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Nach 32 Jahren die Firma verschenkt

Christian Hagmann reicht das Rakel weiter: Per Anfang Jahr hat er seine Siebdruckerei auf dem Schleife-Areal seiner Mitarbeiterin vermacht. Ein Rückblick auf drei Jahrzehnte Siebdruck, auf Verbotsschilder für finnische Züge und H. R. Giger

32 Jahre Siebdruck liegen hinter Christian Hagmann. Zeit für den Winterthurer sich zu verabschieden.
32 Jahre Siebdruck liegen hinter Christian Hagmann. Zeit für den Winterthurer sich zu verabschieden.
Johanna Bossart
Mit 57-Jahren reicht Hagmann das Rakel weiter. Seine Nachfolgerin wird Mitarbeiterin Karin Wiesendanger.
Mit 57-Jahren reicht Hagmann das Rakel weiter. Seine Nachfolgerin wird Mitarbeiterin Karin Wiesendanger.
Johanna Bossart
Bereits hergestellte Broschüren, Bücher oder Aufkleber erhalten beim Siebdruck einen veredelnden 'Finish'.
Bereits hergestellte Broschüren, Bücher oder Aufkleber erhalten beim Siebdruck einen veredelnden 'Finish'.
Johanna Bossart
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Nicht jede Schatztruhe ist verschlossen: Im Büro von Christian Hagmann liegen die Memorabilien aus 32 Jahren Siebdruck offen herum – Plakate, Kunstdrucke, Etiketten, Kleber. Auf dem Mustertisch ist kaum mehr Platz frei, obschon er sich über die halbe Flanke des hellen Raums im Industriebau zieht.

Fragt man nach seinen Lieblingsstücken, mischt sich Begeisterung in das sonst eher zurückhaltende Auftreten des 57-Jährigen. Hagmann nimmt die diesjährige Weihnachtskarte einer Zürcher Werbeagentur zur Hand, ein Stammkunde seit vielen Jahren. «Schauen Sie mal», sagt er und deutet auf das Material: Ein Blütenpapier, das sich im Topf auflöst und in Blumen verwandelt. Auch auf Wandtafelfarbe hat er für die Agentur schon Grüsse gedruckt. Der Text lässt sich wie Kreide abwischen, das Kärtchen bleibt als Notiztafel zurück. Papier, das Schiefer imitiert eben.

Geschäftsmodell Veredelung

Schnell wird deutlich: Siebdruck ist die Haute Couture der grafischen Branche. Fast alles ist machbar, aber nicht für den Massenmarkt. «Wir können theoretisch mit fast allem drucken», sagt Hagmann. «Zum Beispiel mit Schokolade.» Fürs Geschäft entscheidend sind aber vor allem Lacke und Spezialfarben. «Unser Hauptgeschäft sind Veredelungen», sagt Hagmann. Im Rollenoffset hergestellte Broschüren, Bücher oder Aufkleber erhalten im Siebdruck ein «Finish»: der Kunstledereinband eines Think-Tank-Berichtes wird mit Leuchtfarbe bedruckt, das Immo-Monitoring einer Beratungsfirma mit porösem Lack.

«Wir können mit fast allem drucken – zum Beispiel auch mit Schokolade.»

Oft arbeite man mit wertvollem Ausgangsmaterial, sagt Hagmann. Umso mehr gelte es aufzupassen. «Was man kaputt macht, muss man zahlen.» Das Druckrakel, mit dem die Farbe verteilt wird, muss also richtig eingestellt, die Farbe in der richtigen Konsistenz gemischt werden – eine Tüftelei. Das Schlimmste, was er je habe bedrucken müssen, sei Wurstpapier gewesen, sagt Hagmann. Aber auch mit Schleifpapier hatte er seine Mühe. Wiederholt riss das Sieb ein.

Der Zürcher Berater

Ein guter Siebdrucker braucht Erfahrung, Sorgfalt und Ausdauer. Er sei immer ein Mensch gewesen, der gerne akkurat gearbeitet habe, erzählt Hagmann, schon in jungen Jahren. Im Siebdruck konnte er diese Eigenschaft ausleben. Dabei war der Beruf nicht seine erste Wahl. «Ich wollte Fotograf werden», sagt er. Aber die Eltern forderten etwas Solideres.

Ein Zürcher Berufsberater brachte ihn schliesslich auf die Idee: Hagmann entschied sich für eine Siebdruckerlehre, mit Mitte 20 gründete er seine eigene Firma, zusammen mit einem Partner, der später ausstieg. Sechs Siebdruckereien gab es in Winterthur damals. Heute sind es noch zwei.

Er habe Höhen und Tiefen erlebt, sagt Hagmann. «Ich konnte aber immer vom Siebdruck leben.» Über die letzten Jahre sei die Nachfrage recht stabil gewesen. Nebst ihm selbst arbeiteten im Atelier zwei Lehrlinge sowie eine Siebdruckerin im Teilzeitpensum mit. Seit 2013 ist das Karin Wiesendanger – und sie ist es auch, die Anfang Januar offiziell seine Nachfolge angetreten hat. Das Inventar der Druckerei hat ihr Hagmann geschenkt. Eine Geste, die er herunterspielt: «Ich hätte sonst doch auch Aufwand gehabt mit der Verwertung.» Einen gedruckten Vertrag haben die beiden nicht. Er sei eher der Handschlagtyp, sagt Hagmann.

Das Glück einer Erbschaft

Die Firma behält seinen Namen, wird aber unter das Dach einer GmbH gestellt. Hagmann wird Wiesendanger im ersten Jahr noch beraten, vor allem bei der Kalkulation der Preise. Auch sonst zieht er sich nicht ganz ins Privatleben zurück, sondern beginnt noch einmal etwas Neues. Er verwaltet in Zukunft das Hagmann-Areal, eine Grossüberbauung, die er zusammen mit seinem beiden Geschwistern auf geerbtem Familienland nahe beim Bahnhof Seen erstellen lässt. «Ich habe grosses Glück, dass ich das machen darf», sagt er.

Er habe seinen Berufsentscheid nie bereut, sagt Hagmann. Aber der Beruf sei schon sehr streng und zeitraubend, oft habe er bis in die Nacht oder am Wochenende gearbeitet. Der Termindruck sei heute noch einmal gewachsen. «Bis wann ist das möglich?» Diese Frage höre man immer öfter. Andererseits tun sich neue Geschäftsfelder auf, etwa mit Beschriftungen für öffentliche Bauten, die direkt vor Ort gedruckt werden. Hier macht der Siebdruck den Schriftenmalern Konkurrenz. Dieses Angebot will Wiesendanger, ursprünglich gelernte Schriftgestalterin, ausbauen.

Gigers Überbleibsel

Am Mustertisch nimmt Hagmann ein paar blaue Schildchen. Darauf in Bilder verpackte Verbote wie «Kein Schnaps!», «Keine Hunde!». «Die haben wir für Stadler Rail gemacht, für finnische Züge», erzählt er.

Es sind diese kleinen, praktischen Drucksachen, die ihm am meisten Freude machen. Dass er daneben auch Kunstdrucke gemacht hat, lässt Hagmann aussen vor. Es braucht etwas Überredung, bis er einer Serie von Bildern von H.R. Giger/Martin Schwarz hervorholt. Der Schweizer Surrealist hat ihm die Drucke freundlich überlassen. Pläne damit hat Hagmann nicht. «Ich lasse sie in der Schublade mit den Belegen, wie alles, was ich in den Jahren gemacht habe.»

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