Rücktritt

Lob, etwas Wehmut, Dank und eine Träne

Stadträtin Yvonne Beutler tritt Ende Oktober zurück. Gestern sprach sie über ihre Erfolge, ihr tolles Team, für das sie gerne Zöpfe buk, sowie über ihre Pläne in der Privatwirtschaft. Und als sie mal kurz innehielt, kamen die Emotionen hoch.

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Am Morgen wurde noch spekuliert, wer wohl zurücktreten würde aus dem Stadtrat, nachdem dieser kurzfristig eine Orientierung über eine Personalie angekündigt hatte.

Um 14 Uhr war es dann klar, als die SP-Finanzvorsteherin Yvonne Beutler im Superblock vor die Medien trat. Und sie machte gleich deutlich, dass nicht wie beim Übertritt von Chantal Galladé zur GLP die SP der Grund für ihren Schritt ist: «Die SP und ich haben uns immer noch sehr gern.»

Zum Beweis sass Maria Sorgo vom SP-Präsidium neben Beutler, die offenbar als eine von wenigen von den Rücktrittsabsichten wusste. Ihr Rücktritt als Stadträtin habe auch nichts zu tun mit der Enttäuschung nach der Niederlage gegen Michael Künzle (CVP) beim Kampf ums Stadtpräsidium, sagte Beutler: «Als Stadtpräsidentin wäre ich sicher noch acht Jahre geblieben.»

Bald wohl Verwaltungsrätin

So aber habe sie sich in den Herbstferien letztes Jahr Gedanken darüber gemacht, wie ihre Zukunft aussehen könnte: «Mir wurde bewusst, dass ich wieder Neues entdecken möchte, ich brauche frische Luft.» Auch die zunehmend konfrontative Art der politischen Auseinandersetzung habe zum Entscheid beigetragen.

Rücktritt ab Notizblatt: Yvonne Beutler an der Medienkonferenz, links im Hintergrund SP-Gemeinderätin Maria Sorgo. Foto: mas.

Sie habe die Politik und die öffentliche Hand nun aus vier Perspektiven erlebt: als Bürgerin, als Mitarbeiterin (Beutler war mal Friedensrichterin), 14 Jahre als Gemeinderätin und sieben Jahre als Stadträtin. Nun komme «eine fünfte Dimension hinzu, die als Unterstützerin von aussen».

«Wäre ich zur Stadtpräsidentin gewählt worden, wäre ich sicher noch acht Jahre im Amt geblieben.»Yvonne Beutler,
Abtretende SP-Stadträtin

Beutler wird Senior Consultant bei der Res Publica Consulting AG, die öffentliche Verwaltungen berät. Sie selber werde in den Bereichen Finanzen, interimistisches Management sowie Coaching tätig sein. Und als zweites Standbein kündigte sie an, womöglich Verwaltungsratsmandate zu übernehmen, sie habe einige Anfragen bekommen. Ein anderes politisches Amt zu übernehmen, könne sie sich im Moment nicht vorstellen.

Gar nicht immer so taff

Beutler sprach rund zwanzig Minuten fast pausenlos, und als sie zum Dank ansetzte an ihr Team, ihre Mutter, ihren Mann und ihren Sohn, da musste sie innehalten und eine Träne verdrücken. Ja, sie sei «eine Heulsuse und weniger eine taffe Politikerin», sagte sie.

Ihrem Team wand sie manches Kränzchen, und sich selber dabei auch. Sie sprach von «cleveren Schachzügen, die der Stadt ein paar Millionen in die Kasse spülten», sie sprach von der ersten Finanzstrategie, einem internen Kontrollsystem, vom innovativen Steueramt und vom kantonalen Soziallastenausgleich, wo sie trotz Gegenwind nun eine Mehrheit sieht, aber noch keinen gangbaren Weg, das umzusetzen. Und natürlich sprach sie von den Finanzen, die ihre Vorgängerin im Amt zu optimistisch budgetiert hatte.

Das Defizit sei dann auf 67 Millionen gewachsen, doch nun habe man herausragende Rechnungsabschlüsse geschafft. «Wir haben die Hausaufgaben gemacht und die Kernverwaltung saniert, darauf bin ich stolz.» Beutler erzählte auch, wie sie solche Erfolge mit ihrem Team zu feiern pflegte: Sie machte eigenhändig Zöpfe und offerierte Apéros – «auf eigene Rechnung», schob sie nach.

Maria Sorgo, die interimistische SP-Präsidentin, sagte an der Medienkonferenz, auch für die Parteileitung sei Beutlers Rücktritt überraschend gekommen. «Wir bedauern ihr Ausscheiden ausserordentlich und danken Yvonne Beutler für die geleistete Arbeit. Wir wissen, dass ihr dieser Schritt nicht leicht fiel, aber es gibt im Leben Momente, die nicht planbar sind.»

Die SP werde sich nun gleich auf die Suche einer Nachfolge machen und schon in den nächsten Tagen Gespräche führen. «Wir wollen Anfang Mai der Mitgliederversammlung eine gute Kandidatur präsentieren, denn Winterthur sollte weiter von einer linksgrünen Mehrheit regiert werden.» Namen nannte Sorgo noch keine.

(Der Landbote)

Erstellt: 03.04.2019, 18:39 Uhr

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