Winterthur

Mit den Neuen in der Altstadt

Die Stadt wächst jedes Jahr um bis zu 1500 Personen. Die Neuen sind begeistert von ihrem Zuhause – trotz hohem Steuerfuss. Doch der Stadtpräsident wünscht sich ein langsameres Bevölkerungswachstum.

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Stau vor dem Rathaus. Einer gibt dem anderen die Klinke in die Hand. Eine Gruppe geht hoch, will den Sitz des Grossen Gemeinderats sehen, eine andere steigt die Treppen herunter. Es ist Samstagmittag; zwölf Gruppen wuseln durch die Altstadt.

«Mehr als die Marktgasse kannte ich nicht»

Vor den jeweils rund 35 Leuten schreitet eine Person in einer knallig roten Jacke. «Winterthur Tourismus» steht darauf. Es sind keine Touristen, die sich die Altstadt anschauen. Die rund 400 Personen sassen eben noch im Stadthaus. Stadtpräsident Michael Künzle hat sie offiziell in der Stadt willkommen geheissen. Neuzuzügertag.

Der komplette Stadtrat, Präsident und Vizepräsidentin des Parlaments: Künzle stellt alle kurz vor. Sängerinnen und Sänger des Musikkollegiums sangen um die Wette. Klänge aus verschiedenen Erdteilen, dazu Töne aus dem Flügel. Ein Musiker trommelte auf die Holzkiste, auf die er seinen Hintern platziert hatte. Das Instrument: ein Cajon.

Die Stadtführung für die Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger geht weiter. Nächste Station: Marktgasse. «Mehr als diese Strasse kannte ich vorher nicht», sagt Yinru Eugster, schwarze Haare, asiatische Züge. Ihrer Gruppe wird die Stadt auf Englisch erklärt, doch sie spricht ein fast perfektes Hochdeutsch. Früher lebte sie im Tösstal, stieg in Winterthur um, wenn sie zur Arbeit nach Schaffhausen fuhr. Jetzt wohnt sie im Neuwiesenquartier. «Winterthur ist zentral – aber nicht so busy wie Zürich.»

Eine nette Stadt

Annika Obermeier zog wegen ihres Freundes zu. Auch sie wohnt bahnhofsnah und schätzt die guten Verkehrsanbindungen, weil sie in Zürich arbeitet. In Winterthur zu wohnen, findet sie schön. Nur einen See, den vermisst die ehemalige Darmstädterin.

Zwei Gassen weiter, wieder eine Gruppe. Martin Fleckenstein, Arzt, ursprünglich aus München, kam wegen der Arbeit. Winterthur sei eine nette Stadt, sagt er. «Das Flair spürt man gleich, wenn man aus dem Bahnhof kommt.» An den Wochenenden geht er meistens nach München.

Hoher Steuerfuss

Die Neuzuzüger sind sich einig: Der Steuersatz ist zwar hoch, doch die Stadt bietet auch etwas dafür. «Ich wollte schon lange nach Winti», sagt Eveline Bühler. Musikfestwochen, Pizza im Don Camillo, mit dem Velo ins Kino – das gefällt der ehemaligen Rorbaserin. Und auch dass die SP so stark ist. Von dem vielen Grün in und um die Stadt schwärmen sie alle.

«Im Tösstal kann man wunderbar wandern», sagt Pastor Ulrich Kunz. Früher predigte er im Kanton Bern, heute in einer Freikirche in Winterthur. Was gefällt ihm sonst noch? «Man grüsst sich. Die Leute haben Zeit und reden miteinander.» Nur die Berner Alpen vermisse er. «Immerhin kann ich sie vom Eschenbergturm aus der Ferne sehen.»

Stadt will mehr Reiche

Die Neuen, die durch die Altstadt schlendern, werden gerade Teil einer grossen Gemeinschaft. Einer schnell wachsenden Gemeinschaft: «Jedes Jahr haben wir 1200 bis 1500 Leute mehr», sagt Stadtpräsident Künzle ge­gen­über dem «Landboten». Die Stadt sei attraktiv: Industriecharme, gute Verkehrslage, hohe Lebensqualität. Und in keiner Stadt gebe es so viel hochwertige Kultur auf so engem Raum. So fasst Künzle die Vorzüge zusammen, die neue Einwohner anlocken.

Der Stadtpräsident freut sich über die vielen neuen Winterthurer – doch das Wachstum geht ihm etwas zu schnell. Mehr Einwohner brauchen mehr Schulhäuser, mehr Strassen. Das kostet Geld. Um das alles zu finanzieren, fehlten der Stadt die «sehr guten Steuerzahler».

Damit diese angelockt werden, wünscht sich Künzle ein grösseres Angebot an Wohnungen im oberen Preissegment. Doch das Thema ist ein heisses Eisen: Viele wünschen sich günstigere Mieten – nicht teurere. «All die Stefanini-Liegenschaften bieten das ja an», sagt der Stadtpräsident. (Landbote)

Erstellt: 16.03.2016, 11:47 Uhr

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