Winterthur

«Mein Schmuck ist nicht bling-bling»

Seit Claudia Haslimann ihre Schmuck-Werkstatt eröffnet hat, ist sie rundum glücklich.

In Claudia Haslimanns liebevoll dekoriertem Geschäft gibt es allerlei zu entdecken. Foto: Marc Dahinden

In Claudia Haslimanns liebevoll dekoriertem Geschäft gibt es allerlei zu entdecken. Foto: Marc Dahinden

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Der Eckladen im Haus «zum Maienriesli» an der Metzggasse 4 hat schon einige Wechsel erlebt. Vor gut drei Jahren hat Claudia Haslimann hier ihre Schmuck-Werkstatt eröffnet. Das Geschäft ist liebevoll im Vintage-Style eingerichtet. Alte Kommoden und ein Setzkastenschrank, der früher in einer Druckerei stand, dienen als Präsentationsfläche für den Schmuck. Der Tresen, auf dem die Kasse steht, ist eine alte Tür inklusive Klinke.

Der Raum ist Laden und Werkstatt in einem. In der Ecke zwischen Eingangstür und Schaufenster steht ein grosser abgenutzter Holztisch, an dem Claudia Haslimann sitzt und ihren Schmuck herstellt. «Seit ich den Laden habe, bin ich rundum glücklich», sagt sie und strahlt. Gemütlich ist es hier, wer mag, kann neben ihr Platz nehmen, einladend stehen fellbedeckte Hocker bereit. Regelmässig veranstaltet sie hier auch Schmuck-Workshops.

Eine Frau der Tat

Nach Umwegen über Seidenmalerei, Kranzen zu Weihnachten, Stricken, Sticken, Nähen und Dekorieren ist die gelernte Krankenschwester zum Schmuckmachen gekommen. «Ich war schon immer kreativ und habe gern Schmuck, Edelsteine, Perlen, Farben und Formen gehabt.» Das Rohmaterial für Schmuck zu finden, sei aber gar nicht so einfach gewesen. Bei einem Grossisten wurde sie schliesslich fündig, allerdings hiess es: Sie dürfen nicht kaufen, nur schauen.

Der Grossist habe ihr dann geraten eine Einzelfirma zu gründen. Und weil Claudia Haslimann eine Frau der Tat ist, hat sie das umgehend gemacht. Sie dachte sich: «Entweder richtig oder gar nicht», hat Flyer gedruckt und eine Webseite aufgeschaltet. «Am 1. April vor elf Jahren habe ich bei mir daheim in Embrach Ateliereröffnung gefeiert.»

«Ich bin jeden Tag glücklich, dass ich das machen kann, was ich am liebsten mache.» 

Im Geheimen habe sie immer davon geträumt, von einem Laden leben zu können. Als alleinerziehende Mutter einer Tochter sei es aber keine einfache Sache, Ladenöffnungszeiten und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Also arbeitete sie weiter als Krankenschwester auf der Intensivstation, stellte in ihrer Freizeit Schmuck her und verkaufte ihn nebenher auf Märkten und in ihrem Atelier zu Hause.

Afropfingsten war immer eine feste Grösse in Claudia Haslimanns Jahresplan. Als sie das erste Mal mit ihrem Stand auf dem Kirchplatz statt in der Halle 53 war, kam sie am Samstag fast nicht nach mit dem Verkaufen des Schmuckes. Da habe sie das erste mal gedacht: Wenn ich je einen Laden aufmachen sollte, dann in Winterthur in der Altstadt, wo es reichlich Laufkundschaft gibt.

Noch am gleichen Abend sei eine Frau am Stand vorbeigekommen und habe gefragt, ob sie nicht Interesse an einem Ladengeschäft in Winterthur habe. Die Versuchung war gross, aber die Vernunft habe ihr gesagt: «Will ich sehr gern, aber das ist ja unrealistisch». Sie gab der Frau einen Korb, die sagte «schade» und ging weiter. «Bis heute weiss ich nicht, wer das war. Aber es war auf jeden Fall der Moment, wo sich in meinem Kopf etwas getan hat», sagt Claudia Haslimann.

Der Traum vom Laden musste jetzt Realität werden: «Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, will ich es auch mit aller Konsequenz durchziehen». Als sie auf einem Immobilienportal Bilder vom Geschäft in der Metzggasse sah, war es um sie geschehen: «Ich wusste, das ist mein Laden, obwohl ich damals noch keinen Plan hatte, wie ich es angehen soll.» Obwohl die Ablösesumme unrealistisch hoch war, vereinbarte sie einen Besichtigungstermin, und siehe da, die Vorbesitzerin halbierte die Summe, und nach allerlei Verwicklungen wurde Claudia Haslimann schliesslich glückliche Ladenbesitzerin in der Altstadt. «Für mich, ist mein Traum Realität geworden», schwärmt sie.

«Ich bin jeden Tag glücklich, dass ich das machen kann, was ich am liebsten mache.» Bei ihrer Arbeit im Spital hatte sie zwar auch viel Kontakt zu Menschen. Aber: «Da ging es oft um tragische Schicksale, und hier in der Schmuck-Werkstatt mache ich die Leute happy».

Die Kunden zu beraten und mit Ihnen zusammen nach deren Wünschen etwas zu kreieren, sei «total erfüllend». Am liebsten arbeitet sie mit Edelsteinen und Perlen, deren Natürlichkeit sie fasziniert. «Ich versuche mit meinen Arbeiten die Schönheit des Steins zu unterstreichen. Mein Schmuck ist nicht bling-bling», sagt Claudia Haslimann. Der Laden läuft gut, inzwischen beschäftigt sie sogar eine Mitarbeiterin. Den Marktstand, den sie immer noch nebenher betreibt, muss sie aus diesem Grund auch schweren Herzens aufgeben.

Pudelwohl in der Altstadt

Der einzige Wermutstropfen sei, dass sie als Ladenbesitzerin während der Märkte keinen Stand vor dem eigenen Geschäft mieten darf. «Das bedaure ich sehr, ich will den Platz ja schliesslich nicht geschenkt.» Beim letzten Martinimärt war der Platz vor ihrem Geschäft zufällig leer, und sie sei förmlich von Kundschaft überrannt worden: «Das zeigt mir, was an solchen Tagen möglich wäre». Ein Stand am Albanifest wurde ihr auch verwehrt, weil sie ja kein Verein sei. Stattdessen werde ihr der Platz vor dem Geschäft verbaut. «Aber jedes Jahr schicken sie mir wieder eine Sponsorenanfrage», sagt Claudia Haslimann nachdenklich.

In der Altstadt fühlt sich die 43-Jährige pudelwohl: «Genau der richtige Ort für mich und meinen Laden.» Winterthur habe weit über die Grenzen hinaus einen Ruf als Stadt, in der es noch viele inhabergeführte Lädeli gibt, mit schönen Sachen, die man sonst nirgendwo findet. Mit den Läden in der Nachbarschaft habe sie ein tolles Verhältnis: «Man unterstützt sich gegenseitig.»

Erstellt: 30.04.2019, 17:35 Uhr

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