Winterthur

Nachts holt er die Trottis von den Strassen

Spät abends werden die E-Trottinette in der Stadt gesammelt und aufgeladen. Grosse Defekte gebe es selten. Dafür musste Logistiker Youssef Schneider für einen Scooter schon einmal bis in den Thurgau fahren.

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«Nach fünf Metern rechts abbiegen. Das Ziel befindet sich auf der linken Seite», meldet das Navigationsgerät. Das «Ziel» ist in diesem Fall ein rotes E-Trottinett. Auch wenn es stockdunkel ist, findet Youssef Schneider den leuchtend roten Voi-Scooter in der vollgestopften meterlangen Velokolonne an der Rudolfstrasse schnell. ^

Er öffnet seine «Hunter»-App und scannt den QR-Code auf dem Lenker des Trottis. Dann lädt er es ins Auto. Nummer eins ist geschafft, 13 weitere E-Scooter werden an diesem Abend folgen.

Schneider ist Geschäftsführer eines Transportunternehmens mit Sitz im Kanton Zug. Zusammen mit zwei Angestellten arbeitet der 35-Jährige für das Winterthurer Startup Sweeep Tech, das die E-Scooter des schwedischen Anbieters Voi in Winterthur verwaltet.

Musikfestwochen steigern die Nachfrage

Insgesamt sind, wie bei den zwei Konkurrenten Circ und Bird, immer etwa hundert Trottis in der Stadt im Umlauf. Jeden Abend holt diese ein Sammler in der Stadt, bringt sie ins Lager zurück, um die Batterien zu laden. Dabei werden nicht alle, sondern nur diejenigen Scooter gesammelt, deren Akku praktisch leer sind, um bei der Logistik zu sparen.

«Letzte Woche mussten wir zu zweit 70 Scooter einsammeln.»

Auch sein Einzugsgebiet hat Voi deshalb bewusst begrenzt: Im Westen auf Höhe Schützenwiese, im Süden bis hin zum Quartier Breite und im Norden bis zur Rychenbergstrasse. Doch die Trottis werden auch ausserhalb davon abgestellt, was eigentlich nicht erlaubt wäre.

In St.Gallen versucht es Voi daher mit einer Art Lenkungsabgabe: Die Startgebühr ist mit zwei Franken doppelt so hoch wie in Winterthur. Nur wer den Scooter innerhalb des vorgesehenen Gebietes abstellt, bekommt einen Franken zurückerstattet.

Die Reichweite eines Scooters liegt bei rund 40 Kilometer. Schneider musste schon bis Kreuzlingen TG fahren, um mitten im Wald eines aufzuladen. «Meine längste Route bisher.» So dauert die Tour auch einmal länger als die üblichen zwei Stunden für die durchschnittlich 20 Trottis. An den Musikfestwochen herrschte an den Wochenenden Hochkonjunktur. «Letzte Woche mussten wir zu zweit 70 Scooter einsammeln.»

Anständige Winterthurer, grobe Stadtzürcher

Schneider wohnt in Forch, doch durch seinen Nebenjob kennt er Winterthurs Strassen inzwischen in- und auswendig. Zuvor übernahm Sweeep die Logistik für die E-Trottinette von «Lime» in Zürich, das seine Scooter im Januar wegen einer Unfallserie vom Markt nehmen musste. «In Zürich wurden sehr viele Trottis absichtlich kaputt gemacht oder in den Fluss geworfen. Damit hatten wir in Winterthur bisher keine Probleme», sagt Schneider.

«In Zürich wurden sehr viele Trottis absichtlich kaputt gemacht»

Pro Tag gebe es hier etwa ein bis zwei kleinere Defekte an den Scootern zu beheben, die direkt im Lager beim Technopark behoben würden. Dabei handle es sich meist um lose Schrauben oder lockere Ständer, verursacht durch den gepflasterten Belag in der Altstadt. Grössere Schäden gebe es selten.

Mit 14 Trottis ist die Ausbeute an diesem Abend eher mager. «Selbst dann heisst das, dass insgesamt mehr als 500 Kilometer gefahren wurden», betont Claus Unterkircher von Voi. Am grössten sei die Nachfrage ohnehin an den Wochenenden.

Irgendwann heisst es endgültig «vermisst»

Im Stauraum von Schneiders Transporter stehen jetzt sechs E-Trottis, eine Stunde nach Tour-Start. Seit ein paar Minuten sucht er entlang einer Hecke an der Theaterstrasse vergeblich nach einem Scooter, den die App anzeigt – bis er endgültig den Status «Vermisst» bestätigt. Vereinzelt, sagt er, seien Trottis gar nicht mehr aufgetaucht. Es ist 23 Uhr.

Schneider hat seine Runde beendet. Rund 20 Kilometer hat er mit dem Auto zurückgelegt. Um die Logistik weiter zu vereinfachen, will Voi – wie andere Anbieter auch – mobile Akkus einführen. Damit könnte man fast komplett auf die Autofahrten verzichten, ist man überzeugt. Die Sammler wären fortan ausschliesslich per E-Cargo-Bike unterwegs.

14 E-Scooter stehen nun im Transporter. Diese werden im Lager an der Technoparkstrasse ausgeladen und an die Ladestationen angeschlossen. Tags darauf verteilt Schneider die Trottis auf die Abstellplätze in der Stadt. Bis sechs Uhr morgens müssen sie bereit stehen. «Am Bahnhof sind eine Viertelstunde später schon alle Trottis weg.»

Erstellt: 15.08.2019, 17:36 Uhr

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