Winterthur

Kulturunterricht ohne Kontrolle

Missbraucht die Türkei den von ihr finanzierten Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur zu Propaganda-Zwecken? Laut dem Stadtrat gibt es dafür in Winterthur keine Anzeichen. Allerdings wird der Unterricht nicht kontrolliert.

Kritiker sagen, der lange Arm des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan reiche bis in den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur, de türkischstämmige Kinder in der Schweiz besuchen.

Kritiker sagen, der lange Arm des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan reiche bis in den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur, de türkischstämmige Kinder in der Schweiz besuchen. Bild: Reuters

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10 000 Kinder von Migranten besuchen im Kanton Zürich den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur, kurz HSK. Die Kurse sollen Sprachkompetenzen fördern, ihre Identitätsbildung zwischen den Kulturen begleiten und damit zur Integration einen Beitrag leisten.

Es gibt einen breiten politischen Konsens, dass die von den Botschaften und Konsulaten der Herkunftsländer finanzierten Kurse wichtig sind und dass sie ihren Auftrag gewissenhaft erfüllen.Mit einer Ausnahme. Die Türkei steht im Verdacht, den HSK-Unterricht für politische Propaganda oder Indoktrinierung zu missbrauchen.

Eine nationale Debatte darüber hatte im Mai der «Sonntags-Blick» angestossen. Anlass war eine türkisch-nationalistische Theateraufführung im thurgauischen Uttwil (sieh Kasten), in die eine HSK-Klasse involviert war.

Bürokratische Hürden

Vor allem konservative Politiker in der Schweiz warfen in der Folge die Frage auf, ob der HSK-Unterricht von den Behörden genügend kontrolliert werde. In Winterthur reichte SVP-Parlamentarier Tobias Brütsch Ende Mai eine Anfrage ein. Unterdessen liegt die Antwort des Stadtrats vor. Demnach gibt es in Winterthur keine entsprechenden Vorfälle.

«Die Schulleitungen sollten mit den HSK-Lehrkräften die Zusammenarbeit ausbauen.»Markus Steiner,
SP-Gemeinderat

Eigene Nachforschungen hat der Stadtrat allerdings nicht angestellt, sondern stützt sich auf die Zürcher Bildungsdirektion, die im Kanton zuletzt keinen einzigen Missbrauch des HSK-Unterrichts verzeichnet hat.

Der Stadtrat hält in seiner Antwort fest, dass die Anbieter von HSK-Stunden eine kantonale Anerkennung benötigen. Das heisst, die Kurse müssen mit dem Rahmenlehrplan konform sein und auch mit dem Gebot von politischer und konfessioneller Neutralität, das in der Volksschule gilt.

Ferner müssen die Lehrpersonen gut Deutsch sprechen und Weiterbildungen besuchen. Die Bildungsdirektion prüft diese Vorgaben alle drei Jahre.

Läuft ein Kurs aber erst einmal, basiert die Kontrolle allein auf Selbstdeklaration – und mögliche Elternbeschwerden. Die Gemeinden, die für den Unterricht die Räume zur Verfügung stellen und in ihrem Lehrplan dafür Platz einräumen müssen, sind zwar verpflichtet, Missstände dem Volksschulamt zu melden. Eine Kontrollpflicht haben sie aber nicht.

In Winterthur besuchen weder die Schulpflegen, noch die Schulleitungen den HSK-Unterricht, wie aus der Stadtratsantwort hervorgeht. Die Zentralschulpflege organisiert auf Empfehlung des Volksschulamtes aber periodische Treffen mit den in Winterthur tätigen HSK-Lehrpersonen.

Für die SVP nicht genug

Aber reicht das? SVP-Gemeinderat Brütsch ist mit der Antwort des Stadtrats nicht zufrieden. «Die Frage ist doch, gibt es in Winterthur keinen Missbrauch oder weiss die Behörde bloss nichts darüber.» Sich bei der Kontrolle auf die Eltern zu verlassen, greife zu kurz, findet Brütsch. Es sei unklar, wie gut diese über die Vorgänge im Unterricht Bescheid wüssten.

«Die Frage ist doch, gibt es in Winterthur keinen Missbrauch oder weiss die Behörde bloss nichts darüber?»Tobias Brütsch,
SVP-Gemeinderat

Für Brütsch ist klar, die Stadt müsste von sich aus Kontrollen machen. «Man muss nicht gleich den Überwachungsstaat einführen. Aber wenn diese Kurse organisatorisch in die Volksschule eingebunden sind, dürfte man wirklich etwas mehr unternehmen.» Schulbesuche könnten von den HSK-Lehrpersonen durchaus geschätzt werden, sagt Brütsch.

SP und CVP relativieren

Markus Steiner (SP) und Andreas Geering (CVP), die in der Kommission für Bildung Sport und Kultur sitzen, sehen keinen akuten Handlungsbedarf. Und wenn überhaupt, dann müsste das Volksschulamt selbst, also der Kanton und nicht die Stadt, solche Kontrollen einführen, sagt Geering. Für ihn steht bei den Kursen der Nutzen im Vordergrund. Die Integration und den Spracherwerb würden dadurch sehr gefördert. Nicht zuletzt deshalb habe die Schweiz im Ausland selbst auch solche Angebote.

Auch Steiner betont die «Integrationskraft», die von den HSK-Lektionen ausgehe. Er warnt davor, den Unterricht unter «Generalverdacht» zu stellen. Die SP vertritt in der Frage schon länger die Position, dass der Kanton selbst die Kurse anbieten und finanzieren sollte, so wie dies in gewissen skandinavischen Ländern der Fall ist. «Das ist aber politisch derzeit nicht umsetzbar.»

Nach möglichen Massnahmen in Winterthur gefragt, ist Steiner nicht weit weg von seinem SVP-Ratskollegen Brütsch. Die Schulleitungen sollten den Austausch mit den HSK-Lehrkräften ausbauen, sagt er. «Zusammenarbeit ist besser als Kontrolle.»

(Der Landbote)

Erstellt: 30.08.2018, 16:46 Uhr

Affäre um ein Theaterstück

Propaganda oder harmlose Folklore?

Es war nur ein Amateurvideo von einem Schülertheater, aber es hatte Sprengkraft: Ende März fand in Uttwil im Kanton Thurgau eine von der Türkischen Schule Romanshorn organisierte Veranstaltung statt. Einer der Höhepunkte war ein nationalistisches Theaterstück, das um die Schlacht von Gallipoli kreiste.

Auf der gleichnamigen Halbinsel verhinderten die osmanischen Truppen im Ersten Weltkrieg, dass die Alliierten die Dardanellen unter ihre Kontrolle brachten. Und der spätere Gründer der Republik Kemal Atatürk, tat sich als Kriegsheld hervor.

In Erinnerung an diese Ereignisse schossen sich in Uttwil sechsjährige Knaben vor einem riesenhaften Atatürk-Poster mit Spielzeugwaffen nieder. Das Video vom Stück fand seinen Weg zum «Sonntags-Blick» und dieser fand heraus, dass es sich bei den Kindern um Schüler einer HSK-Klasse handelte. Und dass ausserdem Vertreter der türkischen Regierung und HSK-Lehrer im Publikum sassen.

Damit brach in der Schweiz eine Debatte an, die in Nachbarländern zum Teil schon seit Jahren läuft, nämlich ob die Regierung Erdogan den Kulturunterricht im Ausland als Mittel türkischer Indoktrination missbraucht. Der St. Galler Regierungsrat, per Vorstoss zu einer Stellungnahme aufgefordert, spielte den «journalistisch vermarkteten» Vorfall herunter.

Abklärungen der Bildungsdirektion hätten ergeben, dass das Theaterstück nicht auf die Anbieter der HSK-Kursen zurückgingen, sondern auf vier Mütter aus dem türkischen Elternbeirat Flawil, welche die Proben und die Aufführung ausserhalb des HSK-Unterrichts und in privaten Räumen organisiert hatten – angeblich ohne die politische Tragweite zu erkennen.

Gegen die Folklore-These spricht, dass es zum Beispiel in Deutschland und Österreich ähnliche Anlässe gab. Der Sender WDR zählte im März vor zwei Jahren über 80 Veranstaltungen. Jeweils am 18. März feiert die Türkei die erfolgreiche Abwehr der Ententemächte bei Gallipoli.

Das im Selbstverständnis vieler Türken wichtige Datum wurde dabei durch die Regierung Erdogan zum Symbol für den Sieg des Islams über «westliche Kreuzritter» uminterpretiert.

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