Winterthur

«Manchmal wissen sie nicht, ob die Erde zittert oder sie selbst»

Die Winterthurerin Lea Moser Haug war eine Woche in Albanien, um dort Erdbebenopfer zu unterstützen. Sie ist Teil des offiziellen Schweizer Hilfskorps, das vom Bund entsandt wurde.

Spezialisten prüfen die Schäden im Wohnzimmer einer Familie.

Spezialisten prüfen die Schäden im Wohnzimmer einer Familie. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Dienstag letzter Woche bebte in Albanien in der Nähe von Tirana die Erde. Nach aktuellen Schätzungen verloren dabei rund 50 Menschen ihr Leben, 2000 wurden verletzt, der Sachschaden ist gross. Das Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) schätzt, dass 6500 Gebäude ganz oder teilweise zerstört wurden. Infolgedessen könnten bis zu 30000 Menschen obdachlos geworden sein. Auf das Hilfsgesuch der albanischen Regierung entsandte das EDA Spezialistinnen und Spezialisten des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) in das betroffene Gebiet. Darunter auch die Winterthurerin Lea Moser Haug.

Lea Moser Haug, Sie sind am Tag nach dem Erdbeben in Albanien eingetroffen. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?
Die Verzweiflung ist gross. Die Menschen wissen teilweise nicht, wo sie schlafen sollen. Mit dem Haus haben viele auch ihre Lebensinvestition verloren. Dazu kommen die Nachbeben. Davon gab es während meines Aufenthalts mehrere Dutzend – und sie dauern noch an. Das verunsichert die Betroffenen zusätzlich, viele sind auch traumatisiert. Manchmal wissen sie nicht, ob die Erde zittert oder sie selbst.

Sie standen eine Woche im Einsatz. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?
Das rund 15-köpfige Team und ich haben die ländliche Region Krujë in der Nähe von Tirana abgedeckt. Im Team sind unter anderem Bauingenieure, Sicherheitsleute und Spezialisten für die Unterbringung von Menschen. Ich wurde als Cash-Spezialistin entsandt.

Sie haben also Geld verteilt?
Neben einem Dach über dem Kopf müssen die Betroffenen auch ihre täglichen Bedürfnisse decken. Ich habe den finanziellen Bedarf der betroffenen Haushalte abgeklärt. Das sind zwischen 90 und 100 Franken pro Person und Monat. Die ersten dieser Unterstützungsleistungen in einer der besonders schwer heimgesuchten Gemeinden sollten spätestens Ende dieser Woche ankommen.

Wie kommen die Betroffenen mit ihrer Situation zurecht?
Generell herrscht grosse Unsicherheit. Viele suchen nach Möglichkeiten, sich auszuhelfen und etwa bei Familie oder Freunden unterzukommen. Das ist aber keine dauerhafte Lösung. In der ländlichen Region, wo ich im Einsatz stand, haben viele Menschen zudem Tiere. Die wollen sie nicht zurücklassen. Deswegen schlafen sie in ihren Autos oder Gärten.

«Während des Einsatzes funktioniere ich einfach und helfe, wo ich kann.»

Aber jetzt kommt der Winter …
… und es hat teilweise stark geregnet. Das verschlimmert die Situation zusätzlich. Die Leute frieren jetzt schon. Es herrschen zwar noch keine Minustemperaturen, aber in der Nacht kann es auf fünf Grad abkühlen. Das wird sich in den nächsten Monaten natürlich nicht verbessern. Es ist noch nicht abzuschätzen, wie lange es dauern wird, bis sich die Lage wieder normalisiert.

Ganze Wandstücke sind durch das Erdbeben rausgebrochen. Bild: PD

Wie haben die Leute vor Ort auf die Einsatzkräfte reagiert?
Es ist eine grosse Dankbarkeit da. Bei jenen, die ihr Heim verloren haben, ist die Verzweiflung enorm. Denn viele sind nicht versichert, und das eigene Haus ist oft die wichtigste Wertanlage. Entsprechend emotional reagieren die Menschen auf Hilfe. Sie fühlen sich nicht alleine gelassen.

Sie reisen seit acht Jahren für das SKH in Krisengebiete. Wie verarbeiten Sie solche Engagements?
Während des Einsatzes funktioniere ich einfach und helfe, wo ich kann. Aber es stimmt: Sobald es losgeht, stehe ich unter grossem Stress. Ich sehe Leute, die traumatisiert sind, emotional und aufgelöst. Teamintern reden wir darum viel über das, was uns beschäftigt, schon während dem Einsatz. Wie ich persönlich damit umgehe, sehe ich in den kommenden Tagen. Jetzt bin ich einfach nur müde.

Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH)
Das SKH ist ein rund 700-köpfiges Milizkorps. Seine Angehörigen teilen sich auf in Fachgruppen wie Bau, Medizin oder Support und Logistik. Das Korps kommt bei der kurzfristigen Katastrophenbewältigung und mehrmonatigen humanitären Projekten im Ausland zum Einsatz und untersteht dem Departement für auswärtige Angelegenheiten. In Albanien hat das SKH nach eigenen Angaben bisher 100 wintertaugliche Familienzelte aufgestellt, 150 weitere sind auf dem Weg. Zudem lieferte es 1200 Decken, 200 Planen und 400 Feldbetten. Etwa 1350 Personen haben von finanzieller Direkthilfe profitiert, 2500 weitere von den Sicherheitsüberprüfungen der beschädigten Gebäude. Das Budget für den Albanien-Einsatz beläuft sich auf 1,1 Millionen Franken. Während der Hauptteil des Einsatzteams wieder zurück ist, verbleibt ein vierköpfiges Basisteam vorerst noch vor Ort. (flü)

Erstellt: 06.12.2019, 12:11 Uhr

Lea Moser Haug ist Architektin in Winterthur. Sie engagiert sich seit 2011 im Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH). Vor Albanien stand sie bereits in Simbabwe, Sri Lanka, Haiti und Nepal im Einsatz. «Die Arbeit ist sinnstiftend», sagt die 44-Jährige. «Sie gibt mir das Gefühl, etwas tun zu können für Menschen in Not.». (Bild: PD)

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben