Gewalt

Niedergestochen für 43 Franken: DOK-Film porträtiert Winterthurer Raub-Fall

Ein neuer DOK-Film des SRF zeigt das Ausmass alltäglicher Gewalt in der Schweiz. Einer der porträtierten Fällen ereignete sich in Winterthur. Das Besondere: Nicht nur das Opfer spricht vor der Kamera.

Die Überwachungskamera des Polizeipostens hält fest, wie die Polizei Josef Wartenweiler vorfindet. Erst jetzt realisiert der Winterthurer, dass er verletzt ist.

Die Überwachungskamera des Polizeipostens hält fest, wie die Polizei Josef Wartenweiler vorfindet. Erst jetzt realisiert der Winterthurer, dass er verletzt ist. Bild: Screenshot DOK-Film

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43 Franken. Dafür schlagen zwei junge Erwachsene den Winterthurer Josef Wartenweiler nieder und verletzten ihn mit einem Messer. Die Stiche treffen ihn im Brustbereich, dort, wo Herz und Lungen sind. Der Fall ist eines der Vorkommnisse, das Regisseurin Eveline Falk im neuen SRF DOK-Film «Bedrängt. Bedroht. Geschlagen – Alltägliche Gewalt auf der Strasse» porträtiert.

Die Prämisse ist so einfach wie verstörend: Die Gewalt nimmt zu. Laut SRF werden in der Schweiz täglich fast 85 Straftaten im Gewaltbereich verzeichnet. «Warum?», fragt die DOK-Regisseurin. Angesichts der aufgezeigten Beispiele wirkt die Frage beinahe hilflos.

So ist Josef Wartenweiler kein gezieltes Opfer. Er ist einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Auf dem Nachhauseweg lauern ihm die beiden Täter in der Nähe des Hauptbahnhofs auf. «Sie haben auf eine männliche Person gewartet, die alleine ist», sagt Wartenweiler vor der Kamera.

«Sie haben auf eine männliche Person gewartet, die alleine ist.»Josef Wartenweiler, Opfer

Die unscharfen Bilder von Überwachungskameras zeigen den Haupttäter, wie er mit dem Geld flüchtet. Sie werden später helfen, ihn zu überführen. Derweil sucht sein Opfer Hilfe bei einem Polizeiposten. Die Videokamera dort zeigt einen Mann, der sichtlich unter Schock steht. In seinem T-Shirt klafft deutlich ein Loch, rot eingefärbt vom Blut. Dass er verletzt ist, realisiert er erst, als ein Polizist ihn bittet, das Shirt anzuheben.

Gewalt als Erlebnis

Geld ist nicht das einzige Motiv der Täter. Der Hauptschuldige wollte schlicht erleben, wie es sei, jemanden niederzuschlagen. Fast unerträglich hallt das «Warum?» in der Erzählung des Opfers und den Originalbildern nach. Und da spielt Regisseurin Falk ihren Trumpf aus: Sie holt nicht nur Opfer, sondern auch Täter vor die Kamera.

Der heute 22-jährige Haupttäter hat heute zwei Jahre seiner über fünfjährigen Haftstrafe hinter sich. Er gibt das Bild ab eines jungen Mannes, der sich noch nicht so recht zurechtfinden will in der Erwachsenenwelt. Als hätte man Kriegsrecht auf einen Bubenstreich angewandt. Redet er über sein Opfer, spricht er vom «Herr Wartenweiler».

Seit er 14 Jahre alt war, sei er auf sich gestellt gewesen. In seinem Leben habe es nie jemanden gegeben, der ihn auf das Erwachsenwerden vorbereitete, resümiert er in der Haftanstalt. «Ich wusste immer, was ich getan habe», sagt der junge Mann. «Aber welches Ausmass meine Taten hatten, für alle Beteiligten, das war mir damals nicht bewusst.» Damals, das war vor seiner Haft. Erst im Gefängnis habe er realisiert, was er angerichtet hatte. Er erzählt eine Geschichte, wie sie viele kennen, die Gewalt ausüben.

Bekannte Muster

So wie der Rapper aus Alstätten SG. Auch seine Geschichte zeigt vertraute Muster: Zerrüttete Familienverhältnisse, häusliche Gewalt, keine Struktur und auf sich gestellt. Mit 14 schlug er das erste Mal zu. «Ich hatte keinen Status in der Gesellschaft, keinen Schulabschluss, keine Lehre», sagt er. «Ich hatte nur das.» Damit meint er seinen Stolz. Ein «falscher» Stolz sei das gewesen, bilanziert der geläuterte Gewalttäter rückblickend. Heute findet er in seiner Musik ein Ventil. Das musste er allerdings erst finden.

«Ich wusste immer, was ich getan habe.»Täter

Solche Muster gibt es auf der Opferseite ebenfalls. Etwa bei der jungen Frau aus Dübendorf. Nach einer Attacke auf sie fragte sie sich, ob sie etwas Falsches, etwas «Freches» gesagt habe. Ob sie die falschen Kleider trug. Heute kann sie das verneinen. Aber die Opfer-Täter-Umkehr, dieser Reflex, um eine Erklärung im Unerklärlichen zu finden, ist stark.

Opfer als Täter

Und er kann fatal sein. Dann, wenn er zum Wegbereiter wird für Gewalt. Das kann schneller passieren, als gerne angenommen wird. Ein Zürcher Partygänger etwa reagiert auf die Anekdote, wie eine Frau im Ausgang belästigt wurde, mit den Worten: «Es kommt immer darauf an, wie sich eine Frau anzieht.»

Der DOK-Film wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das zuletzt um die Jahrtausendwende Konjunktur hatte. Die Gewalt-Thematik ist zweifelsohne aktuell, akut, könnte man nach dem Beitrag meinen. Ganz so ratlos, woher die Gewalt kommt, ist man allerdings nicht. Die Muster, die zu Gewalt führen, sind nicht erst seit gestern bekannt.

Erstellt: 18.11.2019, 18:32 Uhr

Ausstrahlung

«Bedrängt. Bedroht. Geschlagen – Alltägliche Gewalt auf der Strasse» auf SRF1: Donnerstag, 21.11.2019, 20:05 - 21:05 / 60 Minuten.

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