Winterthur

Kinder tüfteln im Machwerk

Die Schweiz spürt den Fachkräftemangel: Zu wenige Junge interessieren sich für technische Berufe. Ein Verein will das ändern. Er holt Kinder in die Werkstätte der Profis.

Selber entwerfen, selber bauen: In der Werkstatt dürfen die Kinder eigene Ideen umsetzen.

Selber entwerfen, selber bauen: In der Werkstatt dürfen die Kinder eigene Ideen umsetzen. Bild: Madeleine Schoder

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Die elektrischen Sägen und Bohrer knattern und kreischen im Machwerk auf dem Sulzerareal. 15 Kinder im Alter zwischen 9 und 13 Jahren zimmern sich mit den Werkzeugen im ehemaligen Herz der Winterthurer Maschinenindustrie ihre Ideen zurecht.

Gut 170 Kinder klüttern und basteln Anfang Oktober während vier Tagen in Werkstätten in der ganzen Deutschschweiz. Organisiert hat diese «Tüfteltcamps» der Verein tüfteln.ch. Er will damit Kinder für Berufe aus dem Umfeld der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) begeistern.

Das Winterthurer Machwerk beteiligt sich bereits zum zweiten Mal an diesem Programm. Im Fokus stehen dieses Jahr Kurbelantriebe, mit denen etwa Zahnräder bewegt werden. Die Betreuerinnen Kathrin Keller und Regina Zumsteg, beides Werklehrerinnen, führen die Kinder in zwei Schritten an das Thema heran.

Vormittags setzen die Teilnehmenden einen Bausatz aus hölzernen Rädern und Kurbeln zusammen, die von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste entworfen wurden. «So sehen die Kinder, was überhaupt möglich ist. Sie müssen noch nicht verstehen, wo beispielsweise das Loch für eine Achse gebohrt werden muss», sagt Kathrin Keller.

Niederschwelliges Angebot

Am Nachmittag entwerfen und gestalten die Nachwuchskonstrukteure ihre eigenen Projekte: Sie bauen einen Kurbelantrieb in eine Weinkiste. Der Antrieb soll schlussendlich Figuren jeglicher Art bewegen, die die Kinder auf der Aussenseite der Kiste anbringen. Aus den Konstruktionen gestalten die Teilnehmenden schlussendlich ein Schattentheater.

«Eine derartige Fokussierung gibt es in der Schule nicht.»

Auch wenn die Kinder schon in der Schule Werkunterricht haben, sei ein solches Angebot wichtig, sagt Regina Zumsteg. «Hier können wir mit ihnen drei Tage lang intensiv ein Projekt verfolgen. Eine derartige Fokussierung gibt es in der Schule nicht.» Zudem sei das Angebot niederschwellig, Vorkenntnisse brauche es keine.

Alles, was die Kinder brauchen, ist ein wenig Fantasie: Ihre Ideen reichen dabei von einem Laufband mit darauf befestigten Figuren bis zum Katapult, das durch Kurbel und Gummizüge Konfetti schleudern soll. Während sie im Machwerk ihre eigene Idee umsetzen können, besuchen sie an einem der vier Programmtage die Mechatronik Schule Winterthur. Dort arbeiten sie zusammen mit den Schul-Lehrlingen an einem «richtigen» Produkt.

Für Hannes Scheuber, Geschäftsleiter von tüfteln.ch, ist ein solcher praktischer Rahmen wichtig, um die Kinder nachhaltig für MINT-Beruf zu begeistern. «Die Schweiz benötigt viele Fachkräfte, aber noch interessieren sich zu wenige Jugendliche für solche Berufe.» Viele gingen lieber aufs Gymnasium, als dass sie eine handwerkliche oder technische Lehre absolvierten. Allerdings liege das auch oft an den Eltern, die über die vielseitigen Möglichkeiten einer höheren Berufsbildung neben einer Fachhochschulausbildung nur schlecht informiert seien.

Rückendeckung erhält Scheuber vom Bund. Dieser macht bei den MINT-Berufen ebenfalls einen Fachkräftemangel aus. Vor zwei Jahren hielt er in einem Bericht fest, dass «rasch» auf diese Entwicklung reagiert werden müsse, damit die Schweiz wettbewerbsfähig bleibe.

Als mögliche Lösung schlug er unter anderem ausserschulischen Aktivitäten vor, wie sie Scheubers Verein nun seit sieben Jahren veranstaltet. Allerdings ist nicht bloss das Interesse der Jungen ein Grund für die fehlenden Fachkräfte. Manchmal fehlt es schlicht an Ausbildungsplätzen. So hält der Bund beispielsweise fest, dass 2017 lediglich ein Prozent der Ausbildungsplätze im Informatikbereich unbesetzt blieben.

Erstellt: 08.10.2019, 18:20 Uhr

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