Winterthur

«Man hätte sicher eine bessere, friedlichere Lösung finden können»

An der Tanzdemo wurde eine junge Frau am Auge verletzt. Ob ein Gummigeschoss die Ursache war, konnte auch in einem Gerichtsprozess nicht geklärt werden. Trotz allem blickt die heute 24-Jährige ohne Verbitterung zurück.

Demonstrierende und Polizisten an der Tanzdemo «Standortfucktor» am 21. September 2013.

Demonstrierende und Polizisten an der Tanzdemo «Standortfucktor» am 21. September 2013. Bild: Heinz Diener

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« Noch heute, fünf Jahre nach der Tanzdemo, werde ich oft auf die Vorfälle von damals angesprochen. Die Leute fragen mich, wie es mir geht, wie es meinem Auge geht. Die Tanzdemo ist ein Teil meines Lebens. Ich habe gelernt, mit den Erinnerungen zu leben. Früher hatte ich manchmal Panikattacken. Ich befürchtete, mein rechtes Auge zu verlieren, das damals verletzt worden ist. Das kam nun schon länger nicht mehr vor. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese Nacht zurückdenke.

Was ich aus dem Ganzen gelernt habe: Es ist wichtig, dass man sich wehrt, auch wenn am Schluss nichts dabei herausschaut. Man muss für seine Rechte einstehen, sonst ändert sich nie etwas. Ich bin froh, dass ich den Schritt gewagt und Anzeige erstattet habe. Ich habe das auch nicht nur für mich getan, sondern für alle anderen, die vom Polizeieinsatz damals schockiert waren.

«Es ist wichtig, dass man sich wehrt, auch wenn am Schluss nichts dabei herausschaut.»

Das Vorgehen der Polizei beurteile ich auch heute noch als übertrieben hart. Es war ein krasser Einsatz. Dabei waren die meisten Teilnehmer junge Erwachsene oder Teenager. Ich war damals 19 und hatte von nichts eine Ahnung. Man hätte sicher eine bessere, friedlichere Lösung finden können. Denn die Veranstaltung war zu Beginn friedlich. Das ist für mich denn auch eine der Erinnerungen: dass ich und viele andere den Schauplatz verlassen wollten, als es zu Ausschreitungen kam, und dass uns die Polizei nicht durchliess.

Ich selbst war sicher nicht zum Krawallmachen da. Es war das erste Mal, dass ich an einer Demo teilnahm. Auf den Ankündigungen im Internet schrieben die Veranstalter mehrmals, Krawallmacher seien nicht willkommen. Ohne diesen Hinweis wäre ich gar nicht hingegangen. Es war für mich zunächst einmal eine Tanzparty, ich nahm aber auch teil, um für etwas einzustehen. Für mehr Freiräume, für mehr Kulturförderung. Es war damals die Zeit des grossen Sparens in Winterthur. Gleichzeitig wurde der teure Pilz am Bahnhof gebaut, um die Stadt «aufzuwerten». Ich finde, dass der eigentliche Titel der Demo unser Anliegen auf den Punkt brachte: «Standortfucktor».

« Es muss eine unabhängige Beschwerdestelle für Fälle geben, in die die Polizei irgendwie verwickelt ist. Das fehlt in der Schweiz.»

Nach der Demo war ich vor allem hässig. Wütend, dass man uns Jugendlichen mit so viel Gewalt begegnet war. Es war beeindruckend, wie viel Unterstützung ich bekam, aus meinem Umfeld und von verschiedensten Seiten. Es ist mir ein Anliegen, mich bei allen zu bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben.

Der folgende Gerichtsprozess war äusserst zermürbend. Ich hatte immer das Gefühl, als Täterin behandelt zu werden und nicht als Opfer. Nach kurzer Zeit war ich nur noch eine lästige Zecke, ein Defekt im System, den man möglichst bald schubladisieren wollte. Das ist auch meine wichtigste Forderung nach der ganzen Geschichte: Es muss eine unabhängige Beschwerdestelle für Fälle geben, in die die Polizei irgendwie verwickelt ist. Das fehlt in der Schweiz. Die Untersuchung meines Falls war für mich ein Witz.

«Das Schlimmste waren für mich einige Leserbriefe, die im Nachhinein geschrieben wurden von Leuten, die keine Ahnung hatten.»

Das Schlimmste waren für mich einige Leserbriefe, die im Nachhinein geschrieben wurden von Leuten, die keine Ahnung hatten. Da wurde mir teilweise vorgeworfen, ich sei doch selbst an allem schuld. Warum schreibt jemand so etwas, wenn er nicht im Geringsten weiss, was passiert ist? Alle haben die Tanzdemo für ihre Zwecke instrumentalisiert, die Politik, die Medien. Nachgefragt, was wir auf der Strasse wirklich wollten, hat kaum jemand.

Heute studiere ich an der Uni Zürich europäische Ethnologie und Filmwissenschaften. Soeben habe ich meine Bachelorarbeit geschrieben über die jugendliche Figur in narrativen Musikvideos. Ich wohne hier in Winterthur in einer WG und arbeite Teilzeit in der ethnologischen Bibliothek der Uni und an der Garderobe eines Winterthurer Lokals.

«Auf Teilen des Auges bin ich ganz blind, denn es haben sich Narben auf der Netzhaut gebildet.»

Es ist schwierig, genau zu erklären, wie viel Sehkraft ich auf meinem rechten Auge noch habe. Die Ärzte sprechen von 5 bis 20 Prozent. Auf Teilen des Auges bin ich ganz blind, denn es haben sich Narben auf der Netzhaut gebildet. Mein anderes Auge kann das aber ausgleichen, darum bekomme ich auch keine IV-Rente. Am Abend habe ich oft Kopfschmerzen; es ist, als würden meine Augen unter Druck stehen. Aber auch damit habe ich zu leben gelernt.

Warum es so etwas wie die Tanzdemo in Winterthur nicht mehr gegeben hat? Ich weiss es nicht. Dass die Repression nicht funktioniert hat, haben die Folgedemonstrationen wie «Bring your noise» gezeigt. Die Stadt hat sich aber auch bemüht, gegenüber den Jugendlichen offener zu sein. Ich glaube, dass sich in Winterthur seither etwas entwickelt, in eine gute Richtung. »

Erstellt: 21.09.2018, 10:12 Uhr

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