Übergabe

Mr. Stadtglüüt tritt ab

Am Neujahrstag erklingt zum fünften Mal das Stadtglüüt auf den Kirchplatz. Die weltweit einzigartige Klanginstallation stammt zum letzten Mal von Klaus Grimmer; ein Nachfolger steht jedoch bereit.

«Rambazamba»-Verbot auf dem Eschenbergturm; da komponierte Klaus Grimmer halt für den Kirchplatz.

«Rambazamba»-Verbot auf dem Eschenbergturm; da komponierte Klaus Grimmer halt für den Kirchplatz. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mal klingt es wie Kühe auf der Weide, dann wieder wie Sternenstaub, der flirrend zur Erde schwebt. Doch auch lüpfig, jazzig oder sogar rockig können die rund zehn «Stadtglüüt»-Stücke klingen, mit denen seit 2014 das neue Jahr begrüsst wird. Dabei stammen sie nicht einmal von «richtigen» Instrumenten: Toningenieur und Klangtüftler Klaus Grimmer verwendet für seine Kompositionen Aufnahmen, die er von den 69 Winterthurer Kirchenglocken gemacht hat. Da er allein damit nicht die ganze Tonleiter abdecken könnte, werden einige Originalklänge elektronisch «umgestimmt» (und manchmal dürfen auch Gastglocken mitklingen). Verschiedene Klangfarben ergeben sich zudem daraus, ob die Glocken per Klöppel (Geläut) oder mittels Hammer (Stundenschlag) zum Klingen gebracht wurden.

Im Wald unwillkommen

Was als Projekt der Kirchen im Rahmen der 750-Jahr- Feier begründet wurde, hat sich innert fünf Jahre zu einer Tradition etabliert. Dabei wäre es anfänglich beinahe gescheitert: «Zuerst schwebte mir eine Klanginstallation auf dem Eschenbergturm vor», erzählt Grimmer. «Doch die Jagd- und Fischereiverwaltung verweigerte die Bewilligung: Man wolle im Wald kein Rambazamba.» Dank einer Zusammenarbeit mit den Winterthurer Kirchen konnte die Idee gerettet und als «Stadtglüüt» unter idealen Bedingungen realisiert werden: «Ich stiess überall auf offene Türen, durfte sämtliche Kirchtürme besteigen und die Glocken aus allen möglichen Winkeln aufnehmen», erinnert sich Grimmer dankbar.

Als nach dem Stadtjubiläum ein Überschuss von 25 000 Franken blieb, wurde nach einem Projekt gesucht, das damit längerfristig unterstützt werden sollte. Das «Stadtglüüt» erhielt den Zuschlag, damit es sich als Neujahrstradition etablieren konnte. Denn diese mehrkanalige Klanginstallation hatte grossen Anklang gefunden und ist zudem weltweit einmalig.

Leiden, bis es klingt

Nun wird dieses fünfte Stadtglüüt für Klaus Grimmer das Abschiedskonzert sein: Er hat sich entschieden, sein «Baby» danach weiterzugeben. «Es steckt sehr viel Arbeit dahinter: In jede der jeweils fünf bis sechs neuen Kompositionen investiere ich rund zwei Wochen Zeit», sagt er. «Auch werde ich älter und will die ganze Verantwortung nicht mehr tragen.» Zudem gehe er für jede Produktion «durch Himmel und Hölle»: «Ich hinterfrage meine Arbeit jeweils stark: Ist es zu banal oder zu schräg? Was halten professionelle Musiker davon – und was die Helene-Fischer- Fans?»

Schliesslich sei es auch gut, wenn eine neue Person einen neuen Stil und einen eigenen Drive hineinbringt. Was bei Nachfolger Kilian Deissler sicher der Fall ist, hat er sich doch als Komponist für Theater und Bühnenmusik, Sänger und Instrumentalist einen Namen gemacht. Man darf also gespannt sein.

Der Schalk im Ohr

Was hat Grimmer damals eigentlich auf die Idee mit den Glocken gebracht? «Sie kam mir, als ich für die Vernissage eines befreundeten Künstlers eine Klanginstallation machen sollte», erzählt er, «Ich musste mich dann aber erst mal mit verschiedenen Arten von Glocken und ihrem Klang auseinandersetzen.» Und wie komponiert er seine Stücke? «Mal basieren sie auf einer szenischen Idee, mal auf Phantasien, die mir beim Spazieren in Form eines Rhythmus, einer Melodie oder eines ‹Cheerli› in den Sinn kommen.» Gelegentlich verwertet er auch Ideen, die in seinem Fundus lagern. Oder es reizt ihn die technische Herausforderung, etwa einen «Klangschleier» von den Kirchtürmen herunter schweben zu lassen.

Denn dem Toningenieur in Grimmer war es immer auch wichtig, mit aufwendigen Mehrkanalproduktionen einen «Klang-Raum», ein räumliches Klang-Erlebnis, zu schaffen: So ist ein Stereo-Lautsprecherpaar auf der Stadtkirche platziert, weitere vier Paare sind räumlich verteilt auf dem Kirchplatz angeordnet. Damit er «den Eulenspiegel mit seiner schellenbesetzten Narrenkappe akustisch um den Kirchplatz rennen lassen» kann. Denn nicht selten sind die Kompositionen von Klaus Grimmer auch von seinem Schalk geprägt. (Landbote)

Erstellt: 28.12.2017, 16:43 Uhr

«Stadtglüüt 5»

1. Januar 2018, 15 Uhr, Kirchplatz Winterthur

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben