Demonstrationen

Klimaumzug knackt Winterthurer Demo-Rekord

Die heutige Klimademonstration ist die grösste derartige Veranstaltung in Winterthur seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine kleine Kundgebungsgeschichte.

Grossaufmarsch an der Klimademonstration: So viele Demonstrierende gab es seit Jahrzehnten nicht auf Winterthurer Strassen. Bild: Martin Freuler

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4000 bis 5000 Personen haben laut Organisatoren an der heutigen Klimademonstration teilgenommen. Das sind überraschend viele, erwartet wurden im Vorfeld 2000 bis 3000, also bloss halb so viele. Zudem ist die Zahl eher konservativ geschätzt: Als der Demonstrationsumzug den Bahnhofplatz erreichte, war die ganze Stadthausstrasse mit Menschen gefüllt. Zuvor war die Steinberggasse in der Altstadt gut gefüllt. Ein Beobachter machte darum eine Schätzung: Es waren rund doppelt so viele Personen da, wie an einem ausverkauften Konzert der Musikfestwochen. Das wären dann gut 7000.

Grösser als die Anti-Waffenschau-Demo von 1981

So oder so ist die Klimademonstration die grösste Kundgebung der jüngeren Winterthurer Geschichte. Gemäss Recherchen des Historikers Miguel Garcia war eine Demonstration gegen die Waffenausstellung «W81» im Jahr 1981 die grösste derartige Veranstaltung der letzten Jahrzehnte. Damals protestierten rund 2500 Personen vor der Eulachhalle und blockierten den Zugang zur Waffenschau mit einem Menschenteppich. Nicht nur die Polizei ging gegen die Protestanten vor. Es bildete sich auch eine bürgerliche Bürgerwehr, die mit einem Jauchewagen vorfuhr und die Menge bespritzte.

Menschenteppich vor der Eulachhalle: Protest gegen die Waffenschau «W81» im Jahr 1981. Bild: winbib

In den 1980er-Jahren gab es in Winterthur zahlreiche Kundgebungen im Rahmen der «Winterthurer Bewegung». Diese erreichten aber gemäss den auffindbaren Aufzeichnungen nie Teilnehmerzahlen im Bereich von 5000 Personen. Eine der grossen Demonstrationen war eine Protestkundgebung gegen den Export einer Schwerwasseranlage der Firma Sulzer nach Argentinien. An der Kundgebung nahmen rund 1000 Personen teil, die Schlusskundgebung fand – wie bei der Klimademo – auf dem Neumarkt statt.

Der Artikel im «Landboten» zur Demonstration gegen eine Schwerwasseranlage der Sulzer im Oktober 1981.

Grosse Protestkundgebungen gab es in Winterthur auch im Jahr 2003. Im März protestierten damals rund 1000 Jugendliche gegen US-Präsident Bush und den Irak-Krieg. Organisatoren waren eine Gruppe von Gymnasiasten, die sich als «Gruppe Chopfsalat» bezeichnete. Diese Demonstration verlief – wie die heutige Klimakundgebung – friedlich.

Tausende gegen die Kriege im Irak

Schon 1992 waren die USA und ein Krieg im Irak der Auslöser für eine Protestkundgebung: Der amerikanische Kriegsgeneral Normann Schwarzkopf sollte auf Einladung des «Winterthur»-Konzernchefs Peter Spälti in Winterthur eine Rede halten. 300 Demonstranten protestierten dagegen und wurden mit Tränengas, Gummischrot und Wasserwerfern vertrieben.

Die Demonstration, die in der jüngeren Vergangenheit für das grösste Aufsehen sorgte, war die Tanzdemo «Standortfucktor» vom 21. September 2013. Die Kundgebung lief aus dem Ruder, beim Hauptbahnhof kam es zu einem massiven Polizeieinsatz, bei dem eine junge Demonstrantin am Auge verletzt wurde. Die politische Aufarbeitung des Vorfalls dauerte Jahre. Die Teilnehmerzahl war aber deutlich tiefer als heute: Sie lag bei einigen Hundert Demonstrierenden.

Auch am Frauenstreik vom 14. Juni 1991, der Anlass, der schweizweit mit rund einer halben Million Teilnehmern am stärksten mobilisierte, gingen in Winterthur laut «Landbote»-Artikel von damals nur rund 1000 Personen zur Kundgebung.

Protest gegen einen Musiker

Darum muss man noch weiter zurückgehen, um Demonstrationen in vergleichbarer Grösse in Winterthur zu finden: 1945 protestierten laut Winterthur Glossar «mehrere tausend Personen» gegen einen Auftritt des Musikers und Dirigenten Wilhelm Furtwängler, der damals den Ruf hatte, «Hitlers gehätschelter Maestro» und ein «musikalischer Handlanger der nazistischen Blutjustiz» zu sein. In Zürich war sein Konzert verboten worden, der Winterthurer Stadtrat hingegen bewilligte seinen Auftritt. Die Konzertbesucher konnten das Stadthaus wegen der Grossdemonstration dann nur mühsam durch einen polizeilich gesicherten Gang erreichen. Im Winterthur Glossar steht dazu: «Während dem Konzert konnte ein Bestürmen des Westeingangs nur durch den Einsatz von Feuerwehrschläuchen – es war Februar – abgewendet werden.»

Wasser aus Feuerwehrschläuchen im kalten Februar: Protest gegen das Furtwänlger-Konzert im Jahr 1945. Bild: Winterthurer Glossar

Weitere Grossdemonstrationen fanden in Winterthur in den 1930-er Jahren statt: 1936 marschierten mehrere Tausend Frontisten von Winterthur zur Mörsburg, um dort eine Gau-Tagung abzuhalten. Zwei Jahre vorher hatte eine Nazi-Veranstaltung im «roten Töss» eine grosse Gegendemonstration ausgelöst.

Wie viele Teilnehmer diese Kundgebungen jeweils verzeichneten, ist schwer festzustellen, es ist jeweils bloss von «mehreren Tausend» die Rede. Sicher ist aber, dass die Klimademonstration von heute die grösste Kundgebung in Winterthur seit der Furtwängler-Demo von 1945 war.

Wissen Sie von einer grossen Demonstration in Winterthur, die in diesem Artikel nicht erwähnt ist? Sogar von einer mit über 5000 Teilnehmern? Dann mailen Sie uns an webredaktion@landbote.ch

Erstellt: 06.04.2019, 18:06 Uhr

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Das Bild zum Nachzählen: Die Organisatoren beziffern die Teilnehmerzahl an der Winterthurer Klimademonstration auf 4000 bis 5000. (Bild: Marisa Eggli)

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