Winterthur

Mario-Kart im Archiv des Vogts

Trost für alle zu Hause Gebliebenen: Momentan ist «GameZeit» in der Bibliothek Seen. Noch bis zum Ende der Ferien darf an einem besonderen Ort gespielt werden.

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Alleine der massive Messing-Schlüssel ist verheissungsvoll und weckt auch beim erwachsenen Betrachter kindliche Fantasien. Ein bisschen wie der Schlüssel zu einem Verliess sieht er aus; oder einer zu einer geheimnisvollen Schatzkammer. Und so war es ja sogar in den Anfängen seines langen Daseins, vor mehreren hundert Jahren. Da war der Schlüssel Hüter über manch wertvollen Schatz, verschloss die geheimen Dokumente des Vogts von Kyburg in dessen Archiv.

Leseruhe weicht italienischem Klempner

Heute öffnet die Bibliothekarin mit dem Schlüssel die Tür in eine digitale Welt. «Es ist wirklich wie der Eingang in eine alte Burg, ich denke es jedes Mal», sagt Maria Ambühl lächelnd, als sie die alte Metalltür, die ächzend Widerstand leistet, aufdrückt. Dahinter öffnet sich ein grosszügiges Zimmer, das normalerweise als Leseraum genutzt wird. Die historischen Bodenfliesen der ehemaligen Untervogtei mit ihren sternförmigen Ornamenten, das weiss gekalkte Gewölbe, die vielen Sitzpolster mit Kissen, der alte Kachelofen vor dem Eingang – all das schafft eine entspannte, beinahe nostalgische Leseatmosphäre. Normalerweise ist dieser Raum gar nicht abgeschlossen. Doch momentan wollen wertvolle elektronische Geräte in seinem Innern geschützt sein. Der Leseraum in Seen wurde nämlich temporär umfunktioniert. Die entspannte Leseruhe, ist den hektischen, fröhlichen Klängen der digitalen Welt gewichen.

Mario, der unverwüstliche italienische Klempner, saust im Go-Kart mit seinen Kameraden um die Wette. Die fiktiven Figürchen triezen sich gegenseitig mit Bananenschalen, grünen und roten Schildkrötenpanzern und allerlei anderem Unrat. Das Spiel macht auch über 20 Jahre nach der Ersterscheinung und in seiner bereits 8. Ausgabe noch wahnsinnig viel Spass. Umso mehr, wenn man es dank HD-Beamer hochauflösend und grossflächig auf dem bequemen Bibliothekssofa spielen darf. Einer der grössten Vorzüge des Spiels ist seine Zeitlosigkeit. Das merkt auch die Bibliothekarin. «Das Gaming-Angebot, speziell Mario-Kart, wird von Kindern aller Altersgruppen geschätzt und genutzt.» – Und längst nicht nur von Kindern. Ambühl erzählt vom Beispiel einer Grossmutter, die den Lese-Gameraum mit Ihrem Enkel einen ganzen Nachmittag lang in Beschlag nahm. «Ihr hat es mindestens soviel Spass gemacht wie dem Jungen.»

Bedenken, dass die Unterstützung des Gamens eine Konkurrenz zum Kernmetier einer Bibliothek – zu den Büchern – sein könnte, hegt man bei der Bibliothek Seen nicht. «Die Entwicklung hin zu einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft können und wollen wir nicht aufhalten.» Vielmehr seien neue Unterhaltungs-Formate wie das Gamen auch eine Chance für die Bibliotheken. «Hier können auch Synergien entstehen.»

Eine Art Einstiegsdroge

Ambühl verweist in diesem Zusammenhang auf Tolkiens Buch-Trilogie «Herr der Ringe». «Es gibt viele Leute, welche das Buch nur gelesen haben, weil sie den Film gesehen oder das Game gespielt haben.» Das Spielen könne also auch zum Lesen animieren. Darüber hinaus biete es auch sonst kognitive und affektive Herausforderungen, die die Entwicklung der Kinder fördern würden. «Zumal wir ganz genau darauf achten, welche Spiele wir anbieten. Die Auswahl erfolgt aufgrund strenger Richtlinien.»

Nicht zuletzt soll das digitale Angebot auch Kinder in die Bibliothek locken, die sonst nicht an die Rössligasse kämen. «Mit Schulbesuchen und Aktionen wie der ‹GameZeit› versuchen wir, möglichst viele Kinder für das Angebot der Bibliothek zu begeistern.» Erste Erfolge sind sichtbar: Gemäss Ambühl besuchen in den letzten Jahren vermehrt Heranwachsende die Bibliothek, denen dies nicht bereits vom Elternhaus nahegelegt wird – beispielsweise solche mit Migrationshintergrund. Und gerade bildungsfernere Schichten sind es auch, die in den Ferien eher zu Hause bleiben. Wenn solchen Kindern die Freizeit dank Mario-Kart versüsst werden kann und sie darüber hinaus noch zum Lesen animiert werden, hat die Aktion ihren Zweck erfüllt. Mit der Neunutzung seines Archivs wäre sicherlich auch der alte Vogt einverstanden gewesen.

Erstellt: 15.08.2016, 17:35 Uhr

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