Winterthur

Mit viel Anlauf nach ganz oben

Annetta Steiner gilt als «typisch grünliberal», bei den Finanzen hart, beim Verkehr und bei der Energie grün. Als Stadtpräsidentin oder Stadträtin sähe sie sich als Vermittlerin zwischen den Polen. Doch sie eckt mitunter auch an.

Der Skills-Park steht für Annetta Steiner für das Erfolgsmodell, mit dem Winterthur auch in Zukunft punkten kann: Der Staat macht den Weg frei, damit private kreative Köpfe ihre Ideen umsetzen können.

Der Skills-Park steht für Annetta Steiner für das Erfolgsmodell, mit dem Winterthur auch in Zukunft punkten kann: Der Staat macht den Weg frei, damit private kreative Köpfe ihre Ideen umsetzen können. Bild: Madeleine Schoder

So tritt sie auf: Rote Backen von der frischen Winterluft hat Annetta Steiner, als sie im Skillspark eintrifft. Den 20-minütigen Spaziergang von zu Hause aus hat sie gerne gemacht. «Ich brauche die Bewegung», sagt sie. Blinzelnd putzt sie sich die angelaufene Brille. Der Eindruck: Natürlich tritt sie auf, unprätentiös und ohne Allüren zu zeigen. Vielleicht etwas zu bescheiden fast?

Man bedenke, dass sie den omnipräsenten Stadtpräsidenten Michael Künzle (CVP) vom Sockel stossen will. Ihm wirft sie beim Thema städtische Pensionskasse lediglich «Unbedarftheit» vor, weil er die Sanierung zu lange vor sich her geschoben habe. Sie flüstert die Kritik beinahe. Andere hätten «naiv» oder «fahrlässig» gesagt. Aber Steiner spielt nicht gerne auf den Mann oder die Frau.

Natürlich tritt sie auf, unprätentiös und ohne Allüren. Vielleicht etwas zu bescheiden fast?

Auch im Gemeinderat bleibt die Finanz- und Verkehrspolitikerin in ihren Voten betont sachlich, und dennoch wird sie gehört. Die stille Schafferin ist auch gerne unter den Leuten: Als langjährige Spielerin, Ex-Präsidentin und aktuell Geschäftsführerin des Unihockey Spitzenteams Red Ants ist sie in der Sportlerszene gut vernetzt.

Damit punktete sie:Das Dossier «Sanierung der städtischen Pensionskasse» hat Steiner zuletzt mit zwei Vorstössen vorangetrieben. Damit hat sie in einem Geschäft für mehr Transparenz gesorgt, für das der Stadtrat zuletzt 144 Millionen Franken zurückgestellt hat.

Sie verlangte, dass der Stiftungsrat die möglichen Szenarien einer Senkung des Zinssatzes aufzeigt, und der Stadtrat nun anhand einer Offerte von der Pensionskasse BVK aufzeigen muss, welche Vor- und Nachteile ein Anschluss an diese Pensionskasse mit sich brächte. Den BVK-Vorstoss würden andere vielleicht auch kritisch beurteilen. Ein Finanz-Experte taxierte einen möglichen Anschluss an die grösste Pensionskasse der Schweiz als «nicht durchdacht».

Im Gemeinderat war das Postulat aber recht breit abgestützt. Steiner bleibt an den Dingen dran, gilt als dossierfest und vor allem als engagiert. Auch deshalb leitet sie seit 2014 die Aufsichtskommission und wird als Vize-Präsidentin des Parlaments bald höchste Winterthurerin, sollte sie den Sprung in den Stadtrat verpassen.

Damit eckte sie an: Das Etikett der Technokraten-Partei haftet hartnäckig an der GLP, spätestens, seit sie 2013 den Sparantrag stellte, das Budget pauschal um 0,6631 Prozent zu kürzen. Auf Häme stiess im Rat kürzlich Steiners Vorstoss, in dem sie «Gebührenreduktion durch eine Effizienzsteigerung von durchschnittlich 10 Prozent» forderte – und scheiterte. Dass ihre Partei auch in Winterthur oft etwas isoliert dasteht, konnte auch Co-Präsidentin Steiner nicht ändern.

«Ich bin eine Teamplayerin, die Einsatz verlangt, aber dabei motiviert und antreibt.»Annetta Steiner

Den Grünen ist die GLP zu wenig grün, der FDP zu wenig liberal. Die Linke misstraut ihr als «sozial kalte Sparerpartei», beispielsweise, weil sie 2014 für die Streichung der Gemeindezuschüsse für AHV und IV gestimmt hatte (was später an der Urne mit 68 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt wurde). Zuletzt zeigten sich die Grünliberalen aber konziliant.

Den Entscheid, beim Departement Soziales personell aufzustocken, trugen sie beispielsweise mit. Doch gewisse Krusten scheinen zu dick zu sein, um sie zu durchbrechen. Nicht einmal ihr Win4-Geschäftspartner Jürg Hofmann (Pfadi Winterthur) unterstützt sie. Er sitzt im Wahlkomittee von Josef Lisibach (SVP).

Das muss man wissen: Annetta Steiner arbeitete 17 Jahre lang bei Pusch, der Stiftung für praktischen Umweltschutz Schweiz, davon 13 Jahre in der Geschäftsleitung. Seit 2010 ist sie selbstständig und berät als Umweltkommunikatorin Städte bei den Themen Energie und Recycling.

Im Sport ist Steiner bei den Unihockey-Frauen der Red Ants – lange das nationale Spitzenteam – seit Jahren engagiert. Als Spielerin, zehn Jahre als Präsidentin und heute noch als Geschäftsführerin. Sich ehrenamtlich einzusetzen, ist für Steiner eher Pflicht als Kür.

Wer selbstgefällig die hohle Hand macht, ist ihr suspekt. Dass sie bei einem möglichen lokalen Flagship-Projekt wie dem Sportcenter Win4 als Vewaltungrats-Mitglied aufgesprungen ist und viel Geld investiert hat, passt ins Bild, und auch, dass sie fürs Foto-Shooting den Skillspark gewählt hat.

Steiner sieht die Rollenverteilung zwischen Staat und Privaten aus der klassisch liberalen Warte: Zeige Goodwill und schaffe günstige Rahmenbedingungen, dann lockst du auch Visionäre in eine Stadt, die zwar kein Geld, aber Potenzial hat. Günstigen Baurechtszinsen (wie bei Win4), zinslose Darlehen und wenig Auflagen sind für sie probate Mittel. Der Rest, ist sie überzeugt, ensteht von unten nach oben. Der Startup-Szene, müsse die Stadt einfach eine «coole Umgebung» zur Verfügung stellen, damit ein neuer Hub zu brummen anfinge.

Dass ihr Herz grün schlägt, zeigte Steiner in Vorstössen zur Biodiversität und in kompromisslossen Bekenntnissen zur 2000-Watt-Gesellschaft. Auch verkehrspolitisch tickt sie grün, sie sitzt im Vorstand des Zürcher VCS. Privat ist Steiner ein Naturmädchen. Sie klettert und wandert gerne und geht Skitouren, wenn sie nicht gerade Vögel beobachtet. Die 53-Jährige lebt zusammen mit ihrer Partnerin im Quartier Seidenstrasse.

Auch die facebook-Beiträge zeugen von Annetta Steiners Naturverbundenheit.

Das sagt sie über sich selbst: Auf ihrer Webseite schreibt Annetta Steiner von «miteinander anpacken», der «Bildungsstadt» und «dass wichtige soziale Aufgaben oft nicht an den Staat delegierbar» seien. Im Gespräch betont sie immer wieder, dass sie im Stadtrat eine Teamplayerin und Motivatorin sein wolle, damit dieser nach aussen wieder geschlossener auftrete und mit einer Stimme spreche. Man nimmt es ihr ab.

Aber Steiner macht auch Ansprüche geltend: «Wir Grünliberalen sind die drittstärkste Partei und vertreten die Mitte, die heute im Stadtrat nicht mitregiert.»

Das sagen die anderen: Als «typisch grünliberal» bezeichnet sie Steiners Kommissionskollege Urs Hofer (FDP): «In Finanzfragen nah bei uns, bei der Umwelt- und Verkehrspolitik weit weg». Grundsätzlich politisiere sie zwar sachlich. «Aber sie ist mit dem Herz dabei und kann deshalb auch emotional reagieren.» Auch für Gemeinderätin Maria Sorgo (SP) ist Steiner als Sparpolitikerin «typisch GLP».

«Typisch GLP»

Oft wolle sie jedes Details eines Geschäfts wissen. Dass sei zwar löblich. Aber gleichzeitig dauere es oft lange, bis sich Steiner auf eine Position festlege, beispielsweise bei der Diskussion um die Erhöhung des Steuerfusses vor zwei Jahren. «Das macht die Zusammenarbeit nicht immer einfach.»

Wie urteilt die politische Mitte? Ebenfalls zwiespältig. «Engagiert» sei Steiner, und setze sich auch konsequent für Frauenanliegen ein, sagt Barbara Huizinga (EVP). «Manchmal wünschte ich mir etwas mehr Feingespür, Kompromissbereitschaft und einen Blick nach links und rechts.» Es gibt zudem Stimmen, die sagen, Steiner wirke bei Sitzungen manchmal «fast etwas chaotisch».

Das bleibt in Erinnerung:Im Gemeinderat ist Steiner eine geschätzte und respektierte Mitte-Politikerin. Man kennt ihr Gesicht, doch als schillernde Figur trat sie öffentlich bisher kaum in Erscheinung. Als Stadtratskandidat standen ihr erst Beat Meier und vor allem Michael Zeugin vor der Sonne, lange das bekannteste Gesicht der GLP.

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Annetta Steiner. Video: hit/huy

(Der Landbote)

Erstellt: 29.12.2017, 11:31 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in den nächsten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Annetta Steiner (GLP).

Smart-Spider-Profil

Grünliberale mit leichtem Linksdrall

«Typisch grünliberal». Dieses Etikett heften die Ratkollegen Annetta Steiner auf Anfrage an – und tatsächlich: Steiners Smart-Spider-Profil ist praktisch deckungsgleich mit demjenigen der GLP bei den Kantonsratswahlen 2015.

Wenn, dann gehört sie eher zum linken Parteiflügel. In der Sozial- und Sicherheitspolitik ist sie etwas milder und beim Umweltschutz einen ganzen Ring grüner. Steiner ist zum Beispiel für eine autofreie Stadthausstrasse, für mehr 20er- und 30er-Zonen und dafür, dass Stadtwerk nur grünen Strom.

Sie vertritt gesellschaftsliberale Positionen und ist für eine Frauenquote in der städtischen Verwaltung, aber nicht generell für mehr staatlichen Dirigismus: Sie ist für die Auslagerung des Theaters und von Stadtwerk.

Bei KSW und IPW sagt sie in dieser Frage «eher ja». Finanzpolitisch ist sie relativ strikt: Für Winterthur würde sie eine Schuldenbremse einführen und die Senkung des Steuerfusses für 2018 hat Steiner mitgetragen.

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