Winterthur

«Musik und Politik lassen sich nicht trennen»

Die 42-jährige Zürcher Rapperin Franziska Schläpfer alias Big Zis tritt mit neuen Songs im Kraftfeld auf. Das Muttersein hat ihre Sicht auf die Welt verändert.

Die Rapperin Franziska Schläpfer ist in Winterthur aufgewachsen. Foto: Ona Pinkus

Die Rapperin Franziska Schläpfer ist in Winterthur aufgewachsen. Foto: Ona Pinkus

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Frau Schläpfer, Sie stehen politisch links, waren in den 1990er-Jahren in der Zürcher Hausbesetzer-Szene aktiv. Seit dem Song «Hyphe Myzel Hype» von 2017 arbeiten Sie mit dem Hitproduzenten Fred Hermann zusammen, der auch die Musik von Bligg und Baschi produziert. Wie kam es dazu und was haben Sie sich davon versprochen?
Als wir uns vor ein paar Jahren kennenlernten, merkten wir, dass wir uns sehr gut verstehen, auch politisch. Wir wollten einfach zusammen gute Musik machen. Wenn das geht und sich die Arbeitszeit sich nicht wie Arbeit anfühlt, dann ist es gut, mehr sollte man nicht erwarten.

Im Vergleich zum vielseitigen, experimentellen «Hyphe Myzel Hype» mit seinen elektronischen Sounds wirken die Rhythmen auf dem neuen Mini-Album «Béyond», einer sogenannten EP, geradliniger und eingängiger. Es sind fünf fröhliche Songs geworden. War das auch die Absicht?
Wir haben uns keine ausformuliertes Ziel gesetzt, sondern wollten einfach Musik machen, die uns beiden gefällt und zu der man auch tanzen kann.

«Winterthur ist in den letzten Jahren schicker geworden.»

Bei drei der fünf neuen Videoclips haben sie selbst Regie geführt. Darin wird viel getanzt. Aber anders als bei «Wott nur tanze» von 2007 mit seiner Video-Game-Ästhetik findet das nun draussen auf der Strasse statt. Man könnte sagen, die Videos sind direkter und ungeschminkter geworden. Sehen Sie das auch so?
Ich weiss nicht, ich reflektiere weniger über meine Musik, aber ich finde es interessant, wenn mir die Leute ihre Beobachtungen mitteilen. Den Clip zu «Hang» wollte ich so unkompliziert wie möglich machen, weil ich da kurzfristig die Regie übernahm. Die Idee war, an eine Strassenecke zu gehen und einfach zu tanzen. Es ist dann doch ein bisschen anders gekommen.

Die fertigen Clips wirken dann doch immer aufwendig. Was gibt mehr zu tun, die Songs oder die Videoclips dazu?
Gefühlt sind es die Clips. Obschon sich die Arbeit daran nicht über eine lange Zeit hinweg erstreckt. Die Produktion und den Schnitt machen wir «zack-zack-zack», aber es sind in der Regel viel mehr Leute daran beteiligt. Das geht auch fast nicht anders. Musst du es alleine machen, dann kollabierst du und es fehlt der kreative Austausch.

Sie sind in Winterthur aufgewachsen, letztes Jahr sind Sie im Rahmen der Lesereihe «Lauschig» hier aufgetreten. Wie hat sich die Stadt verändert?
Es ist schicker geworden.

Was meinen Sie damit?
In den vergangenen zwanzig, fünfundzwanzig Jahren wurde alles aufgemotzt. In Zürich ist das extrem, aber man kann es auch in Winti beobachten, wenn hier auch sicher nicht soviel Geld vorhanden ist wie in Zürich. Es gibt weniger rauhe Ecken, man hat das Gefühl, jede Fassade wurde in den letzten drei Jahren renoviert. Es sieht alles aus wie neu. Im Chrugeler-Quartier hinter dem Zentrum Töss, wo ich die ersten paar Jahre aufgewachsen bin, merkt man es auch. Dort wohnten früher eher Leute mit wenig Geld, mittlerweile wirkt alles sehr aufgewertet. Nachher zogen wir ins Neuwiesen-Quartier an die Tellstrasse, dann an die Rundstrasse. Von dort aus zog ich nach Zürich.

War das ein bewusster Akt?
Ja.

Warum?
Winterthur war mir zu klein. Und ich wollte Häuser besetzen. In Winterthur waren wir da nicht so gut organisiert. In Zürich gab es das Wohlgroth-Areal. Inzwischen lebe ich länger in Zürich als ich davor in Winti wohnte, aber hier habe ich meine Jugend erlebt.

Seit 2012 kamen drei EPs heraus, nun also die vierte. Gibt es auch wieder einmal ein richtiges Album? Das letzte erschien 2010.
Ja, vielleicht, das wäre cool, aber nicht im nächsten halben Jahr. Denn es braucht schon mehr Zeit, und ich habe, denke ich, im Moment zu wenig Geduld dafür. Und wegen meinen drei Kindern kann ich nicht so intensiv an einem Album arbeiten. Daher sind EPs ideal, du bringst etwas Neues heraus, das im besten Fall doch so etwas wie einen Faden hat, aber du brauchst nicht zwei Jahre dafür.

Wie hat Ihr Muttersein Ihre Sicht auf die Welt verändert?
Ich habe begriffen, wie hart es ist für all die anderen Mütter und Väter, wieviel unbezahlte Arbeit damit verbunden ist. Im Bereich der Erziehung und Pflege wird viel unterbezahlte Arbeit geleistet, in den meisten Fällen von Frauen. Dafür bin ich jetzt mehr sensibilisiert. Es ist eigentlich traurig, aber sobald etwas einen wirtschaftlichen Mehrwert hat, kann man damit argumentieren. Somit müsste man erklären: Jede Marktwirtschaft kommt an ihr Ende, wenn keine neuen Konsumentinnen und Konsumenten und Arbeiterinnen und Arbeiter mehr nachrücken. Das Zeugen und Aufziehen von Kindern, aber auch der Zuzug von Flüchtlingen und Ausländern gibt dem Wirtschaftsstandort eine Zukunft.

Kultur gilt auch als Wirtschaftsfaktor.
Der Wert der Kunst geht weit darüber hinaus. Aber es ist halt das, was sich einfach messen und mit Zahlen belegen lässt.

Welche Bedeutung haben Ihre politischen Ansichten für Ihre Musik?
Für mich lassen sich die beiden Dinge nicht trennen. Welche politische Gesinnung meine Zuhörerinnen und Zuhörer haben, ist mir jedoch egal.

Sie wollen nicht missionieren.
Das mache ich wahrscheinlich schon. Aber das heisst nicht, dass ich jemanden bevormunde. Wie ich es meine und schreibe, ist es politisch gemeint, es kann aber natürlich vom Publikum ganz anders verstanden werden. Das ist auch gut so.

Ihre Rhymes enthalten zwar Botschaften, gleichzeitig sind sie komplex.
Genau, man findet keine Aussagen wie «Fuck SVP». Solche Botschaften finde ich auch okay, aber es ist nicht meine Art.

Big Zis: Donnerstag, 21 Uhr, Kraftfeld, Lagerplatz. EP: Béyond (Blonk).

Erstellt: 26.03.2019, 15:01 Uhr

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