Winterthur

Mit den Augen von Flüchtlingen

Beim Integrations­projekt «Fremdsehen» ­halten Flüchtlinge ihren Alltag ­fotografisch fest. Dabei ­erhalten sie Unterstützung von Winterthurer Fotografen.

«Dieses Bild von ­meinem Sohn Sina gefällt mir besonders. Er ist elf Jahre alt und wir sind seit zwei ­Jahren hier.»
<i>Maryam, 29, aus Afghanistan</i>

«Dieses Bild von ­meinem Sohn Sina gefällt mir besonders. Er ist elf Jahre alt und wir sind seit zwei ­Jahren hier.» Maryam, 29, aus Afghanistan

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Für seine Facebook-Seite Wintipix, auf der er die Stadt von ihrer schönsten Seite zeigt, ist Roger Szilagyi viel in Winterthur unterwegs. Dabei schaut er genau hin. «Mir fiel Anfang Jahr auf, dass ich immer mehr fremdländisch aussehenden Menschen begegnete», erzählt der Hobbyfotograf. Er fragte sich: Wer sind diese Leute? Und wie leben sie?

Die Idee einer Foto­reportage mit Flüchtlingen in Winterthur lag nahe. Szilagyi dachte weiter und beschloss, die Flüchtlinge gleich selbst fotografieren zu lassen. So entstand «Fremdsehen», ein Integrationsprojekt für Asylsuchende in und um Winterthur.

Schüler aus dem Deutschkurs

Seit März haben die Fotografen Milad Ahmadvand, Olaf Brachem und Roger Szilagyi sechs Asylsuchende begleitet und gecoacht, jeden Monat jeweils zwei. Die beiden Kameras hat das Geschäft Foto Pro Glattfelder gesponsert. «Für mich ist das kein Sozialprojekt, ich bin kein Sozialarbeiter», sagt Szilagyi. Er betrachte die Treffen als Fotokurs und die Flüchtlinge als Kursteilnehmer.

Für mich ist das kein Sozialprojekt, ich bin kein Sozialarbeiter»Roger Szilagyi,
Hobbyfotograf

Den Kontakt zu den Teilnehmern stellt Christa Bot her, die eng mit dem Projekt verbunden ist. Die Ethikberaterin gibt über das Solinetz Winterthur ehrenamtlich Deutschkurse. Laut Szilagyi hätten alle aus der Klasse bei «Fremdsehen» mitgemacht. Ein baldiges Ende des Projekts ist nicht geplant; Szilagyi will es vergrössern und sucht drei weitere Fotografie-Coaches.

Alles, was auf- und gefällt

Die zwei ersten Teilnehmer waren Muhammad, 25, und Mebrahtom, 20. Beide sind seit anderthalb Jahren in der Schweiz und leben in der Durchgangsstation Winterthur an der Tösstalstrasse. «Ich habe in diesem Monat viel über Fotografie gelernt und die Kamera überall hin mitgenommen», sagt Muhammad. Heute fotografiert der Afghane mit dem Handy alles, was ihm im Alltag auf- und gefällt.

«Ein ­Kollege liegt auf ­meinem Bett unter dem Poster von Jesus. Das Bild entstand in meinem Zimmer in der Durchgangs­station.»

Mebrahtom,
20, aus Eritrea

Positiv ist auch das Fazit von Mebrahtom. Er sei stolz, dass seine Bilder auf der Webseite publiziert worden seien. Jetzt, nach Kursende, will er eigentlich wie Muhammad weiterhin fotografieren. Bloss habe sein Handy leider keine Kamerafunktion.

Blog zeigt Hintergründe

Muhammad, Mebrahtom und die bis jetzt vier anderen Teilnehmer gewähren mit ihren Fototagebüchern Einblick in ihre Welt als Flüchtlinge in Winterthur. Die Bilder zeigen, was ihnen wichtig ist, und auch, wie sie sich präsentieren wollen: Motive sind das Leben im Heim, das perfekte Selbstporträt, die Kinder beim Spielen.

«Wir trafen uns abends am ­Hauptbahnhof und machten viele ­Bilder. Ich habe meinem Freund ­Fahrid genau gesagt, wie er mich  fotografieren soll.»

Muhammad, 
25, aus Afghanistan

Die Coaches dokumentieren ihrerseits die Treffen mit Bildern in einem Blog. Auch seine Fragen, die am Anfang des Projekts «Fremdsehen» standen, wurden beantwortet, sagt Szilagyi: Dank des Vertrauens der Teilnehmer habe er sie von nahem kennen lernen dürfen.

www.fremdsehen.com

Erstellt: 26.05.2017, 14:10 Uhr

Roger Szilagyi ist Initiant des Projekts «Fremdsehen».

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