Abstimmung

Kein Abwasser mehr in den Grundwasserstrom

Kläranlagen in Weisslingen und Bauma leiten ihr gereinigtes Abwasser in die Töss. Das könnte den darunterliegenden Grundwasserstrom verschmutzen. Eine gemeinsame Anstalt will das mit einer neuen Abwasserleitung künftig verhindern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wanderer oder Velofahrer sehen immer nur einen kleinen Teil der Töss, auch wenn sie weite Strecken entlang des Ufers zurücklegen. Denn wie bei einem Eisberg bleibt die wahre Grösse des Flusses unter der Oberfläche verborgen. Ein mächtiger Grundwasserstrom führt unterirdisch vom Quellgebiet rund um den Tössstock über Bauma bis nach Winterthur. Das Gewässer bewegt sich dabei durch kiesigen, durchlässigen Schotter und drückt nur an einzelnen Stellen bis ins Flussbett hinauf.

Bis das Wasser in die Tiefe gelangt, sickert es durch Gesteinsschichten und wird so auf natürliche Art gereinigt, bis es bedenkenlos trinkbar ist. Die Stadt Winterthur deckt ihren Trinkwasserbedarf deshalb zu 97 Prozent aus dem Grundwasserstrom, Tösstaler Gemeinden speisen damit ihre Leitungen.

Probleme bei Trockenheit

Vor diesem Hintergrund ist es ein eher unappetitlicher Gedanke, dass derzeit zwei Kläranlagen ihr gereinigtes Abwasser direkt oder indirekt in die Töss ableiten. Problematische Stoffe können so ins Grundwasser hinab gelangen. Vor allem bei Trockenheit, wenn die Töss stellenweise ganz in den Untergrund verschwindet, besteht die Gefahr von solchen Verunreinigungen. Das Abwasser wird dann kaum noch verdünnt.

Die betroffenen Gemeinden im Tösstal wollen das Problem gemeinsam mit der Stadt Winterthur und Weisslingen lösen. Und zwar indem sie eine Anstalt gründen. Der etwas sperrige Name dieser Organisation: «Regionale Abwasserentsorgung Tösstal». Ihr Plan ist es, die Kläranlagen in Weisslingen und Bauma in Etappen zu schliessen und das Abwasser aus dem Tösstal bis 2035 in einer neuen Röhre in die Kläranalge Hard in Winterthur zu leiten (siehe Grafik rechts). Dort sollen bis dahin längst auch Mikroverunreinigungen aus dem Wasser gefiltert werden können.

Kein Gegenwind in Sicht

Das Generationenprojekt wird einiges kosten, da neue Leitungen oder Ausbauten nötig sind. Die Investitionen belaufen sich in den nächsten 25 Jahren auf geschätzte 90 Millionen Franken, mit eingerechnet ist dabei auch ein neuer Stollen, der allenfalls durch den Eschenberg gegraben werden soll. Die Budgets der Gemeinden und der Stadt werden damit jedoch nicht direkt belastet, da «nur» die Gebührenhaushalte betroffen sind.

«Wir sind dazu verpflichtet, das Grundwasser bestmöglich zu schützen. Dieses riesige Vorkommen gibt es für die Stadt Winterthur wie auch das Tösstal nur einmal.» Susanne Stahl, SP-Gemeinderätin Zell und Präsidentin Regionale Abwasserentsorgung Tösstal

Die Abstimmungen über die Gründung der Anstalt finden am 19. Mai statt. Bis jetzt ist nirgends Widerstand in Sicht, weder in Fischenthal, Bauma, Wila, Turbenthal, Zell, Weisslingen, noch Winterthur (siehe Artikel rechts). An mehreren Informationsveranstaltungen gab es in der Regel höchstens technische Fragen. Alle beteiligten Gemeinderäte wie auch die Rechnungsprüfungskommissionen empfehlen ein Ja. Ein wichtiger Punkt war für sie in den Verhandlungen mit Winterthur ihr künftiges Mitspracherecht. Denn die öffentliche Anstalt wirkt als eigenständiges Unternehmen, das nach wirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden soll.

Inzwischen sehen die Gemeinden ihre Mitsprache weiterhin garantiert, wie sie in ihren fast identischen Abstimmungsempfehlungen schreiben. So haben sie in der neuen Anstalt erstens Anspruch auf insgesamt drei Vertreter in der künftigen Geschäftsleitung, während die Stadt Winterthur zwei Personen stellen darf. Zweitens sind die Gemeinden im Verwaltungsrat mit je einem Sitz vertreten.

Man sei vom Vorhaben überzeugt, heisst es denn auch in den Weisungen. In Bauma hat zudem die vorberatende Gemeindeversammlung eine Ja-Empfehlung abgegeben. Als wichtigen Vorteil nennen die Gemeinden nicht zuletzt die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Der Anschluss an die Anlage in Winterthur sei kostengünstiger als der langfristige Weiterbetrieb der bisherigen kleineren Kläranlagen. Verbessert werde zudem die Koordination und vor allem: der Schutz des Tössgrundwassers.

Zuversichtliche Präsidentin

Die Zeller SP-Gemeinderätin Susanne Stahl ist erfreut über die bisherigen Rückmeldungen zum Projekt. Sie ist Präsidentin der Steuerungsgruppe Regionale Abwasserentsorgung Tösstal und überzeugt, dass es an der Urne gut abschneiden wird. «Wir sind dazu verpflichtet, das Grundwasser bestmöglich zu schützen. Dieses riesige Vorkommen gibt es für die Stadt Winterthur wie auch das Tösstal nur einmal.» Sie sieht jetzt den richtigen Zeitpunkt gekommen, um das Grossprojekt anzugehen. Die Infrastruktur im Tösstal sei in den 60er-Jahren gebaut worden und stosse nun an ihre Kapazitäts- und Altersgrenzen. Etwas unternehmen, müsste man also sowieso. Der Ara Weisslingen stünde eine Gesamtsanierung bevor. In Bauma müsste man spätestens im Jahr 2035 investieren.

Erstellt: 03.05.2019, 13:22 Uhr

Die Situation in Winterthur

«Eine typische Win-Win-Situation für Stadt und Gemeinden»

Nicht nur ökologisch, auch wirtschaftlich zahlt sich der Zusammenschluss der Abwasserleitungen gemäss Stadtrat aus.

Geht es ums Trinkwasser, werden keine Kompromisse gemacht. Das mussten vor drei Monaten auch die Verfechter eines neuen kantonalen Wassergesetzes einsehen, das eine Teilprivatisierung der Vorkommen ermöglicht hätte - und klar verworfen wurde. Politisch unumstritten hingegen ist Projekt «Abwasserfreie obere Töss» (siehe Artikel links). Der Grosse Gemeinderat hat es mit 52:0 Stimmen gutgeheissen. Primäres Ziel ist es, den Grundwasserstrom der Töss vor Mikroverunreinigungen zu schützen, die aus den Kläranlagen zurückfliessen. Baustadträtin Christa Meier (SP) sprach an der Medienkonfernenz letzte Woche aber auch von einer «typischen Win-Win-Situation» für Stadt und Gemeinden, die sich ab 2035 auszahlt. Die Gemeinden müssen ihre bestehenden Anlagen nicht erneuern und die ARA Hard, als modernste aller Kläranlagen, wäre besser ausgelastet. Deren Kapazität reicht für das Abwasser von knapp 200000 Einwohnerinnen und Einwohnern, Industrieabwässer eingerechnet.

Zudem gilt: Je grösser und moderner die Anlage, desto besser die Reinigungsleistung. Bis 2027 wird die ARA Hard um eine zusätzliche biologische Stufe erweitert, die 50 Prozent mehr Stickstoff (neu 70 Prozent) aus dem Wasser filtert Und je höher die Auslastung, desto tiefer die Kosten pro Kubikmeter gesäuberten Wassers. Diese liegen heute bei 50 bis 60 Rappen, danach etwa 8 Prozent tiefer. Weil die Stadt mit Sennhof einen vergleichsweise kurzen Abschnitt und des neuen Netzes nutzt und wenig Abwasser zuführt, werden ihr gemäss Verursacherprinzip auch etwas tiefere Anschlussgebühren verrechnet als etwa den Baumenern.

Stollen durch Berg oder Tal

Die elf Millionen Franken an Investitionen, die die Stadt aus dem Gebührentopf einschiesst, fliessen die neue Anschlussleitung ab Sennhof und den neuen Verbindungsstollen, der Stand heute durch den Eschenberg führen soll. Denkbar wäre auch ein Kanal durch das Linsental. Rechnen werde sich das Projekt für die Stadt sowieso, ist sich Ueli Sieber, der städtische Leiter Entwässerung sicher, auch weil die laufenden Kosten für die heutige Pumpstation in Sennhof wegfallen, von wo aus heute das Abwasser nach Seen gepumpt wird. Rund zwei Drittel der Gesamtprojektkosten von 85 Millionen Franken, tragen Bund und Kanton.

Zum Mitspracherecht: Die neue Gemeindeanstalt verfügt alleine und unabhängig über Finanzen und Personal. Ein demokratisches Mitsparcherecht für Volk und Parlament gibt es nicht. In der fünfköpfigen Geschäftsleitung sind für die Stadt zwei Sitze reserviert, einen stellvertretend für die ARA und einen für das Leitungsnetz. Im Verwaltungsrat ist sie, wie die anderen Gemeinden auch, einfach vertreten, voraussichtlich mit der Baustadträtin. (hit)

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben