Winterthur

Mann stürzt im Bus – kein Prozess

Obwohl sich ein älterer Passagier auf der Fahrt verletzte, wird der Stadtbus-Chauffeur nicht vor Gericht gestellt. Er sei nicht zu brüsk angefahren.

Ein Fahrer von Stadtbus muss keine Strafe wegen unverhältnismässigem Anfahren befürchten: Das Obergericht spricht ihn von jeglicher Schuld frei.

Ein Fahrer von Stadtbus muss keine Strafe wegen unverhältnismässigem Anfahren befürchten: Das Obergericht spricht ihn von jeglicher Schuld frei. Bild: Donato Caspari

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Der heute 78-jährige Rentner aus Oberwinterthur kann es nicht fassen: Trotz seiner Verletzungen nach einem Sturz im Bus kommt es nicht zum Prozess. Das Zürcher Ober­gericht versorgte ihn mit einem Papier, zwar 24 Seiten stark, aber mit simplem Fazit: Der Stadtbus-Chauffeur hat alles richtig gemacht.

In einem Prozess würde er sehr wahrscheinlich freigesprochen, deswegen erfolgt keine Anklage.Passiert ist es im Februar vergangenen Jahres. Beim Zentrum Töss stieg der Rentner in den Bus ein, und als dieser losfuhr, fiel der Mann der Länge nach hin.

«Der Chauffeur ist knallartig angefahren, richtig kriminell»Kläger

Mit­reisende und der Busfahrer versorgten die stark blutende Wunde an der Stirn, seither klagt der Ver­unfallte über Rücken- und Kopfschmerzen. Für ihn ist klar: Schuld hat der Chauffeur, der «knallartig, richtig kriminell» ­angefahren ist, so die Beschreibung des Rentners gemäss dem Ober­gerichtsbeschluss, welcher bereits im Dezember 2017 erging und dem «Landboten» vorliegt.

Die Richter beurteilen den Vorfall ganz anders als der Be­troffene. Dieser hätte sich auf den nächsten freien Platz bei der zweitvordersten Türe, durch die er einstieg, setzen sollen, anstatt im Bus noch nach vorne zu gehen. Stadtbus sichert sich nämlich mit dem Hinweis ab, dass sich Passagiere nach dem Einsteigen stets festhalten und sofort hinsetzen müssen. Der Verunfallte habe mit seinem Verhalten «selber eine ­erhebliche Sturzgefahr geschaffen», befindet das Gericht.

Chauffeur ist sich keiner Schuld bewusst

Das sieht auch der Chauffeur so, ein heute 47-jähriger Deutscher, der knapp zwei Wochen nach dem Unfall von der Polizei befragt wurde und dort sagte: «Ich muss nicht warten, bis alle Passagiere sitzen. Ich muss den Fahrplan einhalten.» Er sei keineswegs ruckartig angefahren, sondern ganz normal. Dass er nach dem Unfall nicht die Polizei rief, sei im Nachhinein betrachtet ein Fehler gewesen, so der Busfahrer.

«Ich muss nicht warten, bis alle Passagiere sitzen. Ich muss den Fahrplan einhalten.»Angeklagter

Dies übernahm der Rentner, der später telefonisch Anzeige erstattete; zum Arzt ging er wegen des Wochenendes erst nach fünf ­Tagen, was die Richter merk­würdig finden, die ebenso der ­Ansicht sind, dass die festgestellten Kompressionsfrakturen der Rückenwirbel nicht zum Unfallgeschehen passen.

Eine gewisse Schützenhilfe für den Verunfallten lieferte eine Passagierin im Bus, die sich auf einen Aufruf des Mannes im «Landboten» meldete und als Zeugin vernommen wurde. Sie gab an, der Chauffeur sei «sportlich, schon eher abrupt» angefahren, jedoch taxierten die Richter ihre Darstellung als «eine Mischung zwischen subjektiver Meinung, Werturteil und Schlussfolgerung aus dem beobachteten Faktum des Sturzes».

Nur Kosten für den Gestürzten

Unter dem Strich hat sich mit der Anzeige der Ärger des Rentners über den Unfall vermehrt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, und das Ober­gericht wies die eingelegte Beschwerde ab. Auf einen Weiterzug ans Bundesgericht hat der Mann verzichtet, wie eine Sprecherin des Obergerichts bestätigt. Seine Kaution von 1500 Franken für das Beschwerde­verfahren wurde einbehalten.

Dem Gerichtsbeschluss sind auch einige interessante Details zu entnehmen. So waren offenbar das im Bus aufgezeichnete Video sowie die Daten des Fahrtenschreibers bereits nach vier ­Tagen nicht mehr verfügbar, als die Anzeige erstattet wurde. Auch ist der Staatsanwaltschaft ein Fehler unterlaufen: Die bei ­Vorwürfen gegen Beamte nötige Ermächtigung des Obergerichts zur Verfahrenseröffnung wurde nicht eingeholt. Dennoch waren die in der Untersuchung gemachten Aussagen verwertbar.

(Der Landbote)

Erstellt: 18.07.2018, 18:29 Uhr

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