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Krebsdiagnose auf Facebook

Über Chancen und Risiken der Offenlegung von persönlichen Schicksalsschlägen in Sozialen Medien haben am Donnerstagabend die Filmerin Karin Leuch und der Medienpädagoge Thomas Merz diskutiert.

Thomas Merz und Karin Leuch diskutierten über Chancen und Risiken der Offenlegung persönlichen Leids.

Thomas Merz und Karin Leuch diskutierten über Chancen und Risiken der Offenlegung persönlichen Leids. Bild: Madeleine Schoder

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Ihre 800 Facebook-Freunde und Geschäftspartner liess die Filmerin und ehemalige Tele Top-Moderatorin Karin Leuch im Herbst 2015 wissen, dass sie drei Wochen nach ihrem vierzigsten Geburtstag mit der Diagnose «Lymphdrüsenkrebs» konfrontiert worden sei und jetzt für ein halbes Jahr «abtauche». Während der Therapie publizierte sie laut eigener Aussage hin und wieder ein paar bewusst gewählte Fakten über den Behandlungsverlauf bei ihr und veröffentlichte auch Fotos, etwa vom Moment des Haareabschneidens. Die Einträge aus dieser Zeit hat sie unterdessen «verborgen», das heisst, sie sind nicht mehr einsehbar.

Beitrag zur Enttabuisierung

Der 54-jährige Medienpädagoge Thomas Merz verlor vor sechs Jahren seine krebserkrankte Frau; seine drei Töchter die Mutter. Seine Frau wollte nicht, dass ihre Krankheit in den Sozialen Medien der Familie ein Thema ist. Das respektierte die Familie. Doch am Abend vor dem Erscheinen der Todesanzeige entschloss sich der frisch Verwitwete, ihren Tod seinen Facebook-Kontakten mitzuteilen.

«Hadern ist der falsche Weg». 

Stadttalk-Moderatorin Karin Landolt wollte von den beiden wissen, warum sie sich zur offensiven Kommunikation ihres Schicksalschlags in den Sozialen Medien entschieden haben und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben. Für die selbständige Unternehmerin Karin Leuch, Vorstandsmitglied im KMU-Verband, war die Krebsdiagnose ein doppelter Schlag: Sie hatte plötzlich gesundheitliche und existenzsichernde Ängste. Mit der Veröffentlichung auf Facebook wollte sie bewusst deklarieren: «Ich kann jetzt ein halbes Jahr nicht arbeiten. Nachher bin ich aber für Aufträge wieder da.» Natürlich wisse man bei Krebs nie, wie es ausgehe, aber «hadern ist der falsche Weg».

Sie, die in der Öffentlichkeit präsent ist, wollte auch informieren, warum sie in der nächsten Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit anzutreffen sei. Sie musste nach ihrer Rückkehr auch nicht erklären, warum sie plötzlich eine neue Kurzhaarfrisur habe und sich in ihrer Wertehaltung und ihrer Einstellung dem Leben gegenüber verändert habe. Die weitverbreitete Information via Facebook sei für sie der richtige Weg gewesen. «Ich bereue das nicht.» Sie wollte so auch einen Beitrag zur Enttabuisierung des Themas Krebsdiagnose beitragen.

Dass sie die Einträge über die Krankheit später verbergen liess – ganz löschen lässt sich in den Sozialen Medien ja kaum etwas – erklärt sie damit, dass diese sehr schwierige Zeit für sie jetzt abgeschlossen sei und ein neuer Lebensabschnitt begonnen habe.

Risiken individuell abwägen

Medienpädagoge Thomas Merz vertrat die Meinung, dass es in der Frage der Kommunikationsform kein Falsch oder Richtig gebe: «Unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen gehen unterschiedlich mit Schicksalsschlägen um» und das gelte es zu respektieren. «Jeder muss für sich entscheiden, was ihm guttut.» Er habe mit seinem Eintrag signalisieren wollen, dass man mit ihm über den Tod seiner Frau reden kann. «Ich wollte eine Türe für Gespräche öffnen und bin gut damit gefahren.» Die Sozialen Medien können allerdings eine Eigendynamik entwickeln, warnte er. Durch «liken» gelangen Einträge auch an Fremde oder an solche, die den Schreibenden nicht mögen.

Das Risiko bestehe auch, dass einige Facebook-Bekannte kein Verständnis für sehr persönliche Einträge zeigen. Damit müsse man umgehen können. Merz empfiehlt daher nur Geübten im Umgang mit Sozialen Medien, Einträge über persönliche Schicksalsschläge in Betracht zu ziehen.

Erstellt: 24.02.2017, 16:07 Uhr

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