Winterthur

«Medizin ist ein lokales Geschäft»

Spitaldirektor Marco Gugolz hat als Spitaldirektor die Klinik Lindberg nach unruhigen Jahren wieder auf Kurs gebracht. Um das zu schaffen, musste er in der Stadt vermitteln, dass man nicht für Scheichs, sondern für die Region da sei.

Begeistert für «sein» Lindberg: Direktor Marco Gugolz (41) auf der Terrasse mit Blick über Winterthur.

Begeistert für «sein» Lindberg: Direktor Marco Gugolz (41) auf der Terrasse mit Blick über Winterthur. Bild: Johanna Bossart

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Herr Gugolz, die Klinik Lindberg hat stürmische Jahre hinter sich.
Marco Gugolz: Das stimmt. Als ich im Mai 2013 kam, traf ich eine schwierige Situation an. Nach vielen Restrukturierungen, Besitzerwechsel und einem ständigen Auf und Ab war der Vertrauensverlust gross. Ich bin der achte Direktor in 15 Jahren. Das allein spricht für eine gewisse Unstetigkeit.

In welchem Zustand übernahmen Sie die Klinik?
In keinem guten Zustand. Ich dachte ein paar Mal: Ui, auf was habe ich mich da eingelassen?

Welche Therapie haben Sie dem Spital verordnet?
Erst einmal mussten wir überprüfen, auf welche Bereiche wir uns fokussieren wollen.

Sie haben sich von der Übergewichtsmedizin getrennt – und später auch von der Geburtenabteilung.
Ja. Gerade bei der Geburtenabteilung geschah das schweren Herzens. Aber am Ende geht es auch um sichere Medizin. Wenn die Fallzahlen zu gering sind, leidet die Qualität.

Inzwischen scheint das Spital über den Berg zu sein. Sie wachsen sogar wieder.
Wir konnten in den ersten drei Monaten dieses Jahres, 15 neue Ärzte gewinnen und zwei neue Fachgebiete aufbauen. Im Herbst folgt eine Dialysestation und Nephrologie-Praxis.

«Ich dachte ein paar Mal: Ui, auf was habe ich mich da eingelassen?»Marco Gugolz

Was haben Sie anders gemacht als Ihre sieben Vorgänger, die gescheitert sind?
Das Wichtigste war, nach all diesen vielen Wechseln wieder Vertrauen aufzubauen. Gegenüber den Mitarbeitern, aber auch nach aussen. Das Schöne an der Medizin ist, dass es um Menschen geht, es ist ein «People Business».

Wie die Hotellerie, von der Sie ursprünglich herkommen.
Genau. Wir haben uns sehr gezielt vernetzt. Ich habe viele Gespräche mit etlichen Stakeholder und zuweisenden Ärzten geführt, um uns wieder als gute Alternative auf dem Platz Winterthur zu empfehlen. Wir sind Mitglied in der Handelskammer geworden, im KMU-Verband geworden und bei anderen ortsansässigen Organisationen. Es ist als kleine Klinik entscheidend, lokal verwurzelt zu sein. Wir engagieren uns ausschliesslich lokal, etwa als Hauptsponsor des Classic-Openair des Musikkollegiums oder als Medical Partner beim Frauenlauf und beim EHC Winterthur.

Regionalität als Rezept? Ihre Website gibt es auch auf englisch und russisch.
Ja, das ist normal in der Spitalwelt, somit ist dies auch bei unserer Gruppe, dem Swiss Medical Network so. Aber das Klischee, dass das Lindberg nur für reiche Ausländer sei, ist schlicht irreführend. Über 95 Prozent unserer Gäste sind aus der Schweiz, 80 Prozent haben eine Anreise, die kürzer ist als 20 Minuten, weitere 10 Prozent sind aus dem Thurgau und Schaffhausen. Wir sind regional verankert. Das ist mir extrem wichtig. Viele der Fehlwahrnehmungen stammen aus der Zeit, bevor ich hier tätig war und sind nur schwierig zu korrigieren.

Welche Lindberg-Klischees nerven Sie sonst noch?
Dass wir elitär und nur für Privatpatienten seien, dass kein Arzt 24 Stunden im Haus ist, und dass wir keinen Notfall für zusatzversicherte Patienten haben und keine Intensivstation hätten. Das stimmt alles einfach nicht. Personen aus allen Versicherungsklassen können zu uns kommen. Für den stationären Bereich sind halbprivate und private Versicherungen oder die Unfallversicherung Voraussetzung, der ambulante Bereich steht auch Allgemeinversicherten offen. Zudem ist bei uns während 24 Stunden an sieben Tagen ein Arzt fest im Haus, der auch für den Notfall triagiert an die jeweiligen Fachärzten. Im weiteren verfügen wir über eine ausgezeichnete Intensivstation mit Beatmungsplätzen.

Nobel ist es hier oben aber schon, besonders seit der 10 Millionen teuren Sanierung. In der Lobby oder im Restaurant fühlt man sich wie im Hotel. Muss so viel Luxus sein?
Der Patient erwartet heute ein schönes Ambiente. Auch öffentliche Spitäler wie das Zürcher Triemli oder das Kantonsspital Luzern bieten luxuriöse Privatabteilungen an. Wenn Sie als Privatspital da nicht mithalten, wird es schwierig. Am Lindberg wurde vor dem Umbau 25 Jahre lang nicht in die Infrastruktur investiert.

«Dass wir elitär sind, dass nicht 24 Stunden ein Arzt im Haus ist, dass wir keine Intensivstation haben: Diese Vorurteile sind alle falsch.»

Marco Gugolz

Das Spitalweiss ist jetzt komplett verschwunden.
Unser Farbkonzept wurde mit Farbpsychologen entwickelt und orientiert sich an warmen Tönen, mit Beige und Ocker. Auch ein Beleuchtungskonzept und ein einheitlicher Raumduft gehören dazu.

Und wie riecht das Lindberg?
(lacht) Es ist ein Leinen-Duft, sehr dezent. Nichts mit Zitrus und vor allem nicht der typische Spitalduft, der negativ assoziiert wird. Der Patient soll sich wohl fühlen.

Sie haben jetzt auch eine «Präsidentensuite». Wird diese auch benutzt?
Ja, unsere Suiten werden regelmässig gebucht – auch von Herrn und Frau Schweizer, die sich etwas Gutes tun wollen. Es ist ein reines Hotellerie-Upgrade. Die Gäste bezahlen es aus eigener Tasche, die Krankenkasse wird nicht belastet. Rein medizinisch gesehen werden alle Patienten gleich behandelt.

Und was kostet die Nacht?
Privatversicherte zahlen 180 bis 990 Franken pro Nacht zusätzlich, je nach Zimmer -oder Suiten-Kategorie.

Reden wir gleich nochmals über Geld: Schreibt Ihre Klinik wieder schwarze Zahlen?
Die Unternehmensgruppe, zu der wir gehören, ist börsenkotiert und kommuniziert keine Resultate einzelner Häuser. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass die Gruppe mit unserer Entwicklung zufrieden ist.

«Wir sehen uns als Ergänzung zum KSW. Ich glaube Winterthur ist mit 110 000 Einwohnern gross genug für beide.»Marco Gugolz

Alle drei Abteilungen, die Sie dieses Jahr eröffnen, werden auch im KSW angeboten. Versuchen Sie mit dem grösseren Nachbarn zu konkurrieren?
Nein, wir sehen uns als Ergänzung. Ich glaube Winterthur ist mit 110 000 Einwohnern gross genug für ein gutes Schwerpunktspital und eine gute Privatklinik. Am Ende entscheidet der Patient frei: Gehe ich dahin oder dorthin. Dort, wo es Sinn macht, arbeiten wir auch zusammen, etwa bei sehr komplizierten Notfällen oder bei gewissen Laboruntersuchungen.

Kann man als kleine Klinik im Schweizer Markt langfristig bestehen?
Ja, wenn man sich fokussiert. Und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Netzwerk ist überlebenswichtig. Aus Patientenbefragungen wissen wir zudem, dass für 90 Prozent der Patienten die Nähe zum Wohnort unglaublich wichtig ist. Medizin ist ein lokales Geschäft. Wenn Sie in Zürich wohnen, gehen Sie kaum nach Winterthur für eine Knie-OP – und umgekehrt.

Ein wenig wachsen wollen Sie aber schon noch. Es gibt Pläne für einen weiteren Flügel. Wie konkret sind diese?
Ziemlich konkret, wir sind in der Endphase dem Gestaltungsplan. Im Moment klären wir noch ab, ob wir die ganzen neuen Flächen selbst betreiben wollen, oder einen starken Partner suchen, etwa aus dem Bereich Reha oder Altersresidenz. Einige Tausend Quadratmeter werden wir aber so oder so beanspruchen. Am jetzigen Standort sind wir voll ausgelastet und können keine neuen Praxen oder OP-Säle eröffnen.

(Der Landbote)

Erstellt: 28.04.2017, 15:35 Uhr

Zur Person

Marco Gugolz (41) ist diplomierter Betriebsleiter FHH und arbeitete erst im Hotelgewerbe und seit 22 Jahren im Spitalbereich, zuletzt 7 Jahre in der Geschäftsleitung der Luzerner Klinik St. Anna der Hirslanden-Gruppe. Seit Mai 2013 ist er Direktor der Klinik Lindberg.

Wem das Lindberg gehört

Seit 2012 gehört die Privatklinik Lindberg zum Swiss Medical Network (früher Genolier genannt), der zweitgrössten Schweizer Privatklinikgruppe. Sie entstand 2002 rund um die die Clinique de Genolier im Waadtland und zählt heute 16 Privatkliniken in allen drei Sprachregionen. Die Gruppe ist im Besitz der Aevis Victoria Holding mit Sitz in Fribourg, der auch die Luxushotelkette Victoria Jungfrau gehört. Die Spitalsparte erzielte 2016 einen Umsatz von 521 Millionen Franken (plus 8 Prozent).

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