Winterthur

Nicht alle halten sich ans Rauchverbot

Seit knapp zwei Monaten ist beim Hauptbahnhof Rauchen nur in bestimmten Zonen erlaubt. Noch halten sich längst nicht alle daran. Die Signaletik ist nach wie vor widersprüchlich.

Beim Eingang zum Hauptbahnhof signalisieren Tafeln: Rauchen ist nur noch um die Inseln vor dem Stadttor erlaubt.

Beim Eingang zum Hauptbahnhof signalisieren Tafeln: Rauchen ist nur noch um die Inseln vor dem Stadttor erlaubt. Bild: Johanna Bossart

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Dienstagabend, 17.30 Uhr, Rushhour am Winterthurer Hauptbahnhof. Die Perrons sind voll, die Pendler drängen sich die Rampen hinunter oder warten auf ihren Zug. Die meisten überbrücken die Zeit mit dem Smartphone. Andere zünden sich eine Zigarette an - obwohl sie das nicht mehr dürften. Rauchen ist am Hauptbahnhof und praktisch an allen Winterthurer S-Bahnhöfen seit Anfang Juli nur noch in gekennzeichneten Zonen erlaubt, innerhalb eines Radius von zwei Metern. «Ab hier Nichtraucherbereich. Danke.» Das signalisieren beim Stadttor mehrere Ständer mit Rauchverbotszeichen, ausgestattet mit einem Aschenbecher. Auch an den Enden der Perrons haben die SBB jeweils einen Mini-Rauchbereich platziert.

Strengeres Tabakprodukte-Gesetz in Bern auf dem Weg
Tabakkonsum, aktiv und passiv. Gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) raucht in der Schweiz fast jeder dritte Mann (jeder fünfte täglich) und fast jede vierte Frau (jede sechste täglich). Am höchsten ist der Anteil bei Männern zwischen 25 und 34 Jahren (42 Prozent), bei den Frauen zwischen 15 und 34 Jahren (30 Prozent). Während der Anteil Raucherinnen seit 1992 konstant geblieben ist, rauchen seither 8 Prozent weniger Männer. Auch der Konsum hat sich abgeschwächt. Zumindest die meisten Frauen rauchen weniger als neun Zigaretten pro Tag. Jährlich sterben in der Schweiz gegen 9500 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, zwei Drittel davon sind Männer. Die Kosten für die durchs Rauchen verursachten Folgekrankheiten beziffert das BfS auf rund 5,6 Milliarden Franken pro Jahr. Über die Tabaksteuer fliessen jährlich gegen 2 Milliarden Franken in die AHV. Drastisch zurückgegangen ist seit 2007 der Anteil Passivrauchender, auf 16 Prozent bei 15- bis 24-Jährigen, was vor allem auf das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen zurückzuführen ist, das 2010 in Kraft trat (Rauchverbote). Vor gut einer Woche hat die Gesundheitskommission des Ständerats den Entwurf für ein neues Tabakproduktegesetz diskutiert. Sie fordert, Tabak-Inserate neu auch in Print- und Online-Inseraten zu verbieten. In Kino-Spots und Plakaten soll Tabak-Werbung erlaubt bleiben. Ausserdem soll das Mindestalter beim Verkauf schweizweit auf 18 Jahre angehoben werden. Die Stiftung Sucht Schweiz fordert ein noch umfassederes Werbeverbot. (hit)

Knapp zwei Monate nach Einführung halten sich noch längst nicht alle Pendler ans Quasi-Rauchverbot, zumindest bei Regen. Mehrere Leute stecken sich beim Stadttor eine Zigarette an, rauchen auf der Treppe und dem Weg zu den Perrons weiter. Daran zu stören scheint sich niemand. Keine bösen Blicke, der Pendlerstrom fliesst unentwegt.

550 Kilo Stummel pro Tag

Obwohl das Thema durch die Medien ging, scheint nicht jeder und jede mitbekommen zu haben, dass die SBB nach ersten Tests an den Bahnhöfen Stadelhofen, Basel und Neuchâtel bis Mitte 2020 schweizweit umrüsten wollen. «Von Zürich wusste ich es. In Winti auch?», fragt ein junger Mann auf dem Gleis 3 ungläubig. Eine Frau anfangs Zwanzig wiederum pafft bewusst weiter: «Solange die Züge regelmässig Verspätung haben, lasse ich mir nichts vorschreiben.» Bussen, das schickten die SBB voraus, wolle sie keine verteilen. Sie wollen ihre Kunden sanft umgewöhnen. Wenn, dann soll die Transportpolizei Raucher auf das Verbot aufmerksam machen, und nur im Notfall wegweisen.

«Rauchverbot? Auch hier in Winti?»

Andere Raucherinnen und Raucher zeigen sich einsichtig und nehmen den weiten Weg an die Ende der Perrons in Kauf, wo die Mini-Raucherzonen jeweils platziert wurden. «Wenn die Zeit reicht, kein Problem. Auch eine Zigi auf die Gleise zu werfen, käme mir nie in den Sinn.» Völlig daneben fände er das, sagt ein Mittdreissiger mit Feierabendbier in der Hand. Die SBB sammeln laut eigenen Angaben jährlich gegen 200 Tonnen Zigarettenstummel zusammen, 550 Kilogramm pro Tag, neben dem Gestank ein Grund, warum der Verband öffentlicher Verkehr das Teil-Verbot beschlossen hat, und das übrigens auch für die dampfenden E-Zigaretten-Raucher gilt.

Auf den Bahnsteigen und auf den Gleisen liegen vereinzelt Zigaretten-Stummel herum. Nach Rauch stinkt es kaum. Anders inmitten der Hauptunterführung, dem Flaschenhals, wo nach wie vor Raucherinsel platziert ist. Die Winterthurer Zeitung hatte die SBB bereits Anfang Juli auf diese widersprüchliche und verwirrende Signaletik aufmerksam gemacht. An den Eingängen geht man wie gesagt von «generell rauchfrei» aus. Reagiert haben die SBB bislang nicht.

«Grüezi. wüssed sie, dass...»

20 Uhr, beim Stadttor wird inzwischen geschlendert, statt gehetzt. Eine junge Frau und zwei Männer stecken sich gerade eine Zigarette an, als zwei Transportpolizisten langsamen Schrittes auf sie zugehen. Bestimmt, aber ruhig und freundlich verweisen sie auf die Raucherzonen bei den Taxi-Ständen. Während die Frau verdutzt beteuert, nichts von dem Verbot gewusst zu haben, murren die Jungs: «Was? Fürs Fertigrauchen in den Regen?». Die Antwort der Herren in den gelben Vesten: Ein Nicken. Ein Lächeln. Und eine klare Botschaft ohne Worte: Keine Ausnahmen.

Erstellt: 27.08.2019, 15:20 Uhr

Rauchfreie S-Bahnhöfe in Stadt und Region

2018 fanden schweizweit an sechs Bahnhöfen erste Praxistests statt; an folgenden Bahnhöfen in Winterthur und der Region sind rauchfreie Bahnhöfe nun eingerichtet oder geplant. Seit Juli: Winterthur HB, Reutlingen, Oberwinterthur, Ossingen, Seuzach, Schlatt, Stammheim, Töss, Wallrüti, Wülflingen. Seit August: Wiesendangen. Ab September: Bauma, Effretikon, Elgg, Kollbrunn,Rämismühl-Zell, Räterschen, Winterthur Seen, Sennhof-Kyburg,Turbenthal, Winterthur Grüze, Winterthur Hegi, Wila, Kempthal. (hit)

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