Winterthur

Mehr Privatschulen denn je

Im letzten Schuljahr besuchte in Winterthur jedes zwölfte Kind eine Privatschule. Bei Schulbeginn in einer Woche könnten es noch mehr sein, wie eine Umfrage bei den 17 Privatschulen in der Stadt zeigt.

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Manche Eltern möchten, dass ihr Kind zwischen Hühnern und Heuhaufen möglichst naturnah aufwächst. Andere legen Wert auf eine christliche Erziehung oder aber fördern frühes naturwissenschaftliches Forschen. Und dann sind da die Kinder selbst mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen: Überdurchschnittlich Begabte, die sich langweilen. Unterdurchschnittlich Begabte, die nicht mitkommen. Und durchschnittlich Begabte, die aus anderen Gründen eine Privatschule besuchen.

Manche haben Talente, die an der Volksschule nicht gefragt sind. Andere wurden gemobbt, sind hibbelig, hochsensitiv oder noch unentschlossen in Bezug auf die Berufswahl. Wieder andere sind neu im Land und müssen sich zwischen integrativen und internationalen Schulen entscheiden.

Alternative wird zur Regel

So vielfältig wie die Gründe für eine Privatschule sind, ist auch das Angebot: Mittlerweile buhlen in der Stadt 17 Privatschulen um Schülerinnen und Schüler. Über die Hälfte von ihnen wurde erst nach der Jahrtausendwende gegründet. Es überrascht daher nicht, dass die Tendenz auch bei den Schülerzahlen nach oben zeigt.

Im vergangenen Schuljahr wurde erstmals die Tausendermarke geknackt: Insgesamt besuchten 1042 Kinder und Jugendliche eine Privatschule, was einem Anteil von 8,5 Prozent aller Volksschulpflichtigen in Winterthur entspricht. Zum Vergleich: 2008 waren es noch 7,3 Prozent. Nicht mitgezählt werden dabei die Heim-, Sonder- und Mittelschüler. Die kantonale Privatschulquote liegt bei sieben Prozent, was gemäss Marion Völger vom Zürcher Volksschulamt gegenüber anderen Kantonen und Ländern eher tief ist.

«Wir nehmen einen leichten Anstieg wahr, in absoluten wie auch in relativen Zahlen.»Marion Vögler, Zürcher Volksschulamt

Derzeit deutet nichts auf eine Trendwende hin, wie eine Umfrage bei den Privatschulen auf Stadtgebiet zeigt. Sechs verzeichneten in den letzten zehn Jahren respektive seit ihrer Gründung steigende Schülerzahlen. Bei weiteren sechs blieben die Zahlen konstant. Nur die Tagesschule SalZH, die Bildung mit christlichem Profil «für Kopf, Hand und Herz» anbietet, gibt an, dass die Schülerzahlen leicht rückläufig seien. Von den verbleibenden vier Schulen nahmen drei nicht an der Umfrage teil, während eine keine konkreten Zahlen nennen wollte.

Obwohl die offiziellen Zahlen zum neuen Schuljahr erst im September vorliegen, bestätigt Völger: «Wir nehmen einen leichten Anstieg wahr, in absoluten wie auch in relativen Zahlen.» Allerdings liege dieser im Bereich normaler Schwankungen. Zudem gebe es in Winterthur einen Sondereffekt: «Ein grosser Teil der Zunahme kann auf den vor einem Jahr gegründeten Talent-Campus zurückgeführt werden, der auch Schüler aus der weiteren Umgebung anzieht.» Dabei handelt es sich um eine auf Talentförderung spezialisierte, private Musik-, Sport- und Tanzschule mit reduzierter Stundentafel.

Gefragte Sonderschulplätze

Ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der Volksschule ist nur eine mögliche Erklärung für die Zunahme. Florence Bernhard, Inhaberin der Gesamtschule Winterthur, führt mit der auffällig hohen Nachfrage nach Sonderschulplätzen noch eine weitere ins Feld. Die Schule, die 2013 mit zehn Kindern startete und ab August von 37 Kindern besucht wird, legt den Fokus auf naturwissenschaftliches Forschen und bietet sowohl Begabtenförderung als auch Sonderschulplätze an. Letztere sind allerdings begrenzt: «Mehr als vier Integrationsplätze können und wollen wir nicht zur Verfügung stellen», so Bernhard. Es sei ihr wichtig, die pädagogische Qualität zu halten und allen Kindern einen guten Lernort zu bieten: «Deshalb muss ich leider viele Anfragen von Gemeinden ablehnen.»

«Wir stellen über den gesamten Kanton gesehen keine Zunahme fest.» Marion Vögler, Zürcher Volksschulamt

Auch bei der Freien Schule Winterthur gab es in den letzten zehn Jahren einen leichten Anstieg von 134 auf 145 Schülerinnen und Schüler. Schulleiter Roger Frei erklärt diesen mit der neuen Klasse für Jugendliche mit erhöhtem Betreuungs- und Förderbedarf, die nach den Ferien startet. Aufgrund der grossen Nachfrage bietet auch die private Sekundarschule Lengo eine dritte Lerngruppe für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen im sozialen und schulischen Bereich an.

Marion Völger hingegen beobachtet keine erhöhte Nachfrage nach Sonderschulplätzen: «Wir stellen über den gesamten Kanton gesehen keine Zunahme fest.» Sonderschüler gebe es an Privatschulen nur in absoluten Ausnahmefällen, zumal die gesetzlichen Grundlagen dafür fehlen. Daneben gebe es auch Fälle, denen die Gemeinden zwar kein Angebot machen können, die aber auch kein Sonderschulstatus haben. Dazu gehören etwa Mobbingopfer.

Stabil auf lange Sicht

Die Integrale Tagesschule Winterthur verzeichnet zwar konstante Zahlen, dafür aber eine «Zunahme an belasteten Schulbiographien», so Schulleiter Armin Sieber. Das Konzept der privaten Sek erlaubt es, auf individuelle Lernbedürfnisse einzugehen und legt einen Schwerpunkt auf den Prozess der Berufswahl.

Von schwankenden Schülerzahlen spricht Simone Hürlimann von der Academia Integration, die sich vor allem an Migranten richtet. Zwar besuchten im vergangenen Schuljahr durchschnittlich 40 Kinder und Jugendliche die Integrationsschule, also mehr als doppelt so viele wie 2015. Allerdings kann sich das schnell wieder ändern: «Das hängt mit der weltpolitischen und wirtschaftlichen Situation der europäischen Länder zusammen.» Auf lange Sicht gleicht sich das aus. Konstant blieben auch die Zahlen der Swiss International School, die aktuell von 104 Kindern besucht wird.

Für jedes Portemonnaie

Eine besonders starke Zunahme verzeichnete die Rudolf-Steiner-Schule: Besuchten vor zehn Jahren noch 169 Schülerinnen und Schüler die anthroposophisch ausgerichtete Schule, sind es im kommenden Schuljahr bereits 229. Eine zweite Besonderheit der Schule, die sich nicht primär als Wissensvermittlerin, sondern als Ort für die Persönlichkeitsentfaltung versteht, ist das solidarische Beitragssystem. Wie auch bei der SalZH müssen Eltern mit einem tiefen Einkommen auch weniger bezahlen. Der Mindestbeitrag beträgt 500 Franken pro Monat oder 6000 Franken pro Jahr.

Mit 50400 Franken pro Jahr am teuersten ist gemäss Umfrage die Schule Offside-Inside, die sich auf Kinder mit Autismusspektrumsstörungen, ADS und ADHS spezialisiert hat, aber auch Kinder mit einem besonders hohen Bedarf an individueller Förderung und Betreuung aufnimmt. Im Gegensatz zu anderen Schulen, wo die Kosten mehrheitlich von den Eltern getragen werden, sind es hier die zuweisenden Behörden und Fachstellen, welche die Finanzierung übernehmen.

Erstellt: 09.08.2019, 13:56 Uhr

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