hand. Dann studierte sie Theologie in Zürich, trat eine Pfarrstelle in ihrer Heimatstadt St.Gallen an, und nun, mit 45 Jahren, wurde sie sozusagen nach Winterthur berufen. Der Ruf, der ihr vorauseilt, weckt grosse Erwartungen: Man hiess sie willkommen als Kirchenvisionärin und Ekklesiapreneurin. Seit zwei Wochen ist sie nun hier, im Büro im Volkarthaus und am Beizentisch der «Akazie».

Frau Weinhold, was ist Ihre Aufgabe als Ekklesiapreneur, und wie kamen Sie zu diesem Titel?
Ich musste auch zuerst nachschlagen, was der Begriff meint. Es ist ein Kunstwort, gebildet aus Ecclesia, Kirche, und Entrepreneur, Unternehmer. Als das wurde ich angestellt, um für die Fabrikkirche neue Visionen und neue Richtungen zu entwickeln.

Man hat sie geholt, weil sie in St. Gallen versucht hatten, die St. Leonhardskirche mit einem neuen Konzept umzunutzen.
Ja, die Kirche brannte vor zehn Jahren aus, dann wurde sie dem Winterthurer Unternehmer Giovanni Cerfeda verkauft, doch sie ist bis heute ungenutzt. Ich habe ein Konzept erstellt, was sich dort realisieren liesse, eine Beteiligungskirche. Das heisst: Man macht nicht einfach Angebote für die Leute, sondern entwickelt die Inhalte mit ihnen zusammen. Für die Bewerbung hier habe ich dieses Konzept auf die Fabrikkirche angepasst ­und wurde angestellt.

«Ich sehe die Kirche in vier verschiedenen Bereichen: Bildung, Seelsorge, Gemeindeaufbau und miteinander feiern.»

Eine leere Kirche hätten wir hier auch, im Rosenberg. Und ebenso ein zentrales Kirchgemeindehaus, für das man Nutzungen sucht. Wie sieht Ihre Vorstellung der Beteiligungskirche aus?
Ich sehe die Kirche in vier verschiedenen Bereichen: Bildung, Seelsorge, Gemeindeaufbau und miteinander feiern. Innerhalb dieser vier Eckpfeiler lässt sich sehr viel realisieren. Ich sehe eine Form von Projektwerkstatt, die ich Werkstatt Gottes nennen würde. Dort bieten wir einen Raum für Leute mit kreativen Ideen, wo sie aktiv werden können. Das können gestalterische Möglichkeiten sein, sich auszudrücken. Man könnte dort auch handwerklich tätig sein, in einer Schreibwerkstatt Texte formulieren oder miteinander trommeln. Ein Bedürfnis heute ist sicher auch ein Ort der Stille oder sogar ein Stadtkloster für Auszeiten.

Eine Auszeit auf der Alp

Andrea Weinhold selber hat sich dieses Jahr eine solche Auszeit genommen. Ihre alte Stelle als Pfarrerin in St. Gallen hatte sie auf April gekündigt und zog für ein paar Wochen auf eine Rinder-Alp oberhalb von Urnäsch. Dort habe sie all das gemacht, was Bauern auf Alpen machen, erzählt sie und strahlt: «Es war eine riesengrosse Erfahrung, die ich jedem gönnen würde. Eine wunderbare Zeit.» Eine Vision, was sie künftig tun würde, welche Herausforderung sie annehmen würde, habe sie nach der Alpzeit jedoch nicht gehabt, «bis der Anruf aus Winterthur kam», man suche für die Fabrikkirche jemanden wie sie.

Dass sie nicht ewig Pfarrerin einer Kirchgemeinde bleiben würde, zeigt sich auch an anderen Aktivitäten, die sie an den Tag legte. Sie trat schon auf als Slam-Poetin im Rahmen einer Weiterbildung beim Preacher-Slam (und gewann eine Flasche Whisky). Und sie hat mit zwei befreundeten Pfarrerinnen ein Comedy- Musik-Programm entwickelt, das sie am 1. November auch in Winterthur zeigen unter dem Namen «Röbi und die Reformanzen».

Zurück zur Fabrikkirche: Die ist heute im Wesentlichen eine Beiz, die Akazie. Die Fabrik selber gibts längst nicht mehr. Wie geht es nun weiter? Und wo?
Die Akazie ist nicht einfach nur ein Restaurant, wir haben recht viele Angebote hier und sind auch oft als Pfarrpersonen anwesend, wenn jemand ein seelsorgerisches Gespräch wünscht. Das gibt es in einer Beiz sonst nicht. Und die Akazie ist auch ein soziales Projekt zur Arbeitsintegration. Daran möchten wir im Moment gar nichts ändern. Und auch der Name Fabrikkirche hat sich meiner Meinung nach als Brand gut etabliert; ich sehe keinen Anlass, da etwas zu verändern. Zudem wir sind auf der Suche nach einer Halle, nach einem Kirchgemeindehaus oder einer Kirche. Und da stellt sich natürlich die Frage: Kann das die Kirche Rosenberg sein?

Was macht Sie optimistisch, dass Winterthur so etwas will? Die Reformierten lehnten die Kulturkirche Rosenberg ja ab.
Ja, ich weiss. Wir haben das Konzept noch nicht erarbeitet, ich bin ja erst seit einer Woche hier. Aber ich glaube, es ist der Moment und auch der Wunsch da, etwas Neues zu machen. Vielleicht starten wir auch mit einem Bus, mit dem wir in die Quartiere fahren. Wissen Sie, wer einen hätte?

(Der Landbote)

Erstellt: 13.09.2018, 16:23 Uhr

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