Bruderhaus

«Bär wäre eine Nummer zu gross»

Der Stadtrat entscheidet sich gegen eine Bärenanlage im Wildpark Bruderhaus. Die Initiantin Ruth Werren ist enttäuscht

Schönes Projekt aber zu teuer: Der Stadtrat will keine Bärenanlage im Bruderhaus.

Schönes Projekt aber zu teuer: Der Stadtrat will keine Bärenanlage im Bruderhaus. Bild: Keystone

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2008 hatte sie es geschafft: Ruth Werren, frühere FDP-Gemeinderätin und Präsidentin des Wildparkvereins konnte im Wildpark Bruderhaus ein Wolfsgehege einweihen. In jahrelanger Sammeltätigkeit hatte ihr Verein Spendengelder und Sponsoren aufgetrieben. Jetzt wollte die «Wolfsmutter» nachdoppeln und sich einen zweiten Traum erfüllen: Den Bären, nach Wolf und Luchs das dritte einheimische Grossraubtier, nach Winterthur holen.

Der Traum ist geplatzt. Ein halbes Jahr nachdem Werren ihr Konzept beim Stadtrat einreichte, erteilt dieser die definitive Absage. «Wir haben uns den Entscheid nicht einfach gemacht», sagt Stadtrat Stefan Fritschi (FDP). «Das Projekt ist interessant und sympathisch. Doch nach reiflicher Prüfung sind wir zum Schluss gekommen, dass der Bär für uns eine Nummer zu gross ist.»

Viel höhere Kosten Das fängt schon bei der Investition an. Ruth Werren hat, auf Grundlage von Vergleichswerten aus Parks in Deutschland, Kosten von rund einer Million Franken für die Erstellung der Gehege angenommen. «Wir müssen aber mit Schweizer Standards rechnen», sagt Fritschi. Die Anlagen in Arosa, Langenberg oder Arth Goldau hätten jeweils mehrere Millionen Franken gekostet. Selbst wenn der Wildparkverein diese viel höhere Summe hätte auftreiben können, hätte die Stadt mit deutlich höheren Betriebskosten rechnen müssen. «Wir hätten sicher zusätzliches Personal anstellen müssen», sagt Fritschi. «Das lässt sich mit Spenden nicht abdecken.»

Was, wenn er ausbricht? Im Unterschied zu anderen Parks mit Bären ist der Winterthurer Wildpark keine geschlossene Anlage, sondern frei zugänglich. Entkommt ein Bär aus seinem Gehege, etwa weil ein umgestürzter Baum den Zaun beschädigt, läuft er frei und kann für Menschen zur Gefahr werden. «Wir hätten entweder doppelte Zäune bauen, oder unser Betriebskonzept ändern müssen», sagt Fritschi. «Das möchten wir nicht: Das Bruderhaus soll weiterhin für alle offen stehen, ohne Eintritt und zu jeder Tages- und Nachtzeit.»

Angst vor dem Auto-Chaos Ein Bär wäre, nach Einschätzung des Stadtrats, eine Attraktion mit «überregionaler Anziehungskraft». Doch der Wildpark ist gar nicht ausgelegt für mehr Besucher. «Schon heute haben wir ein grosses Problem mit den Autos», sagt Fritschi. Mit dem Bären würde «das absolute Chaos» ausbrechen. Derzeit sei eine Arbeitsgruppe der Stadt dabei, ein neues Verkehrskonzept für den Wildpark zu erarbeiten. «Das Verkehrsproblem ist eine Tatsache, aber das ist schon seit 15 Jahren so», sagt Ruth Werren. Und die Stadt habe ja eben noch für 150 000 Franken einen neuen Spielplatz erstellt, ein echter Besuchermagnet. Sie ist sehr enttäuscht vom Entscheid der Stadt. «Man verpasst eine Chance, das Naturverständnis in der Bevölkerung zu verbessern», sagt sie.

Die effektiven Kosten des Geheges hätte man erst im Rahmen eines konkreten Bauprojekts beziffern können, sagt sie, doch lägen sie sicher tiefer als in anderen Schweizer Parks. «Das sind touristische Projekte.» Und was die Betriebskosten betrifft: «Wir hätten uns die Einrichtung eines Fonds vorstellen können.»

Volksinitiative für den Bären? So enttäuscht Werren ist, sagt sie doch: «Wir müssen den Entscheid akzeptieren.» Oder doch nicht? «Die einzige verbleibende Alternative wäre eine Volksinitiative. Aber dieser Gedanke kam mir erst vor ein paar Tagen, da muss ich genauer drüber nachdenken.» In jedem Fall werde der Wildparkverein das Bruderhaus weiterhin unterstützen. Die nächsten Projekte sind bereits unterwegs: Die Planung des neuen Wisentgeheges läuft, Anlagen für die zwei Hirscharten und die Wildschweine sollen folgen. Ab diesem Sommer wird, dank eines Beitrags des Wildparkvereins, mit dem Bau von Terrarien für Reptilien und Amphibien begonnen.

Erstellt: 21.06.2018, 09:04 Uhr

Michael Graf, Redaktor Stadt.

Kommentar

Das Bruderhaus ist kein Zoo

Der Traum vom Bär im Bruderhaus ist ausgeträumt. Auf den ersten Blick ist das schade, Meister Petz wäre ein Attraktion gewesen. Und wenn in den Schweizer Alpen wieder regelmässig Bären gesichtet werden, wäre eine Aufklärung über die Lebensweise dieser Tiere sicher nicht verkehrt, um Ängsten zu begegnen, aber auch der Verniedlichung dieser Raubtiere.

Trotzdem ist der Entscheid des Stadtrats richtig. Erstens ist der Braunbär, im Gegensatz etwa zum Luchs, rund um Winterthur nicht heimisch und wird auch nicht zurückkommen. Zweitens ist seine Art nicht bedroht, es gibt also auch keinen Grund, an Schutzprogrammen teilzunehmen. Stattdessen hätte der Wildparkverein der Stadt mit seinem "Geschenk" ein wortwörtlich dickes Problem aufgehalst. 100 bis 300 Kilogramm bringt ein ausgewachsener Bär auf die Waage, die Betreuung ist weder ungefährlich noch günstig.

Vor allem wäre eine Bärenanlage das falsche Signal gewesen: Quantität vor Qualität. Das Bruderhaus ist kein Zoo, sondern ein Gratisangebot der Stadt. Und das ist schon ohne Bär so beliebt, dass an schönen Wochenenden fast zu viel Rummel herrscht und die Parkplätze knapp werden. Der Bär hätte dem Bruderhaus einen Bärendienst getan.

Gerade mit dem neuen Kompetenzzentrum für Tierschutz muss der Fokus im Bruderhaus auf vorbildlicher, naturnaher Tierhaltung liegen und nicht auf einer Ausweitung des Angebots. In tiergerechteren Gehegen für Wisent, Hirsch und Co. ist das Geld des Wildparkvereins besser investiert. Träumen ist wichtig, doch es ist gut, dass der Stadtrat mit wachem Verstand entschieden hat.

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