Winterthur

Lebedame und mit allen Wassern gewaschen

Mit Scharfsinn und Humor erzählte die 97-jährigen Inge Ginsberg von den Höhen und Tiefen ihres filmreifen Lebens.

Inge Ginsberg fasziniert die Zuhörer mit ihrer Lebensgeschichte auch im hohen Alter.

Inge Ginsberg fasziniert die Zuhörer mit ihrer Lebensgeschichte auch im hohen Alter.

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Die Coalmine ist am Mittwochabend bereits brechend voll, als gerade noch rechtzeitig zum Veranstaltungsbeginn auch die Protagonistin, Inge Ginsberg noch Kellertreppe heruntersteigt.

Applaus brandet auf. Die weit über 100 Zuhörerinnen, darunter auch einige Herren, sind gekommen um die preisgekrönte Multimediaschau der Zürcher Fotografin Vera Markus über das bewegte Leben von Inge Ginsberg zu sehen.

Entstanden ist nicht nur ein Portrait, sondern ein politisch-gesellschaftliches Zeitdokument über fast 100 Jahre, mit Bildern die mal aufrütteln und berühren, oft aber auch amüsieren.

Als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie genoss Inge Ginsberg in Wien eine unbeschwerte Jungendzeit.

Doch das sorgenfreie Leben ändert sich als 1938 die Nazis in Wien einmarschierten. Jahrelang musste sie in der Folge zusammen mit ihren Eltern und dem Bruder, ein Leben im Verborgenen führen.

In die Schweiz geflüchtet

Im Jahre 1942 gelingt der Familie die Flucht in die Schweiz. Berichtet wird vom Alltag im Auffanglager in Adliswil. Später landet sie in einer Villa des US- Geheimdienstes in Lugano, von wo aus sie italienische Partisanen unterstützt.

«Der Kopf ist jung, der Körper ist alt. Die beiden vertragen sich nicht mehr.»

Mit ihrem ersten Mann, dem Komponisten Otto Kollmann, schreibt sie in der Folge Schlager die von Lys Assia und Vico Torriani gesungen werden. Der Erfolg bringt das Paar bis nach Hollywood, wo sie Songs für die dortige Unterhaltungsszene schreiben.

Wiederum später lernt Ginsberg ihren zweiten Ehemann in Israel kennen und lebt zehn Jahre mit ihm in Tel Aviv, bis sie ihrem dritten Mann, Kurt Ginsberg begegnet. Mit ihm lebt sie längere Zeit in Ecuador. Inge Ginsberg besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft, pendelt aber noch heute zwischen Zürich und New York.

Im Alter von 92 Jahren nahm sie sich vor nochmals etwas Neues zu beginnen und startete eine Musikkarriere als Frontsängerin einer Havy-Metal-Band. Zweimal bewarb sie sich sodann für den Eurovision Song Contest (2014, 2016), schied aber jeweils in der Vorrunde aus.

Mit 94-Jahren nahm Inge Ginsberg auch an der TV-Show «Die grössten Schweizer Talente» teil.

Neues Lied für 2020

Im Gespräch mit der Moderatorin Karin Landolt, kommt sie auch auf ihr hohes Alter zu sprechen. Ginsberg dazu: «Der Kopf ist jung, der Körper ist alt und die beiden vertragen sich nicht mehr.» Nichts desto trotz hat sie noch Projekte: «Ich schreibe gerade an einem neuen Lied für den Eurovision Song Contest 2020».

Auf die Frage worüber das Lied handle, meint sie etwas barsch, «Das sagt man doch nicht, sonst ist ja der Dampf raus». Die Seniorin fasziniert das Publikum einerseits mit den Geschichten die sie erzählt und andererseits mit der Art und Weise wie sie es tut: Scharfsinnig, humorvoll und mit kräftigem Stimmorgan.

Dass sie bisweilen auch düstere Gedanken hegt, verrät sie in Gedichtform. «Heute habe ich ein fürchterliches Gedicht geschrieben», sagt sie mit breitem Lachen und trägt dieses auch gleich vor:

Der Zug nach Tod

«Der Zug nach Tod hat Verspätung.
Ich sitz im Wartesaal,
warten ist immer eine Qual.
Ich bin reisebereit,
von allem Ballast befreit.
Wann endlich kommt der Zug nach Tod?»

Dieser trübe Text kontrastierte mit ihrem ansonsten beschwingten Auftritt auf dem Podium. Doch damit unterstrich Inge Ginsberg lediglich ihre Authentizität als schillernde und als überaus einnehmende Persönlichkeit. Remo Strehler

Erstellt: 09.05.2019, 13:35 Uhr

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