Winterthur

Kein islamischer Gebetsruf in der Stadtkirche

Ist es Kultur-Zensur? Oder hat die Kirchenpflege eine unnötige Provokation verhindert? Fakt ist: Der Oratorienchor Winterthur singt die Friedensmesse von Karl Jenkins nicht wie zuerst geplant in der Stadtkirche, sondern im Stadthaussaal.

Zu heikel: Der Oratorienchor tritt nicht wie geplant in der Stadtkirche auf.

Zu heikel: Der Oratorienchor tritt nicht wie geplant in der Stadtkirche auf. Bild: Marc Dahinden

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The Armed Man, der bewaffnete Mann, heisst eine Messe des zeitgenössischen britischen Komponisten Karl Jenkins. Trotz des martialischen Titels will dieser sein Werk als Friedensmesse verstanden wissen: Er widmete es den Opfern des Kosovokriegs, im Jahr 2000 fand die Uraufführung statt. In dem gut einstündigen Werk mischt Jenkins Teile der christlichen Messe mit Friedenstexten, mit Kriegsmelodien, hinduistischen Elementen und dem islamischen Gebetsruf «Allahu Akbar». Dem Singsang des Muezzins folgt unmittelbar das orthodoxe Kyrie. Es gab Aufführungen, das ist auf You Tube zu sehen, bei denen der islamische Ruf sogar von der Kanzel einer Kirche erschall.

Dieses Nebeneinander zweier Glaubensbekenntnisse führte dazu, dass der Oratorienchor Winterthur das Werk Mitte März nicht in der Stadtkirche singen kann.

Heikel wegen An'Nur-Moschee

Der Oratorienchor wird dirigiert von Beat Fritschi, und der führt eine freundschaftliche Beziehung zu seinem ehemaligen Schüler Niki Wüthrich, der heute die Stadtmusik Bremgarten leitet, ein ambitioniertes Blasorchester. Die beiden kamen überein, gemeinsam das Werk von Jenkins aufzuführen, von dem es auch eine Blasmusikversion gibt. In der Stadtkirche Bremgarten und in der Stadtkirche Winterthur sollten die Konzerte stattfinden. Was in Bremgarten offenbar problemlos möglich war, führte in Winterthur im Verlauf der Vorbereitungen zu einem Entscheid der reformierten Kirchenpflege: Kein Konzert dieser Messe in der Stadtkirche. Alfred Frühauf, der Präsident der Kirchenpflege, sagt dazu: «Die Botschaft der Messe ist zweifellos gut: Friede ist besser als Krieg. Doch angesichts der Radikalisierungsgeschichte rund um die An'Nur-Moschee erschien es uns als zu heikel, dieses Konzert in der Kirche durchzuführen.» Vor allem der Gebetsruf des Muezzins sei ein Ruf, den viele als Bedrohung empfänden. Deshalb habe man dem Chor als Ersatz das Kirchgemeindehaus Liebestrasse angeboten. «Im liturgischen Umfeld wäre das Konzert heikel gewesen, aber das Kirchgemeindehaus ist der Ort für diese kulturelle Leistung.»

«Den Ball flach halten»

Dieser Entscheid, der schon einige Monate zurückliegt, wurde nie publik. Weder die Kirche noch der Chor hatten ein Interesse daran, eine politische Debatte darüber zu provozieren. Der Chordirigent Beat Fritschi sagt, man habe einige Proben und die Organisation den neuen Umständen anpassen müssen, und er sei froh, dass das Hin und Her jetzt vorbei sei. Die politische Einschätzung überlässt er der Chorpräsidentin Therese Pfister. Diese sagt, man habe damals entschieden, den Ball flach zu halten, keine grosse Geschichte daraus zu machen. Der Chor habe die Stadtkirche für dieses Werk zwar stets als erste Wahl betrachtet. Dass es nun anders kam, «das kann ich aufgrund der Vorkommnisse der letzten Jahre in Winterthur nachvollziehen.» Den ersatzweise angebotenen Saal im Kirchgemeindehaus habe man sich angeschaut - und für nicht sehr geeignet empfunden: «Er ist suboptimal für Zuhörende, die am Rand des sehr breiten Saals sitzen würden.»

Den Stadthaussaal hingegen bewertet Therese Pfister als optimal: «Ich bin mit dieser Wahl sehr glücklich, wir haben schon oft dort gesungen. Akustisch und von der Bühne her ist der Stadthaussaal das Beste, was wir haben können.» Der Chor zählt rund 90 Sängerinnen und Sänger, die Stadtmusik Bremgarten kommt mit 50 Bläserinnen und Bläsern. «Es wäre also eng geworden beim Taufstein in der Kirche.» Wie sie die 140 Personen in der bedeutend kleineren Kirche von Bremgarten platzieren will, wisse sie noch nicht: «Das wird richtig eng.»

Winterthur ist übrigens nicht der erste Ort, der Jenkins’ Friedensmesse nicht in der Kirche will. Vor einem Jahr kam es in Stuttgart zur genau gleichen Situation, über die viele Medien berichteten. Damals gings um eine katholische Kirche. Handkehrum sangen 40 Mitglieder des katholischen Kirchenchors von Peter und Paul in Winterthur vor zwei Jahren dieselbe Messe in der Carnegie Hall in New York - zusammen mit anderen Chören aus aller Welt. «Dass 250 Sängerinnen und Sänger aus ganz verschiedenen Ländern zusammen ein Werk erarbeitet und aufgeführt haben, war für mich sehr berührend. Es hat mir Hoffnung gemacht, dass ein friedliches Miteinander möglich ist», sagte die Chorpräsidentin nach der Rückkehr.

Erstellt: 22.01.2020, 14:20 Uhr

Aufführungen

Die Aufführungen finden statt am 14. März und 19.30 Uhr im Stadthaus Winterthur sowie am 28. und 29. März in der Stadtkirche St.Nikolaus in Bremgarten.

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