Stadtpolizei

Krisenmodus am Obertor 17

Krankheitserscheinungen bei den Polizeichefs führen nun zu Kaderabgängen. Der Kommandant bleibt im Amt, doch auch er brauchte im Sommer zwei Monate lang Ruhe von der Arbeit. Eine Reorganisation soll nun retten, was zu retten ist.

Überlastet und ausgebrannt: Bei der Stadtpolizei herrscht Ausnahmezustand.

Überlastet und ausgebrannt: Bei der Stadtpolizei herrscht Ausnahmezustand. Bild: Marc Dahinden

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In den vergangenen Monaten hat bei der Stadtpolizei alles geklappt, könnte man meinen. Vom Gemeinderat erhielt sie 10,5 neue Stellen bewilligt, vom Stimmvolk gar den lange ersehnten neuen Hauptsitz. Tatsächlich aber hat in den vergangenen Monaten bei der Stadtpolizei immer weniger geklappt. Ein Abteilungschef nach dem anderen wurde krank, aktuell hat die Hälfte aller Chefs ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ihres Hausarztes, und mehrere der 13 Kaderleute haben nun die Konsequenzen gezogen und ihre Posten verlassen.

Betroffen von der Krise ist auch der leitende Kommandant, Fritz Lehmann. Er legte im Sommer eine Arbeitspause von zwei Monaten ein. Laut Polizeivorsteherin Barbara Günthard-Maier hatte er aber kein Burn-out und bleibt der Stadtpolizei weiterhin treu. Wie letzte Woche schon bekannt wurde, erhält er zur Unterstützung einen zusätzlichen Stellvertreter.

Gerüchte machten die Runde

Wie kann es sein, dass sich Aussen- und Innenwahrnehmung einer Verwaltungsabteilung so stark unterscheiden? Und hätte man die zahlreichen Krankheiten und Abgänge bei der Stadtpolizei irgendwie verhindern können?

Diesen Fragen wird sich in den nächsten Tagen Günthard-Maier stellen müssen. Gerüchte, wonach es bei der Stapo rumort, machten schon länger die Runde. Angeheizt wurden sie am letzten Montag durch einen Nebensatz von Günthard-Maier im Gemeinderat, sie sprach dort von zahl­reichen Krankheitsausfällen. Die Fakten legte sie nun gestern auf Nachfrage hin auf den Tisch.

«Nun sind wir leider zu spät»

«Ich habe die Gefahr einer grossen Belastungssituation im Korps schon früher gesehen», räumt Günthard-Maier ein. «Doch der Stadtrat hatte damals andere Prioritäten und die Ressourcen waren einfach nicht da.» Sie habe den Gesamtstadtrat regelmässig über Probleme informiert.

«Ich hätte die Reorganisation früher angehen sollen. Nun sind wir leider zu spät damit.» Barbara Günthard-Maier, 
Polizeistadträtin (FDP)

Doch Günthard-Maier spart auch nicht mit Selbstkritik: «Ich hätte die Roadmap 20 früher angehen sollen, nun sind wir leider mehrere Monate zu spät damit. Wichtig ist, dass nun alle Beteiligten mit Hochdruck am selben Strang ziehen.» Sie sei als Vorsteherin nun «mehr denn je vor Ort und bei den Angestellten präsent». Roadmap 20, so nennt die Stadträtin die geplante Reorganisation der Polizeistrukturen, die eigentlich schon im Januar 2016 hätte starten sollen. Das Projekt, das zwei bis drei Jahre dauern wird, hat eine Professionalisierung der Arbeitsabläufe zum Ziel, davon verspricht sich das Sicherheitsdepartement eine Entlastung für das Kader. Zudem sollen die Polizisten weitergebildet und die Frontarbeit optimiert werden. Günthard-Maier macht für die Probleme verschiedene Sparaufträge verantwortlich, aber eben auch eine verbesserungs­fähige Organisationsstruktur.

Die FDP-Politikerin ist seit 2012 im Amt. Zuvor war der heutige Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) politischer Vorsteher der Stadtpolizei.

Es kann schnell teuer werden

Die Kosten sind noch nicht klar. Ebenso wenig wie die Kredithöhe, die nötig ist, um die laufenden Krankheitsausfälle auszugleichen. Wenn in einem Betrieb derart viele Kaderbeamte aufs Mal ausfallen, kann es jedoch schnell teuer werden. In bisher zwei Fällen wurden für eine Übergangszeit bereits externe Profis eingestellt. Es ist üblich, dass diese einen teils deutlich höheren Lohn verlangen.

Altmodischer Betrieb?

Die Entwicklung der letzten Wochen und Monate ging auch am restlichen Korps nicht spurlos vorüber. Angefragte Polizisten sprechen anonym von einer grundsätzlich schlechten Stimmung und vielen offenen Fragen. Einig ist man sich, dass die Sparaufträge der letzten Jahre belastend gewesen seien. Doch mehrfach wird auch direkte Kritik an der internen und der politischen Führung geäussert. Der Stadtpolizeibetrieb sei zu altmodisch, schon seit Jahren hätte man die Strukturen professionalisieren sollen. Nun seien halt viele Leute «ausgebrannt».

Erstellt: 27.01.2017, 09:37 Uhr

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