Wülflingen

«Klein-Winterthur» mit Schönheitsfehlern

In den Quartieren Lindenplatz und Härti ist die ohnehin hohe soziale Belastung in den letzten Jahren erneut gestiegen. Ein Rundgang durch die Siedlungen «Klein-Winterthurs» zeigt, wo die Herausforderungen liegen.

Angehende Raumplaner der ETH Zürich und die Behörden sind sich einig: Wenn die soziale Belastung in einem Aussenquartier zu hoch wird, wird sie irgendwann zum sozialen Brennpunkt und damit zum Risiko.

Als sozial belastet gilt ein Quartier, in dem die Sozialhilfequote und der Anteil Arbeitsloser besonders hoch sind, das mittlere Einkommen hingegen besonders tief. In ihrem Sozialmonitoring hält die Fachstelle Stadtentwicklung fest, wie sich die 37 Quartiere diesbezüglich entwickelt haben (der «Landbote» berichtete).

«Das spür- und hörbare Problem Wülflingens: Der Verkehr!»

Ein Ergebnis daraus: In den Wülflinger Quartieren Härti und Lindenplatz ist die soziale Belastung zwischen 2012 und 2016 auf hohem Niveau nochmals gestiegen. Die Stadt- und Quartierentwickler schauen bei diesen beiden «Lupenräumen» nun genauer hin, um sie wieder besser einzubinden.

Auf der Sozialmonitoring-Karte stechen sie als rote Flecken heraus. Doch wie sieht es vor Ort aus? Ein paar Eindrücke, gesammelt bei einem Quartierspaziergang mit drei Vertretern des Wülflinger Forums: Wir starten im Dorfkern. Eine steife Brise wirbelt Schneeflocken über den Lindenplatz, der mit seinen Fachwerkhäusern dörflich-gemütlich wirkt. Einmal rechts abbiegen, dann links, und schon hat man auf der Holzlegistrasse die neuen Alterswohnungen der Wohnbaugenossenschaft Gaiwo im Blick. Frisch und modern wirken sie. Grösser könnte der Kontrast zu den Mehrfamilienhäusern gegenüber kaum sein.

Mieten ab 850 Franken

Mit ihrem gräulich-verrusstem Putz und ihren verwitterten Fensterläden fallen sie klar ab. Die einst offenen Treppenhäuser wurden mit rohen Ziegelsteinen zugemauert. Bescheiden? Eher ärmlich bis schäbig wirken die fünf Blöcke auf Höhe Holzlegi-/Zypressenstrasse. «Hier wurde nie etwas gemacht», meint Thomas Erhardt, der Präsident des Wülflinger Forums. Im Quartier sind sie bekannt: Es sind Stefanini-Häuser.

Lottrig, aber günstig, Baujahr 1955. 850 Franken soll hier eine 3-Zimmer-Wohnung kosten. Klar, welche Klientel das anzieht. Klar, dass die soziale Belastung dadurch steigt. Wir sind uns einig. Aber gibt es deswegen akute Probleme? Zumindest kann sie niemand explizit benennen. Die Stadt hat die zuständige Immobilienfirma Terresta AG bereits auf den schlechten Zustand der Häuser angesprochen. «Wir sind uns dessen bewusst», sagt Bettina Stefanini.

Die Häuser gehören zum privaten Nachlass ihres kürzlich verstorbenen Vaters Bruno Stefanini. Demnächst werden sie ins Stiftungsvermögen übertragen. Was danach mit den 30 Wohnungen passiert, ist unklar. Renovieren, auch da ist sich das Grüppchen einig, lohne sich kaum.

«Quims» macht Schule

Es geht weiter über die Autobahn, die Wülflingen teilt. Auf der anderen Seite der Brücke landen wir direkt beim Primarschulhaus Langwiesen-Wyden, eingangs des Quartiers Härti. Hier liegt der Ausländeranteil bei 42 Prozent, nur im Gutschick ist er höher. Bei drei von vier Schülerinnen und Schülern ist Deutsch nicht die Muttersprache.

Langwiesen ist deshalb ein sogenanntes Quims-Schulhaus. Quims ist ein Programm des kantonalen Volksschulamtes, das die «Qualität in multikulturellen Schulen» und möglichst «gute Bildungschancen» für alle garantieren soll, unabhängig davon, wie viel Zeit, Geld und Wissen die Eltern mitbringen. Und doch: Jeder und jede Zehnte wechselt hier nach der 6. Klasse direkt ans Langzeitgymnasium, was nicht sehr viel unter dem städtischen Schnitt von 13 Prozent liegt.

Rundgang durch die Quartiere Lindenplatz und Härti. Karte: Google MyMaps/far

Bücher- und Spielerucksäcke im Kindergarten, ein Programm zur Förderung sozialer Kompetenzen der Kinder oder Dolmetscher, die bei Elterngesprächen übersetzen: Quims ist zeit- und personalintensiv, zeigt laut Schulleiter Silvio Stäuble aber Wirkung, auch im alltäglichen Umgang miteinander. «Besuchern ist schon aufgefallen, wie freundlich unsere Kinder sie grüssen.»

«Ich bleibe. Es ist friedlich hier.»

Auch an der Langwiesenstrasse reihen sich ältliche Reihen- und Wohnhäuser aneinander, 50er-Jahre oder älter, einfach gebaut, aber intakt. Schon fällt das Wahrzeichen der Härti ins Auge, ein 15-stöckiges hellgelbes Hochhaus, Baujahr 1966, damals wohl als moderner Wohnturm gedacht mit Botschaft: Hier beginnt die Stadt! Bevor wir ihn ansteuern, machen wir einen Abstecher auf die Brücke über die Salomon-Hirzel-Strasse. Links Wohnblöcke dicht an dicht, rechts, leicht erhöht und lärmgeschützt, das Maienried am Taggenberg.

Hier sind vor ein paar Jahren moderne Wohnungen entstanden. «Von hier aus sehen und hören Sie das wahre Problem Wülflingens», sagt Erhardt und blickt über das Geländer. «Den Verkehr!» Vor allem der Ausweichverkehr in die Quartiere sei ein Problem. Die Salomon-Hirzel-Strasse ist das Einfallstor über die Autobahn, die Wülflingerstrasse die verstopfte Haupttangente in die Innenstadt.

Die Stadt will sie über ein neues Lichtsignal beim Knoten Schloss Wülflingen entlasten. Als Folge davon rechnen Gutachter zur Stosszeit mit 40 zusätzlichen Autos pro Stunde im Quartier Oberfeld und rund um den Lindenplatz mit 30 bis 50 Autos mehr. «Definitiv keine Option», meint Erhardt.

Zurück in der Härti, kreuzt uns eine Gruppe Mädchen. Wie lebt es sich hier? «Freunde nah, Schule nah, perfekt!», sagt eine. Der Verkehr? Die Enge? Das Quartierleben? Offenbar kein Thema. Ein Mittvierziger in Trainerhose und mit mächtigen Kopfhörern zeigt auf seine Wohnung: «5,5 Zimmer, nicht unbedingt billig. Aber ich bleibe. Es ist friedlich hier.» Zugezogen sei er vor 25 Jahren. Ein echter Wülflinger, mit Wurzeln in Italien. An der Stelle fragen wir uns: Was heisst das überhaupt, eine «gute soziale Durchmischung»?

Die Endhaltestelle der Linie 2 markiert das Ende der Siedlung. Vor vier Jahren war das Bushäuschen in den Medien ein Thema. Radikale Muslime sollen sich hier regelmässig zum öffentlichen Gebet getroffen haben, darunter einer, der sich in Syrien dem IS anschloss und umkam. Und heute? «Abends sitzen ein paar Jugendliche hier. Aber mulmig wird es mir hier auch mitternachts nie», sagt Erhardt. Die beiden anderen nicken. Das Rauschen des Abendverkehrs ist lauter geworden.

Bald ein neuer Dorfkern...

Der Spaziergang endet vor der Baugrube des Frohsinn-Areals. Als «Pendler-Parkplatz» mit «Stefanini-Lotterbude» galt es jahrelang als Wülflingens Schandfleck. Mietwohnungen, ein renoviertes Fachwerkhaus, Läden und ein Café sollen bis im Sommer 2020 dem neuen Dorfplatz ein Gesicht geben. Beim Wülflinger Forum hält sich die Euphorie in Grenzen.

Das Angebot der Stadt, dort einen 30 Quadratmeter kleinen Raum ohne Küche als Treff zu nutzen, für eine Miete von 800 Franken pro Monat, lehnte man kopfschüttelnd ab. Abgehängt fühlt man sich hier aber nicht. Die Verkehrsanbindung ins Zentrum mit dem Bus zum Beispiel sei «fantastisch», findet Erhardt.

...und Wohnzonen-Typ?

Und was schlagen die ETH-Raumplaner in ihrem Paper für Wülflingen vor, in dem sie ein «Klein-Winterthur» sehen, weil es von der Struktur der ganzen Stadt entspricht ? «Mehr Vielfalt» versprächen sie sich von einer Aufwertung des Lindenplatzes und des Eulachufers, und auch Tempo 30 auf der Wülflingerstrasse zwischen Schloss und Endhaltestelle schlagen sie vor.

Wohnbaugenossenschaften, so das Paper, sollen dichter oder höher bauen dürfen, wenn sie mit einem Wohnungsmix planen, der eine gute soziale Mischung vorsieht. Sogar über einen neuen Wülflinger Wohnzonentyp wird nachgedacht: die «Freihaltezone Rand». Eine solche würden neu gebaute Siedlungen als halböffentliche Gemeinschaftsgärten mit Obstbäumen flankieren.

Eine Park-and-ride-Anlage mit 120 Parkplätzen neben der Migrol-Tankstelle, so die Planer, könnte die Wülflingerstrasse entlasten. Und der geplante Bus-Hochleistungskorridor solle schon bei der Endhaltestelle beginnen, statt wie geplant erst beim Schloss.

Till Hirsekorn (Landbote)

Erstellt: 14.03.2019, 06:03 Uhr

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