Fastenzeit

«Manche beschreiben es als Rauschzustand»

Am Mittwoch hat die traditionelle christliche Fastenzeit begonnen. Worauf dabei aus schulmedizinischer Sicht geachtet werden sollte, sagt Reinhard Imoberdorf vom Kantonsspital Winterthur.

Reinhard Imoberdorf ist Chefarzt für Innere Medizin am Kantonsspital Winterthur.

Reinhard Imoberdorf ist Chefarzt für Innere Medizin am Kantonsspital Winterthur.

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Herr Imoberdorf, was spricht aus medizinischer Sicht fürs Fasten?
Reinhard Imoberdorf: Eigentlich gar nichts. Es wird oft gesagt, man könne den Körper durchs Fasten entschlacken, die Ausscheidung von Giftstoffen fördern. Wir Schulmediziner wissen allerdings gar nicht, was Schlacken sein sollen. Der Körper ist bereits so eingerichtet, dass er schädliche Stoffe über die Nieren abbauen kann. Solange man gesund ist, akkumulieren sich also keine Giftstoffe im Körper.

Viele fasten aber auch, weil sie Gewicht verlieren wollen.
Weniger zu essen als sonst kann schon sinnvoll sein. Allerdings tritt oft der Jojo-Effekt ein, wenn man zum gewohnten Ernährungsstil zurückkehrt. Der Körper denkt dann: Eine solche Hungerperiode will ich nicht noch einmal erleben. Deshalb verwertet er die Nahrungsmittel effizienter und wird schwerer als je zuvor. Wer wirklich abnehmen will, muss langfristig weniger essen.

«Wir Schulmediziner wissen gar nicht, was Schlacken sein sollen.»
Reinhard Imoberdorf
Arzt für Innere Medizin
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Was passiert eigentlich im Körper, wenn man gar nichts isst?
Der noch vorhandene Zucker ist innerhalb eines Tages aufgebraucht, dann wird auf eine Art Energiesparprogramm umgestellt. Der Körper verliert aber nicht nur Fett, sondern gleichzeitig immer auch Muskelmasse. Die Leistungsfähigkeit geht in diesem Zustand stark zurück.

Kann Fasten gefährlich sein?
Bei einem vollständigen Verzicht mutet man dem Körper schon einiges zu. Viele klagen zu Beginn über Unwohlsein und Bauchkrämpfe oder stören sich am konstanten Hungergefühl, das aber nach wenigen Tagen verschwindet. Ein zu schneller Einstieg kann zu einer Gichtattacke oder Gallensteinen führen. Grundsätzlich sollte auch nur fasten, wer gesund ist.

Was halten Sie von der Idee, Krebsgeschwüre auszuhungern?
Davon rate ich ab. Die Gefahr ist gross, eine Mangelernährung zu entwickeln. Dadurch wird man auch anfälliger für Infektionen.

Wie lange darf man fasten?
Wer gar nichts mehr isst: Höchstens eine Woche, sofern man dabei genügend trinkt. Aber wenn zum Beispiel die Essensmenge nur halbiert wird, sind durchaus mehrere Wochen möglich.

«Während dem Fasten tritt das Interesse an Sexualität und einem normalen Alltag in den Hintergrund, der Körper kennt nur noch ein Ziel: essen.»


Viele Menschen fasten aus spirituellen Gründen. Was passiert dabei eigentlich mit der Psyche?
Nach einigen Tagen werden Glückshormone ausgeschüttet, manche beschreiben es als Rauschzustand. Die Person denkt: Wow, es ist alles wunderbar und schön. Langfristig kann es verheerend sein und zu psychischen Störungen führen. Das Interesse an Sexualität und einem normalen Alltag tritt in den Hintergrund, der Körper kennt nur noch ein Ziel: essen.

Die Bandbreite der Fastenkuren reicht von geringen Einschränkungen bis zu radikalem Verzicht. Was empfehlen Sie?
Wenn man diesen Weg wirklich gehen will, sollte man eher sanft fasten, also nicht auf leichte Kost wie Salate, Gemüse und Obst verzichten. Je extremer und einseitiger die Kur ist, desto schneller kann es zu Problemen führen.

Fasten ist ein Trend: Hotels bieten Fastenwochen in schöner Umgebung an. Geht es dabei um Lifestyle oder Gesundheit?
Es gibt eine grosse, ernst zu nehmende Gruppe, die es aus spirituellen Gründen macht. Alles andere ist für mich eher Lifestyle. Das sieht man auch daran, dass diese Leute oft die Methoden wechseln oder schnell wieder damit aufhören.

Manche Anbieter werben damit, dass Fasten den Alterungsprozess verzögert. Stimmt das?
Solche Slogans sind aus Tierversuchen abgeleitet. Bei Experimenten mit Mäusen konnte man zeigen, dass die Halbierung der Energiezufuhr zu einer Verlängerung der Lebensdauer bis zu 50 Prozent führt. Bei Menschen ist das nicht erwiesen.

Erstellt: 03.03.2017, 15:33 Uhr

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