Interview

Neuer Alters-Chef will transparenter sein

Seit rund 100 Tagen ist Markus Witter Leiter des städtischen Bereichs Alter und Pflege. Nach einer langen Restrukturierungsphase soll der frühere KSW-Mann Ruhe in den Betrieb bringen und Vertrauen zurückgewinnen. Zudem müssen drei von fünf Alterszentren baulich erneuert werden.

Er war an fünf Weihnachtsfeiern: Der neue Bereichsleiter Markus Wittwer (54) sucht den Kontakt zu den Mitarbeitern und Bewohnern, auch hier im Alterszentrum Neumarkt.

Er war an fünf Weihnachtsfeiern: Der neue Bereichsleiter Markus Wittwer (54) sucht den Kontakt zu den Mitarbeitern und Bewohnern, auch hier im Alterszentrum Neumarkt. Bild: Madeleine Schoder

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Seit gut drei Monaten ist Markus Wittwer Leiter des Bereichs Alter und Pflege. Mit rund 1000 Mitarbeitendenden ist es die grösste Abteilung der Stadtverwaltung. Nach einer bewegten Vorgeschichte mit vielen Personalwechseln und Reorganisationen (siehe Kasten), glauben Departementsleiter Nicolas Galladé (SP) und Wittwer, nun die richtige Organisationsform gefunden zu haben. Auf den Folien an der Pressekonferenz im Alterszentrum Neumarkt stehen Ziele wie «Stabilisierung», «Vertrauensaufbau» und «Ruhe in den Betrieb bringen.»


Herr Wittwer, Sie sind nun 108 Tage im Amt. Angesichts der kurzen Amtszeiten Ihrer Vorgängerinnen fragt man sich: Wie lange bleiben Sie?
Markus Wittwer: Ich habe noch elf Berufsjahre vor mir, und die möchte ich bei Alter und Pflege verbringen. Ich kann eine hohe berufliche Kontinuität vorzeigen und bin nicht bekannt als Job-Hopper: Am Unispital war ich zwölf Jahre tätig, am Kantonsspital elf Jahre.

Was für einen Betrieb haben Sie angetroffen, als Sie im Oktober die Leitung von Alter und Pflege antraten?
Ich erlebte zwei Seiten. Einerseits gibt es sehr viele engagierte und motivierte Mitarbeitende, die vorangehen wollen. Die Qualifikation und das Wissen sind sehr gross. Demgegenüber gibt es auch Mitarbeitende, bei denen das Vertrauen erst wieder aufgebaut werden muss, nach Jahren, wo oft vieles unklar war.

Wo liegt das Problem?
Zum Teil waren die Mitarbeitenden schlicht ungenügend informiert worden, was dazu führte, dass die Identifikation mit dem Betrieb nicht optimal war.

«Die Mitarbeiter  sollen wissen, was in der Geschäftsleitung beschlossen wird.»Markus Wittwer, Leiter Alter und Pflege

Und wie wollen Sie mehr Transparenz herstellen?
Ich bin etwa 50 Prozent der Zeit nicht im Büro, sondern unterwegs in den Standorten und rede dort nicht nur mit dem Kader, sondern auch mit den Mitarbeitenden. Wir haben eine offenere Kommunikationspolitik gestartet, mit Informationsveranstaltungen für alle. Und wir lassen Auszüge aus den Geschäftsleitungssitzungen bis auf die mittlere Kaderstufe allen zukommen. Die Mitarbeiter sollen nachvollziehen können, was dort besprochen und beschlossen wird.

Direkt vor diesem Haus, auf dem Neumarkt, gab es in den letzten Jahren Proteste von Pflegenden. Sind die Arbeitsbedingungen in den Winterthurer Alterszentren schlecht?
Aus meiner Sicht sind die Arbeitsbedingungen angemessen. Die Arbeitsbelastung ist heute in allen Gesundheitsinstitutionen hoch, aber übermässig ist sie bei uns nicht. Wir haben die Stellenpläne intensiv überprüft und bei zwei Zentren werden wir sie demnächst von externen Experten neu prüfen lassen.

Ihre Vorgängerinnen legten Wert darauf, die Standortleitungen der fünf Alterszentren wieder zu stärken. Ist das gelungen?
Die Standortleitungen sind sehr präsent, gestalten das Angebot und prägen die Kultur des jeweiligen Hauses. Sie sind wichtige Ansprechspersonen für die Bewohnenden, aber insbesondere auch für die Angehörigen. Wir wollen ihre Rolle als eigentliche Geschäftsführerinnen noch stärken, indem wir sie in Budgetprozesse stärker miteinbeziehen. Hier im Neumarkt beispielsweise gibt es viele Bewohnende, die noch sehr rüstig sind, deswegen wurde entschieden, etwas mehr Ressourcen in der Hotellerie einzusetzen und etwas weniger in der Pflege. Solche Enscheidungen liegen in der Kompetenz einer Standortleitung. Auch einfache Neubesetzungen von Stellen müssen diese künftig nicht mehr bei mir absegnen lassen.

Welche Pflöcke wollen Sie als nächstes einschlagen?
Wie bereits gesagt, wollen wir aktiver kommunizieren, um unsere Mitarbeitenden besser ins Boot zu holen. Ein zweites Projekt ist die Revision der Taxordnung. Die jetzige ist veraltet und bildet die Kostenwahrheit nicht mehr ab. Dann möchten wir endlich eine elektronische Bewohnenden-Dokumentation einführen, wie sie an anderen Orten bereits gang und gäbe ist. Das spart allen Beteiligten viel Abspracheaufwand. Und dann ist ein grosses Thema die Angebots- und Immobilienstrategie.

Was heisst das genau?
Wir müssen uns klar werden, welche Leistungen wir in den nächsten 20 bis 30 Jahren anbieten wollen. Das hat einen Einfluss darauf, wie wir bauen. Wir werden mittel- bis längerfristig die Häuser Brühlgut, Rosental und Oberwinterthur sanieren müssen. Damit das geht, brauchen wir Ausweichfläche. Es ist nicht zumutbar, dass Bewohnende zwei drei Jahre auf einer Baustelle leben.

Und was haben Sie vor?
Ich kann und möchte dem politischen Prozess nicht vorgreifen. Eine Idee wäre, im Adlergarten einen Erweiterungsneubau zu erstellen. Er kann langfristig genutzt werden, käme aber in einem ersten Schritt primär als Rochadefläche während der Sanierungen zum Einsatz. Das derzeit existierende Provisorium Adlergarten muss bis spätestens 2022 rückgebaut werden.

Mehr Betten für die alternde Bevölkerung sind in dieser Planung nicht vorgesehen?
Nein, der Bedarf nach mehr Pflegeplätzen ist meiner Meinung nach im Moment nicht ausgewiesen. Und da in Neuhegi ein privates Alterszentrum in Planung ist, wird es sogar mehr Konkurrenz geben. Baulich können wir so schnell nicht nachziehen – also müssen wir die Qualität unseres Angebots ins Zentrum stellen.

Und wie steht es um diese?
In meinen ersten Monaten habe ich keine Hinweise darauf bekommen, dass es grössere Unzufriedenheit oder Qualitätsmängel gäbe. Allerdings brauchen wir bessere Daten. Es gibt kaum strukturierte Befragungen von Bewohnern und Angehörigen. Die neu geschaffene Stelle Fachentwicklung wird sich darum kümmern, wie auch um den Aufbau von neuem Fachwissen. So wollen wir zum Beispiel auch Bewohnende betreuen können, die medizinisch-pflegerischen Bedarf haben, damit wir Patienten früher aus dem Spital übernehmen können und verhindern können, dass sie sofort wieder in den Spital müssen, wenn es ihnen einmal schlechter geht. (Landbote)

Erstellt: 16.01.2018, 18:03 Uhr

Die Vorgeschichte

Markus Wittwer ist die vierte Person an der Spitze des städtischen Bereichs Alter und Pflege innert fünf Jahren. Nachdem 2012 alle Heimärzte kündigten liess der Stadtrat eine externe Untersuchung des Altersbereichs durchführen. Diese brachte Mängel in der Führungs- und Organisationsstruktur zutage, worauf der damalige Leiter Andreas Paintner und andere Kader kündigten. Als Interimsleitung holte Galladé im Sommer 2013 Heidi Kropf-Walter. Im Oktober 2014 trat Franziska Mattes ihr Amt an. Unter Mattes und Kropf-Walter wurden verschiedene organisatorische Änderungen durchgeführt, insbesondere erhielten die zuvor zentral geführten fünf Heime wieder Standortleitungen vor Ort. Nach weniger als zwei Jahren kündigte Mattes wegen «unterschiedlicher Auffassungen zur Führung», worauf wieder Heidi Kropf-Walter einsprang. Seit Oktober 2017 ist nun Markus Wittwer im Amt. Er ist ausgebildeter Pflegefachmann. Am Unispital stieg er in zwölf Jahren bis zum stellvertretenden Pflegedirektor auf, am Kantonsspital Winterthur war elf Jahre Personaldirektor und stellvertretender Spitaldirektor. (mig)

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